Das geht zu weit! Wenn Patienten das Gespräch mit ihrem Arzt per Smartphone aufnehmen wollen – wie sollten Ärzte handeln?

Amanda Loudin

Interessenkonflikte

24. November 2021

Smartphones sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, auch nicht aus der Medizin. In der Hand von Patienten haben sie ihre Licht- und ihre Schattenseiten. Für Ärzte kann das mitunter problematisch werden. 

Joe Lindsey, ein 48-jähriger Journalist aus Colorado, leidet seit etwa 15 Jahren an einem komplexen Hörverlust, der zu unzähligen Arztbesuchen, Behandlungen und sogar zu Operationen geführt hat, in der Hoffnung auf Besserung. Mit der Zeit verschlechterte sich Lindseys Hörvermögen, und er begann, seine Termine aufzuzeichnen, um wichtige Informationen zu behalten. Lindsey hat gute Absichten, aber das gilt nicht für alle Patienten.

Da Smartphones allgegenwärtig sind, kann die Aufzeichnung von Gesprächen bei Arztterminen auch ihre Schattenseiten haben. Es gibt zwar gute Gründe, wie bei Lindsey. Aber die Ziele der Patienten und die Art und Weise, wie sie die Aufzeichnung durchführen, sind entscheidend. Nur Audio? Oder auch Video? Mit dem Wissen und der Erlaubnis des Arztes oder ohne?

Ärzte sehen sich mit rechtlichen und ethischen Problemen unterschiedlicher Art konfrontiert, weshalb es wichtig ist, alle Seiten des Themas zu beleuchten.

Zu viele Informationen beim Arztgespräch

Die medizinische Welt ist geteilter Meinung, was die Aufzeichnung von Arztbesuchen durch Patienten angeht. Die American Medical Association (AMA) ist mit ihrem jüngsten Vorschlag (Resolution 007) gescheitert, in dem gefordert wird, dass jede Audio- oder Videoaufnahme während einer medizinischen Untersuchung „sowohl die Benachrichtigung als auch die Zustimmung des Arztes und des Patienten erfordern sollte“. Anstatt über die Resolution abzustimmen, hat das AMA-Delegiertenhaus sie vertagt und beschlossen, weitere Informationen zu diesem Thema einzuholen.

In den meisten Fällen würden Patienten ihre Besuche in gutem Glauben aufzeichnen, sagt Dr. Jeffrey Segal, JD, CEO und Gründer von Medical Justice, einer Firma für Risikominderung und Reputationsmanagement für Ärzte im Gesundheitswesen. Wenn dies mit Teamgedanken geschehe, sprich alle davon wüssten, sei er ein Fan davon. „Der häufigste Grund, warum Patienten Besuche aufzeichnen, ist, dass viele Informationen vom Arzt an den Patienten weitergegeben werden und die Zeit einfach nicht ausreicht, um alles aufzunehmen.“

Zwar haben die Patienten die Möglichkeit, sich Notizen zu machen, doch kann dies bei der Art des Gesprächs, bei dem es um das Geben und Nehmen geht, schwierig werden. „Wenn Patienten den Besuch aufzeichnen, können sie später alles verdauen“, sagt Segal. Dies unterstütze er. 

 
Wenn Patienten den Besuch aufzeichnen, können sie später alles verdauen. Dr. Jeffrey Segal
 

Nicht alle Patienten haben gute Absichten 

Es ist jedoch die Frage der guten Absicht, die einigen Ärzten in der hochgradig prozessorientierten Gesellschaft Sorgen bereitet. „Die Sorge ist, dass es eine kleine Gruppe von Patienten gibt, die Hintergedanken haben“, sagt Segal. 

 
Die Sorge ist, dass es eine kleine Gruppe von Patienten gibt, die Hintergedanken haben. Dr. Jeffrey Segal
 

„Manche Patienten zeichnen Gespräche auf, um im Falle eines Falles etwas in der Hand zu haben“, fügt er hinzu. „Sie wollen die Aufzeichnung, um möglicherweise mit einem Anwalt besprechen oder eine Beschwerde bei einer Behörde einreichen.“ 

Die Gesetze in den USA über Aufnahmen sind verwirrend und variieren von Staat zu Staat. Derzeit ist in 39 US-Bundesstaaten eine einseitige Zustimmung möglich, d. h. ein Patient kann einen Besuch aufzeichnen, ohne dass der Arzt zustimmt.

Prof. Dr. Monica Verduzco-Gutierrez, Lehrstuhlinhaberin für Rehabilitationsmedizin an der University of Texas Health, San Antonio, wohnt in Texas, einem der 39 Bundesstaaten, in denen eine Einverständniserklärung gilt. „Ärzte müssen sich dieser Tatsache bewusst sein und bedenken, wie etwas gegen sie verwendet werden könnte“, sagt sie. „Es ist eine gute Praxis, die Erwartungen des Patienten von Anfang an zu klären. Informieren Sie sich auch über die Richtlinien Ihres Krankenhauses – in manchen Krankenhäusern gibt es Grenzen für Aufnahmen.“ 

„Der erste Schritt besteht darin, zu wissen, in welchem Typ Staat Sie praktizieren“, so die Expertin. „Unabhängig davon, ob Sie in einem Staat mit einseitiger oder zweiseitiger Zustimmung praktizieren – vor allem aber in einem Staat mit einseitiger Zustimmung – ist es ein kluger Schachzug, in Ihrer Praxis ein Schild anzubringen, auf dem steht, dass Sie die Aufzeichnung von Besuchen unterstützen, sofern der Patient offen und transparent damit umgeht. 

„Lassen Sie den Patienten wissen, dass er Sie um Erlaubnis bitten muss, wenn er Aufnahmen machen will“, sagt Segal. „Lassen Sie ihn wissen, dass es nicht angebracht ist, wenn er keine Erlaubnis von Ihnen erhalten hat“, rät Verduzco-Guitierrez.

Natürlich gibt es gelegentlich Horrorgeschichten über heimliche Aufnahmen. „Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Patient ein Telefon mit laufender Aufzeichnung in der Tasche eines Kleidungsstücks zurückließ, die er mit in den OP nahm“, sagt sie. „Die Hintergrundgespräche waren nicht gerade schmeichelhaft für den Patienten, der zufällig ein Angestellter des Krankenhauses war. Als er zu sich kam und die Aufnahme hörte, klagte er und gewann seinen Fall.“

Riskante Videos

Doch was hat es mit der seltenen Situation, dass ein Patient sein Handy zückt und ein Gespräch auf Video aufnimmt, auf sich? Das kann eine große Gefahr darstellen. „Patienten können eine Videoaufnahme durch Bearbeitung missbrauchen, und die Aufnahme wird eindimensional, was dem Arzt gegenüber unfair ist“, fügt Segal hinzu. 

 
Patienten können eine Videoaufnahme durch Bearbeitung missbrauchen, und die Aufnahme wird eindimensional, was dem Arzt gegenüber unfair ist. Dr. Jeffrey Segal
 

Manchmal haben die Patienten auch andere Motive. „Mir sind Fälle bekannt, in denen ein Arzt-Patienten-Gespräch hitzig wurde und der Patient sein Handy zückte, um eine Videoaufnahme zu machen und sie in den sozialen Medien zu veröffentlichen“, sagt Segal. „Sobald jemand ein Telefon benutzt, um ein Video aufzunehmen, sollten Sie das Gespräch einfach beenden. Sagen Sie dem Patienten: ‚Wir haben eine Meinungsverschiedenheit‘, und dass es Zeit ist, das Gespräch zu beenden.“  

 
Sobald jemand ein Telefon benutzt, um ein Video aufzunehmen, sollten Sie das Gespräch einfach beenden. Dr. Jeffrey Segal
 

Er fügt hinzu, dass bei solchen Aufnahmen der Arzt schnell zum Protagonisten wider Willen werden könne. „Offen gesagt, eine Kamera im Gesicht verändert die Art der Dinge“, sagt Segal. „Es ist viel einfacher, wenn das Telefon in einer Ecke steht und leise aufnimmt.“

Vielleicht begleiten auch Familienmitglieder den Patienten und zücken ihr eigenes Smartphone. „Ärzte sollten bedenken, wie dies gegen sie verwendet werden könnte – das kann sich rächen", sagt Verduzco-Gutierrez. „Ziehen Sie Grenzen für dieses Verhalten, indem Sie die Richtlinien Ihres Krankenhauses nutzen, falls es solche gibt.“

Neue Risiken in COVID-19-Zeiten 

In der heutigen Pandemielandschaft sei dies besonders wichtig. „Das Misstrauen gegenüber dem medizinischen System ist im Moment generell größer“, sagt Verduzco-Gutierrez. „Die Menschen erhalten Fehlinformationen von Quellen, die nicht glaubwürdig sind, und wollen dann ihre Besuche aufzeichnen, weil sie zum Beispiel nicht die gewünschte Behandlung erhalten.“ 

 
Das Misstrauen gegenüber dem medizinischen System ist im Moment generell größer. Prof. Dr. Monica Verduzco-Gutierrez
 

Mit COVID-19 sei auch das heikle Thema Telemedizin hinzugekommen. „Man weiß nicht, was ein Patient auf der anderen Seite des Bildschirms macht“, erklärt Verduzco-Gutierrez. „Von Angesicht zu Angesicht sieht man sie vielleicht mit ihrem Smartphone in der Hand, aber bei der Telemedizin ist alles möglich. Sie müssen von Anfang an offen und kommunikativ mit Ihren Patienten über Ihre Richtlinien sprechen, um negative Handlungen zu vermeiden.“

Wie das Abhören den Patienten helfen kann

Lindsey, der Journalist aus Colorado, ist mit seinem Wunsch, Aufzeichnungen seiner Arztbesuche zu nutzen, um wertvolle Informationen zu erhalten, bei weitem nicht allein – und das aus gutem Grund. Nach Angaben des Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice's Open Recordings Project nimmt mindestens 1 von 10 Patienten seine Arztbesuche auf. 

„Ich merkte, dass mir etwas fehlte, und in einem medizinischen Umfeld ist das wichtig“, sagt Lindsey. „Letztes Jahr, als COVID aufkam und wir alle Masken trugen, verlor ich meine Fähigkeit, von den Lippen zu lesen, einer meiner Bewältigungsmechanismen. Es wurde noch wichtiger, dass ich eine Alternative hatte, um sicherzustellen, dass ich alles verstanden hatte.“ 

Auch wenn ein Patient nicht wie Lindsey an Hörverlust leidet, kann eine Audioaufzeichnung des Besuchs nützlich sein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018, in der untersucht wurde, wie sich Patienten 1 Woche nach ihrem Besuch an wichtige Informationen erinnern, wurden 49% der Entscheidungen und Empfehlungen ohne Aufforderung richtig genannt. 36% erinnerten sich mit einer Aufforderung daran, und 15% erinnerten sich falsch oder gar nicht.

Dies deckt sich mit den persönlichen Erfahrungen von Verduzco-Gutierrez. „Ich erlebe das sogar bei meiner Mutter, die sich nicht an viele Details ihrer Arztbesuche erinnern kann, wenn ich sie frage“, sagt sie. „Das kann sich definitiv auf die Behandlung auswirken.“ 

Zum Besseren oder Schlechteren

Verduzco-Gutierrez sagt, dass es oft darauf ankomme, wie ein Patient am besten lerne. „Ich bringe meinen Assistenzärzten bei, dies im Hinterkopf zu behalten und den Patienten im Voraus zu fragen, was für ihn am besten funktioniert“, sagt sie. „Wenn ein Patient visuell lernt, möchte er vielleicht selbst mitschreiben oder nach dem Besuch Zugang zu den Aufzeichnungen bekommen. Wenn sie die Informationen am besten mit einer Audioaufnahme behalten können, sollten sie diese Option anbieten.“ 

Lindsey hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Ärzte darüber zu informieren, dass er eine Audioaufnahme seiner Besuche machen wird. „Ich lasse sie immer wissen, dass ich die Aufnahmen aus Gründen der Genauigkeit mache und nicht, um sie bei irgendwelchen Unwahrheiten zu ertappen“, sagt er. „Ich kann mir die Notizen des Arztes besorgen, aber die sind oft kurz und bündig; ich kann mehr Informationen erhalten, wenn ich mir die Aufnahme noch einmal ansehe.“ 

Bislang hat Lindsey von seinen Ärzten noch keine Ablehnung erlebt. „Niemand hat sich gegen die Idee gesträubt oder war überrascht, dass ich das machen will“, erklärt er. „Ich denke, die meisten Ärzte wissen es zu schätzen, dass wir ein Instrument haben, das wir für eine bessere Versorgung nutzen können.“

In einem früheren  Medscape-Beitrag zu diesem Thema haben sich einige Personen für Aufnahmen ausgesprochen, wobei sie in der Regel persönliche Gründe anführten. „Ich bin sehr dankbar für die Ärzte, die mir erlaubt haben, die Arzttermine meiner Eltern aufzuzeichnen“, sagte eine Frau. „Als erwachsene Tochter war mir schmerzlich bewusst, wie schwer es meinen Eltern fiel, all die neuen Informationen zu verarbeiten und zu verstehen, die auf sie zukamen.“ 

Ein anderer äußerte sich ebenfalls zustimmend und erklärte, dass er als Patient Mitschnitte Notizen vorziehe, da letztere „wenig Ähnlichkeit mit dem Inhalt des Gesprächs und der Diskussion mit dem Arzt haben. Wenn der Patient ohne Umschweife um die Erlaubnis zur Aufzeichnung bittet, warum dann nicht die damit zum Ausdruck gebrachte gute Absicht honorieren?“ 

In den meisten Fällen haben Patienten gute Absichten, wenn sie bei einem Arztbesuch die Aufzeichnungstaste drücken. Mit ein wenig Vorbereitung könne man jedoch viel erreichen, sagt Segal. „Gehen Sie davon aus, dass Sie aufgezeichnet werden, und verhalten Sie sich entsprechend.“ 

Situation in Deutschland 

Der Beitrag befasst sich mit der Situation in den USA; einige Aspekte lassen sich nicht übertragen. Arztgespräche gelten in Deutschland als vertraulich. Wer diese Vertraulichkeit missachtet, etwa durch Mitschnitte aller Art, verstößt gegen §201 Strafgesetzbuch (StGB). Hier drohen Freiheitsstrafen von bis zu 3 Jahren oder Geldstrafen. 

Wer Gespräche heimlich aufzeichnet und weitergibt, etwa an Medien oder Krankenkassen, macht sich ebenfalls strafbar. Und vor Gericht gilt ein sogenanntes Beweisverwertungsverbot. Illegal erstellte Beweismittel sind in Verfahren nicht zulässig. 

Dieser Artikel wurde von Michael van den Heuvel aus  www.medscape.com  übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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