Nach Schock-Diagnose Brustkrebs: häufig Vorhofflimmern; Melanom-Therapie optimiert nach zirkadianem Rhythmus: AML-Gen entdeckt

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

30. November 2021

Im Onko-Blog dieser Woche geht es um die optimale Therapiesequenz und den optimalen Zeitpunkt der Therapie beim Melanom. Nach der Diagnose eines Brustkrebses kann es bei Frauen vermehrt zu Vorhofflimmern kommen. Patienten mit Prostatakarzinom berichten eine bessere Lebensqualität bei Behandlung mit Abirateron als bei Therapie mit Docetaxel. 5 Jahre nach Operation und Chemotherapie eines frühen Pankreaskarzinoms leben noch 27% der Patienten.

  • Fortgeschrittenes Melanom: Nivolumab + Ipilimumab gefolgt von Dabrafenib + Trametinib besser als umgekehrte Sequenz

  • Melanom: Zirkadianer Rhythmus beeinflusst Therapieerfolg

  • Mammakarzinom: Mehr Vorhofflimmern nach Brustkrebsdiagnose

  • Prostatakarzinom: Bessere Lebensqualität mit Abirateron als mit Docetaxel

  • Pankreaskarzinom: 5-Jahres-Überlebensrate nach Operation und Chemotherapie

  • AML: Wichtige genetische Veranlagung entdeckt

Fortgeschrittenes Melanom: Nivolumab + Ipilimumab gefolgt von Dabrafenib + Trametinib besser als umgekehrte Sequenz

Bei fortgeschrittenem Melanom verbessert die Kombination aus Nivolumab und Ipilimumab (N/I) gefolgt von der Kombination aus Dabrafenib und Trametinib (D/T) das 2-Jahres-Gesamtüberleben signifikant stärker (72%) als die umgekehrte Behandlungssequenz (52%). Dies ergab die Phase-3-Studie DREAMseq der ECOG-ACRIN Cancer Research Group (ECOG-ACRIN). Die Ergebnisse hat sie im November 2021 in der virtuellen Plenary-Serie der American Society of Clinical Oncology präsentiert.

„Obwohl viele Ärzte derzeit die Behandlung von Melanom-Patienten mit BRAF-Mutation mit einer gezielten Therapie beginnen, liefert die DREAMseq-Studie starke Beweise dafür, dass die Immuntherapie-Kombination die bessere initiale Behandlung ist“, so Dr. Michael B. Atkins, Lombardi Comprehensive Cancer Center, Washington, DC, in einer Pressemitteilung.

In der vom National Cancer Institute der USA finanzierten Studie erhielten Patienten mit therapienaivem BRAFV600-mutiertem metastasiertem Melanom randomisiert in Phase 1 entweder N/I (Arm A) oder D/T (Arm B). Bei Progression der Erkrankung erhielten sie in Phase 2 die jeweils andere Therapie, nämlich D/T (Arm C) bzw. N/I (Arm D).

Die 2-Jahres-Überlebensrate bei Therapiebeginn mit N/I lag bei 72%, bei Therapiebeginn mit D/T bei 52% (p = 0,0095). Das progressionsfreie Überleben zeigte einen Trend für Arm A (p = 0,054). Die Ansprechraten lagen in Arm A bei 46%, in Arm B bei 43%, in Arm C bei 48% und in Arm D bei 30%.

Melanom: Zirkadianer Rhythmus beeinflusst Therapieerfolg

Patienten mit fortgeschrittenem Melanom, die mehr als 20% ihrer Immuncheckpoint-Inhibitoren-Infusionen nach 16.30 Uhr erhielten, hatten ein schlechteres Überleben als Patienten, die früher am Tag behandelt wurden. Dies ergab eine Analyse von Daten aus der Längsschnittstudie Melanom Outcomes Following Immunotherapy (MEMOIR) am Winship Cancer Institute der Emory University, Atlanta, USA, die in Lancet Oncology veröffentlicht worden ist.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vermeidung abendlicher Infusionen von Immuncheckpoint-Inhibitoren das Gesamtüberleben verbessern könnte, weil die Therapie dann besser in den zirkadianen Rhythmus des Immunsystems integriert ist und sie eine immunvermittelte Antitumorreaktion effektiver fördert“, so die Autoren.

Diese Ergebnisse könnten „die klinische Praxis ohne zusätzliche Kosten verändern“, so Prof. Dr. Francis Lévi, Villejuif/Paris, ein Pionier im Bereich der onkologischen Chronotherapie, im begleitenden Editorial. „Die Weiterentwicklung einer auf zirkadianen Rhythmen basierenden Immunchemotherapie würde die Krebsmedizin tatsächlich in eine echte Präzisionsonkologie wandeln.“

Aus der MEMOIR-Studie wurden Daten von 299 Patienten analysiert, die ihre Infusion mit Immuncheckpoint-Inhibitoren zwischen 8 und 17:30 Uhr bekamen. 74 Patienten (25%) erhielten mindestens 20% der Infusionen nach 16.30 Uhr. Eine Propensity Score gematchte Analyse ergab, dass die abendliche Infusion mit einem kürzeren Gesamtüberleben von im Median 4,8 Jahren assoziiert war als eine Infusion früher am Tag, für die der Wert des Gesamtüberlebens derzeit noch nicht erreicht ist.

Mammakarzinom: Mehr Vorhofflimmern nach Brustkrebsdiagnose

Die Inzidenz von Vorhofflimmern ist bei Frauen nach Diagnose einer Brustkrebs-Erkrankung signifikant höher als bei nicht an Krebs erkrankten Frauen. Je fortgeschrittener das diagnostizierte Stadium war, desto höher war das Risiko für ein Vorhofflimmern. Das Vorhofflimmern erhöht die kardiovaskuläre, aber nicht die krebsassoziierte Sterblichkeit. Eine amerikanische Arbeitsgruppe publizierte diese Ergebnisse einer SEER-Medicare-Analyse im European Heart Journal .

Die Forscher identifizierten mit Hilfe der Surveillance, Epidemiology, and End Results-Medicare-Datenbank 85.423 Frauen im Alter ab 66 Jahren mit einer neuen Brustkrebs-Diagnose (2007 bis 2014). Sie wurden im Verhältnis 1:1 Medicare-Teilnehmern ohne Krebs zugeordnet und ein Jahr lang auf den primären Endpunkt Vorhofflimmern beobachtet.

Vor der Brustkrebsdiagnose hatten 11% der Frauen ein Vorhofflimmern. Im Jahr nach der Brustkrebsdiagnose wurde bei 2.993 Patientinnen (3,9%) ein neu aufgetretenes Vorhofflimmern diagnostiziert, was einer Inzidenz von 3,3% nach einem Jahr entsprach. In der Kontrollgruppe lag die Inzidenz bei 1,8%.

Vorhofflimmern trat bei den Frauen mit Brustkrebs am häufigsten in den ersten 60 Tagen nach Diagnose neu auf.

Neben den klassischen demographischen und kardiovaskulären Risikofaktoren war auch das Stadium der Brustkrebserkrankung stark mit dem Risiko eines Vorhofflimmerns assoziiert (Stadium IV vs. I adjustierte Hazard Ratio 4,21).

Prostatakarzinom: Bessere Lebensqualität mit Abirateron als mit Docetaxel

Patienten mit Prostatakarzinom berichteten über eine bessere Lebensqualität, wenn sie mit Abirateronacetat plus Standardtherapie im Vergleich zu Docetaxel plus Standardtherapie behandelt wurden. Dies zeigte eine im Journal of Clinical Oncology veröffentlichte Auswertung der britischen STAMPEDE-Studie.

In der STAMPEDE-Studie wurde bei 515 Patienten mit Prostatakarzinom, die randomisiert zusätzlich zu Standardtherapie mit Docetaxel (n = 173) oder Abirateronacetat (n = 342) behandelt wurden, die Lebensqualität mit dem QLQ-C30- + PR25-Fragebogen untersucht.

Nach 2 Jahren war der globale Score für Lebensqualität in der Abirateron-Gruppe um 3,9 Punkte höher als in der Docetaxel-Gruppe. Allerdings war der Unterschied nicht signifikant. Eine noch stärkere Verbesserung der Lebensqualität zeigte sich im ersten Behandlungsjahr mit +5,7 Punkten sowie insbesondere in Woche 12 (+7,0 Punkte) und 24 (0,83 Punkte).

Pankreaskarzinom: 5-Jahres-Überlebensrate nach Operation und Chemotherapie

Von 176 Patienten mit einem duktalen Adenokarzinom des Pankreas im Frühstadium lebten nach Operation und Chemotherapie noch 48 Patienten (27%) nach 5 Jahren. Davon hatten 20 Patienten (11%) nach 5 Jahren noch kein Rezidiv erlitten.

Nach Aussage der italienischen Autorengruppe in Annals of Surgical Oncology beschreibt die Studie das tatsächliche Überleben von Patienten mit vollständigem Follow-up, die mit Pankreatektomie und einer adjuvanten Chemotherapie in einem Real-World-Szenario behandelt worden sind.

Die 176 in der Studie analysierten Patienten hatten sich zwischen 2009 und 2014 einer Operation und einer adjuvanten Chemotherapie unterzogen. Die Analyse der 154 Patienten mit Rezidiv ergab, dass unabhängige Prädiktoren für ein kürzeres Überleben nach Rezidiv eine totale Pankreatektomie, G3-Tumoren, ein Rezidiv weniger als 12 Monate nach der Operation und keine Behandlung bei Rezidiv waren.

Unabhängige negative Prädiktoren für das krankheitsfreie Überleben waren CA19-9-Spiegel über 200 U/ml bei Diagnose, totale Pankreatektomie, positive Lymphknoten, G3-Tumoren und perineurale Invasion.

AML: Wichtige genetische Veranlagung entdeckt

Angeborene Variationen in Genen, die bei der Histonmethylierung (KMT5B) und bei der Immunfunktion (HLA) eine Rolle spielen, können das Risiko für eine akute myeloische Leukämie erhöhen. Dies konnte eine internationale Forschergruppe in einer der bislang größten Studien zu dieser Frage zeigen. Sie ist in Nature Communications publiziert.

Im Rahmen der genomweiten Assoziierungsstudie untersuchten die Wissenschaftler gezielt solche Stellen in der rund 3 Milliarden Nukleotide umfassenden DNA-Sequenz des Menschen, an denen die Erbsubstanz bei mindestens 1% der Bevölkerung eine Veränderung in einer einzigen Nukleotidbase aufweist. Mehr als 7 Millionen solcher Einzelnuklid-Polymorphismen (SNPs) wurden analysiert.

Eine Veränderung im Gen KMT5B war signifikant häufiger bei den über 4.000 analysierten AML-Patienten als bei den rund 10.500 gesunden Kontroll-Personen.

Eine Veränderung im Gen HLA-DQB1 auf Chromosom 6p lag signifikant häufiger bei Patienten mit zytogenetisch normaler AML vor, der häufigsten AML-Subgruppe.

Hierzu Prof. Dr. Friedrich Stölzel, Universitätsklinikum Dresden, in einer Pressemitteilung: „Von einem der entdeckten Risiko-Gene wissen wir, dass es eine wichtige Rolle für die Funktion unseres Immunsystems spielt. Unsere Ergebnisse zeigen daher auch, dass ein funktionierendes Immunsystem uns vor einer AML-Erkrankung schützt, während ein weniger effizientes Immunsystem das Risiko für eine AML-Entwicklung erhöht.“

Weitere Untersuchungen sollen klären, welche biologischen Mechanismen durch die genetischen Veränderungen ausgelöst werden und wie diese zur Entstehung einer Leukämie beitragen. Auf dieser Grundlage könnten dann möglicherweise neue Strategien zur Vermeidung und Therapie von Leukämien entwickelt werden.

 

Kommentar

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