Omikron: Alarmstimmung und Reisebeschränkungen – WHO sieht hohes globales Risiko, erste Nachweise lokaler Infektion in UK

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

29. November 2021

Die neue Coronavirus-Variante aus Südafrika sorgt international weiterhin für Alarmstimmung. „Es handelt sich um die erste Variante seit Delta, die ziemlich besorgniserregend aussieht. Die in Südafrika entdeckte Corona-Variante B.1.1.529 verbreitet sich mit erschreckender Geschwindigkeit“, sagte Dr. Eric Topol, einer der meist zitierten US-Wissenschaftler und Chefredakteur von Medscape USA in einem Fernseh-Interview mit CNN .

Die große Frage sei, ob die Immunantwort von Geimpften oder Genesenen auf diese Variante abgeschwächt sei. „Das ist noch nicht klar", schreibt er in einem Tweet. Vieles weist jedoch darauf hin. Die WHO hat am Freitag ein „Emergency Meeting“ zu der neuen Variante einberufen. Diese wurde Omikron benannt. 2 Buchstaben des griechischen Alphabets, die eigentlich an der Reihe gewesen wären, hatte die WHO übersprungen. Ny (englisch Nu) klinge zu sehr nach "New" lautete die Begründung. Und das dann folgende Xi sei als Nachname zu sehr verbreitet.

Die WHO hat das globale Risiko durch Omikron als "sehr hoch" eingestuft. Die Wahrscheinlichkeit einer weltweiten Ausbreitung sei sehr hoch. Viele Länder haben inzwischen reagiert und Reisebeschränkungen in Kraft gesetzt. Einreisende müssen in Quarantäne und werden getestet. Doch wird immer klarer, dass Omikron längst in vielen Ländern angekommen ist. Wie die Tagesschau berichtet, meldet z.B. Schottland inzwischen 6 bestätigte Fälle. Neu ist, dass darunter auch Menschen ohne eine Reise-Anamnese im südlichen Afrika sind. In Deutschland sind In Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen mehrere Verdachtsfälle der Variante gemeldet worden. Hier handelt es sich aber um Personen, die aus Südafrika nach Deutschland eingereist sind. Auch andere europäische Länder sowie Kanada haben Omikron inzwischen bei Reise-Rückkehrern nachgewiesen.   

14 Tage Quarantäne für Einreisende aus dem südlichen Afrika

Für Deutschland hatte Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn am Freitag bereits ebenfalls Konsequenzen angemeldet. „Deutschland wird u.a. Südafrika zum Virusvariantengebiet erklären. Mit Inkrafttreten heute Nacht dürfen Fluggesellschaften nur noch Deutsche nach Deutschland befördern, außerdem gelten 14 Tage Quarantäne für alle, auch Geimpfte“, schrieb er auf Twitter. Und weiter: „Wir bleiben bei der Einreise vorsichtig. Die neu entdeckte Variante B.1.1.529 besorgt uns, daher handeln wir hier pro-aktiv und frühzeitig. Das letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme macht.“

 
Das letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme macht. Jens Spahn
 

„Wir sind tatsächlich in großer Sorge“, hat der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Dr. Lothar Wieler in der Pressekonferenz am Freitag bestätigt. „Es handelt sich um eine Variante, die sehr viele Mutationen trägt – und zwar vor allem im Spike-Protein.“ Einige dieser Mutationen seien bereits früher beobachtet und zugeordnet worden – sie beträfen z.B. Stellen, an denen neutralisierende Antikörper binden. Sie befänden sich zudem in Bereichen, die für die Aufnahme des Virus in die Zellen verantwortlich seien. „Das spricht dafür, dass es sich um eine erhöhte Transmission handeln könnte.“

Das RKI stehe im Kontakt mit den südafrikanischen Kollegen, sagte er. Es gebe in einigen Provinzen Südafrikas derzeit stark steigende Fallzahlen, es sei aber noch nicht eindeutig geklärt, ob diese mit der Verbreitung der neuen Variante in Zusammenhang stünden.

 
Wir sind tatsächlich in großer Sorge. Dr. Lothar Wieler
 

Es gelte durch Reisebeschränkungen die Ausbreitung so gut es gehe zu bremsen, forderte Wieler. Die EU hatte ebenfalls am Freitag bereits angekündigt, Reisen aus dem südlichen Afrika in die EU auf ein absolutes Minimum zu beschränken.

„Vorteile“ gegenüber Delta – welche das sind, ist noch unklar

Nach ersten Daten scheint sich die neue Variante mit sehr viel rascherer Geschwindigkeit auszubreiten, als es im letzten Jahr die Delta-Variante tat. Am Donnerstag vergangene Woche hatte das südafrikanische Gesundheitsministerium über die Variante informiert. Wie die Zeitschrift Nature von der Pressekonferenz berichtete, wurde B.1.1.529 erst diesen Monat erstmals in Botswana identifiziert und war dann auch bei Reisenden aus Südafrika nach Hongkong und nach Israel nachgewiesen worden.

„Es gibt vereinzelte Berichte über Reinfektionen und Erkrankungen bei geimpften Personen, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, um etwas zu sagen“, zitiert Nature Dr. Penny Moore, Virologin an der University of Witwatersrand in Johannesburg, deren Labor die neue Variante – und vor allem deren Potenzial, die Immunität durch Impfstoffe und frühere Infektionen zu umgehen – untersucht.

Entdeckt haben die Wissenschaftler B.1.1.529 in Genom-Sequenzierungsdaten aus Botswana. Die Variante fiel auf, weil sie mehr als 30 Veränderungen am Spike-Protein enthält, das für die Erkennung der Wirtszellen zuständig und Hauptziel der körpereigenen Immunreaktion ist. Viele der Veränderungen sind von anderen Varianten wie Delta und Alpha bekannt und stehen dort im Zusammenhang mit einer erhöhten Infektiosität und der Fähigkeit, Antikörpern, die die Infektion blockieren, zu entgehen.

Zur Alarmstimmung trägt auch bei, dass die Variante in der südafrikanischen Provinz Gauteng, in der die 10-Millionenstadt Johannesburg liegt, sich bereits in kürzester Zeit sehr stark ausgebreitet und andere Varianten, vor allem Delta, verdrängt hat. Der Infektiologe Dr. Richard Lessells von der Universität von KwaZulu-Natal in Durban, Südafrika, berichtete, dass die Infektionen mit der Variante in der Provinz im November rapide zugenommen haben, insbesondere in Schulen und unter jungen Menschen. In allen 77 analysierten Virusproben aus Gauteng aus der Zeit vom 12. bis 20. November sei B.1.1.529 nachgewiesen worden. Die Analyse von Hunderten weiterer Proben sei in Arbeit.

Ein Vorteil: Die neue Variante weist eine Spike-Mutation auf, die es ermöglicht, sie durch einen speziellen PCR-Test quasi in Real-Time nachzuweisen, so dass nicht auf die langsame und aufwändigere Genomsequenzierung gewartet werden muss, so Lessells.

Doch das scheint schon die einzige positive Nachricht zur neuen Variante zu sein. Denn vorläufige Ergebnisse dieser Tests deuteten darauf hin, dass sich B.1.1.529 weit über Gauteng hinaus ausbreitet. „Das gibt uns Anlass zur Sorge, dass diese Variante bereits ziemlich weit im Land zirkuliert“, sagte Lessells. Und es würde auch bedeuten, dass Omikron im Vergleich zur bislang vorherrschenden Delta-Variante deutliche „Vorteile“ bei der Ausbreitung hat. Was genau diese „Vorteile“ sind – ob es sich um ein Immun-Escape-Phänomen handelt – bleibe nun zu untersuchen, heißt es aus Südafrika.

Am Sonntag äußerte sich Prof. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, in einem ZDF-Interview ebenfalls "ziemlich besorgt" über die neue Variante. Berichte in den Medien, die neue Variante sei zwar hochansteckend, führe aber eher zu milden Verläufen, haben nach seiner Ansicht "noch zu wenig Substanz".

In Südafrika seien vor allem viele junge Leute infiziert - und bei einer beträchtlichen Anzahl handele es sich um Re-Infektionen. Die Sorge sei daher vor allem, dass es sich bei Omikron um die erste "tatsächliche Immunescape-Variante" handeln könne, sagte Drosten. Allerdings könne man nicht warten, bis die Impfstoffe an die neue Variante angepasst seien, was prinzipiell aber innerhalb einiger Monate möglich sei. Bis dahin böten Impfungen - und vor allem Booster-Impfungen - wahrscheinlich noch den besten Schutz vor schweren Krankheitsverläufen.  

 

Kommentar

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