Im Streit um die Menge am BioNTech-Impfstoff reagiert das BMG – ein wenig

Christian Beneker

Interessenkonflikte

24. November 2021

Empörung, Sabotage, Kommunikationsdesaster – einhellig wie selten kritisierten Verbände, Kassenärztliche Vereinigungen und Ärztekammern den Plan von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Impfstofflieferungen von BioNTech für die Hausarztpraxen auf 30 Impfungen pro Woche zu begrenzen.

Unter dem Druck der Kritik wird nun die verfügbare Impfstoffmenge von 30 Dosen pro Praxis für die kommende Woche auf höchstens 48 aufgestockt. Das hat am Montagabend die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) beschlossen, so ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zu Medscape. „Der Beschluss ist per Brief an die Kassenärzte gegangen“, sagte der Sprecher.

Damit stünden 3 statt 2 Millionen Dosen für den Zeitraum vom 29. November bis zum 5. Dezember 2021 zur Verfügung. Der Mainzer Hersteller hat nach Angaben des BMG die gesteigerte Liefermenge zugesagt. Die Praxen konnten den Impfstoff bis Dienstag, 14 Uhr bestellen statt, wie sonst üblich, bis 12 Uhr.

 
Wir fordern, dass die Praxen so viel Impfstoff bestellen können, wie sie brauchen! Christoph Fox
 

Spahns Haus hatte am Montag angekündigt, dass Arztpraxen ab dem 25. November nur noch 30 Impfdosen des Herstellers BioNTech pro Woche und Praxis bestellen können. Die Gründe: Offenbar hatte das BMG weit weniger BioNTech-Impfstoff auf Lager als gedacht und musste nun auf die Bremse treten. Zugleich droht der ausreichend vorhandene Moderna-Impfstoff seine Haltbarkeitsgrenze zu überschreiten und abzulaufen.

„Tropfen auf den heißen Stein“

Der Vorstoß würde heftig kritisiert, vor allem, weil Spahn in den zurückliegenden Wochen laut auf Impfungen und die Booster-Impfungen gedrängt hatte und nun festzustellen musste, dass gar nicht genug Impfstoff bereitstand.

 
Das Impftempo droht verlangsamt zu werden. Dr. Andreas Gassen
 

„Wir bleiben bei unserer Kritik“, sagte denn auch Christoph Fox, Sprecher der KV Bremen. „Die Änderung ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir fordern, dass die Praxen so viel Impfstoff bestellen können, wie sie brauchen!“

KBV-Vorsitzender Dr. Andreas Gassen nahm die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte vor Kritik in Schutz. „Die Niedergelassenen und ihre Teams arbeiten seit Monaten am Limit. Es ist unverantwortlich, nun so zu tun, als sei alles paletti mit den Impfstoffmenge, und es hänge ausschließlich an den Ärzten, möglichst schnell zu impfen. Dem ist mitnichten so“, sagte Gassen, „Das Impftempo droht verlangsamt zu werden.“

Dr. Johannes Grundmann, Präsident der Ärztekammer Bremen, ging auf die nun erschwerte Praxisorganisation ein. „Impftermine in den Praxen und Sonderimpfaktionen wurden bereits bis in die nächsten Monate geplant. Diese Planungen sind nun über den Haufen geworfen worden“, sagte Grundmann.

 
Wir werden sehr viel Zeit dafür aufwenden müssen, den Menschen zu erklären, dass der Impfstoff von Moderna gleichwertig gut ist. Dr. Johannes Grundmann
 

„Für viele Menschen ist Impfen eine Sache des Gefühls. Insofern werden wir sehr viel Zeit dafür aufwenden müssen, den Menschen zu erklären, dass der Impfstoff von Moderna gleichwertig gut ist. Das wird die Impfkampagne bestenfalls verlangsamen, schlimmstenfalls werden Patienten Abstand von der Impfung nehmen“, so Grundmann.

Praxen fürchten den organisatorischen Mehraufwand

„Die überraschende Kontingentierung des Bundesgesundheitsministeriums für den Impfstoff von BioNTech auf 30 Dosen pro Woche stellt die Arztpraxen vor einen kaum leistbaren organisatorischen Mehraufwand“, so der Deutsche Hausärzteverband in einer Mitteilung. „Statt wie bisher in Sechsergruppen müssen Patientinnen und Patienten jetzt in Zwanzigergruppen einbestellt und terminlich koordiniert werden. Hinzu kommt der zusätzliche Beratungsbedarf, vor allem aufgrund des Wechsels zu einem anderen Impfstoff.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) sprach von „Sabotage“, weil das Vertrauen in die Impfkampagne beschädigt werde: „Diese erneute Sabotage der Impfkampagne für die Praxen und für die Menschen in unserem Land, die uns vertrauen, muss umgehend gestoppt werden“, kritisierte die Vertreterversammlung der KVN am Dienstag. Die Rationierung von Impfstoffen auf dem Höhepunkt der Pandemie durch Jens Spahn schade der Bevölkerung, die Rationierung müsse revidiert werden.

Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) forderte gar Bundeskanzlerin Angela Merkel per Resolution dazu auf, Spahn als geschäftsführenden Bundesgesundheitsminister abzusetzen. „Eine Impfkampagne baut auf Vertrauen und Verlässlichkeit auf, und beides wird wieder einmal in der Pandemie von Jens Spahn massiv gebrochen. Dieses Verhalten und letzten Endes auch Versagen des geschäftsführenden Bundesgesundheitsministers zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte bisherige Pandemie“, so die Resolution.

Spahn: „Das bedaure ich auch“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verteidigte am Dienstag in der Bundespressekonferenz seine Entscheidung. Der Bedarf an BioNTech-Impfstoff sei sehr gestiegen. Allein am Montag seien 6 Millionen Dosen aus den Lagern an die Ärzte gegangen.

Leider sei der Eindruck entstanden, Moderna solle nur deshalb mehr verimpft werden, weil das Verfallsdatum des Impfstoffes zum 1. Quartal 2022 nahe. Dies sei nicht der entscheidende Aspekt, sagte Spahn. „Entscheidend ist, dass sich unser BioNTech-Lager so schnell lehrt, dass wir ab der nächsten Woche vorübergehend nicht mehr als 2 bis 3 Millionen Dosen des Impfstoffs pro Woche zur Verfügung stellen können für die Versorgung.“ Damit stünden 24 Millionen Dosen des BioNTech-Impfstoffes bis Jahresende zur Verfügung.

Von dem Moderna-Impfstoff dagegen gibt es in den Lagern derzeit 16 Millionen Booster-Dosen, bis zum Jahresende bis zu 26 Millionen, sagte der Minister. Dieser Impfstoff sei dem von BioNTech gleichwertig und schütze gut, so Spahn.

Ihm sei bewusst, dass die Rationierung des Impfstoffes sehr viel zusätzlichen Aufwand und Stress etwa in der Arztpraxen bedeute. „Das weiß ich, und das bedauere ich auch“, sagte Spahn.
 

Kommentar

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