Beeindruckend: Dorf-Gesundheitshelfer in China behandeln erfolgreich Bluthochdruck – ein Modell auch für andere Länder?

Interessenkonflikte

19. November 2021

Lokale Gemeinde-Gesundheitshelfer haben in ländlichen Gegenden Chinas erfolgreich Patienten mit Bluthochdruck behandelt. Laut einer neuen Studie mit fast 34.000 Patienten ermöglichten sie es mehr als der Hälfte, normale Blutdruckwerte zu erreichen. Die Studienergebnisse wurden vom leitenden Studien-Autor, Prof.Dr. Jiang He, beim Kongress der American Heart Association (AHA) 2021 präsentiert [1].

Die meisten der auch als „Dorfärzte“ bekannten lokalen Gesundheitshelfer in der Studie hatten formal nur eine minimale medizinische Ausbildung und wurden unter Supervision von Allgemeinmedizinern und Bluthochdruckspezialisten mit einem Standardprotokoll trainiert. Dazu gehörten regelmäßige Blutdruckmessungen, das Verschreiben und Anpassen antihypertensiver Medikamente sowie das Anbieten von Gesundheitsberatungen zur häuslichen Blutdruck-Überwachung, zu Lebensstil-Änderungen und Medikamentenadhärenz. 

In die Studie waren Bluthochdruck-Patienten aus 326 Dörfern im ländlichen China eingeschlossen. Die Dörfer wurden zufällig entweder einem von einem Gemeinde-Gesundheitshelfer geleiteten Interventionsprogramm oder keiner Intervention (Standardbehandlung) zugeteilt.

Die Ergebnisse zeigten, dass 57% der Patienten aus den Dörfern im Interventionsprogramm nach 18 Monaten normale Blutdruckwerte erreichten, verglichen mit 20% derer aus den Dörfern mit Standardtherapie.

„Wir haben gezeigt, dass nicht-ärztliche Gesundheitshelfer so trainiert werden können, dass sie Bluthochdruckpatienten effektiv betreuen können. Zusammen mit erschwinglichen Antihypertensiva und Blutdruck-Selbstmessungen ist das eine wichtige Strategie, den Blutdruck in einem Setting, wo die Menschen wenig Einkommen haben, zu kontrollieren“, sagte Studienleiter He in einem Kommentar gegenüber theheart.org/Medscape Cardiology.

„Dieser wirksame Ansatz könnte im ländlichen China und an anderen Orten mit wenig Ressourcen erweitert werden, um die arterielle Hypertonie weltweit zu kontrollieren. Mit dem übergeordneten Ziel, kardiovaskuläre Erkrankungen und die Gesamtsterblichkeit zu reduzieren. Das Modell könnte auch für die  Bluthochdruckkontrolle in unterversorgten Bevölkerungsgruppen in den USA genutzt werden“, fügte er hinzu.

He ist Epidemiologe und Direktor des Instituts für Translationale Wissenschaft an der Tulane University in New Orleans, Louisiana, USA. Er nannte Zahlen aus einer nationalen chinesischen Erhebung aus dem Jahr 2014, nach denen 27,8% der chinesischen Bevölkerung, also 292 Millionen Erwachsene, einen Bluthochdruck mit Werten ≥140/90 mmHg hatten. Weniger als 14% hatten ihre Erkrankung im Griff. In ländlichen Gegenden, wo die Anwohner oft keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, fiel dieser Anteil mit rund 5% noch geringer aus.

„Dorfärzte“ haben in China Tradition

„Der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung im ländlichen China ist eine Herausforderung, wegen der Entfernung zu den medizinischen Haupt-Zentren und der Schwierigkeit, Ärzte dafür zu gewinnen, in entlegenen Gegenden auf dem Land zu praktizieren“, sagte er.

„Gemeinde-Gesundheitshelfer füllen diese Lücke, indem sie Landbewohnern eine grundlegende gesundheitliche Primärversorgung bieten. Traditionell spielen sie eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von Infektionserkrankungen und der Mutter-Kind-Gesundheit. Neuerdings engagieren sie sich auch in der Versorgung bei chronischen Erkrankungen.“

Eine landesweit repräsentative Studie zu diesen Gemeinde-Gesundheitshelfern zeigte, dass 63% lediglich eine weiterführende Schulbildung hatten. 19% hatten eine Hochschulbildung, und 18% hatten keine formale medizinische Ausbildung, berichtete He.

 
Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese ‚Dorfärzte‘ erfolgreich angelernt werden können, bei der Blutdruckmessung und Behandlung Standardprotokollen zu folgen. Prof. Dr. Jiang He
 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese ‚Dorfärzte‘ erfolgreich angelernt werden können, bei der Blutdruckmessung und Behandlung Standardprotokollen zu folgen“, merkte er an. „Sie leben in den gleichen Gemeinschaften wie ihre Patienten. Das erlaubt ihnen, nicht nur einen bequemen Zugang zur Gesundheitsversorgung anzubieten, sondern auch eine vertrauensvollere Beziehung zu ihren Patienten aufzubauen. Außerdem kann die Gesundheitsberatung in ihre Routine-Verantwortlichkeit zur Gesundheits-Erziehung und Gesundheits-Förderung integriert werden.“

Cluster-randomisierte Studie

Laut He ist diese Studie die erste große Cluster-randomisierte Studie, um die Wirksamkeit eines nicht von Ärzten geleiteten Programms zum Bluthochdruck-Management zu prüfen.

In die Studie eingeschlossen wurden 34.000 Menschen über 40 Jahre, die entweder mit Blutdruckwerten ab 140/90 mmHg unbehandelt waren, als die Studie begann, Menschen mit Blutdruckwerten ab 130/80 mmHg, die bereits Blutdruck-Medikamente einnahmen, oder Menschen mit Blutdruckwerten ab 130/80 mmHg, die zugleich eine klinisch manifeste kardiovaskuläre Erkrankung in der Vorgeschichte hatten. 

Gemeinde-Gesundheitshelfer in den Dörfern, die der Intervention zugeteilt waren, wurden in der Blutdruckmessung und einer Protokoll-basierten antihypertensiven Behandlung geschult. Diese war an die klinische Bluthochdruck-Leitlinie des American College of Cardiology und der American Heart Association von 2017 adaptiert. Zielvorgabe war, einen systolischen Blutdruck unter 130 mmHg und einen diastolischen Blutdruck unter 80 mmHg anzustreben.

Die Gemeinde-Gesundheitshelfer erhielten auch finanzielle Anreize, je nach dem Anteil ihrer Patienten, deren Blutdruck kontrolliert werden konnte.

Patienten in der Interventionsgruppe erhielten Antihypertensiva mit Preisnachlass oder kostenlos. Außerdem wurden sie mit Blutdruckmessgeräten für zu Hause ausgestattet und darin geschult, wie man diese handhabt. Zusätzlich bekamen sie ein regelmäßiges Gesundheits-Coaching. Dieses umfasste Information zu den Risiken einer arteriellen Hypertonie sowie zu Änderungen des Lebensstils, ferner Motivation und Methoden, um routinemäßig die Medikamente wie verordnet einzunehmen.

Mehr als die Hälfte der Patienten erreichten das Blutdruckziel

Es zeigte sich, dass nach 18 Monaten 57% der Erwachsenen in der Interventionsgruppe Blutdruckwerte unter 130/80 mmHg hatten, verglichen mit 20% in der Standardtherapie-Gruppe. 77% der Teilnehmer in der Interventionsgruppe hatten Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg, im Vergleich zu 45% unter Standardtherapie.

Von der Ausgangsuntersuchung bis zu der nach 18 Monaten wurde der Blutdruck in der Interventionsgruppe systolisch um 26,3 mmHg und diastolisch um 14,6 mmHg gesenkt. Im Vergleich dazu kam es in der Standardtherapie-Gruppe zu einem durchschnittlichen Abfall des systolischen Blutdrucks um 11,8 mmHg und des diastolischen Blutdrucks um 7,5 mmHg.

 
Wir erwarten eine deutliche Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen und der Gesamtmortalität, wenn dieses Programm auf das ganze ländliche China ausgedehnt wird. Prof. Dr. Jiang He
 

He und seine Kollegen setzen die Nachuntersuchung der Studienteilnehmer im Hinblick auf das kardiovaskuläre Outcome fort. Sie hoffen, das Programm auf andere ländliche Gegenden in China auszuweiten.

„Wir erwarten eine deutliche Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen und der Gesamtmortalität, wenn dieses Programm auf das ganze ländliche China ausgedehnt wird“, sagte He.

Kommentatoren beeindruckt

Die Kommentatoren beim AHA-Kongress zeigten sich von den Studienergebnissen beeindruckt. Der Internist Prof. Dr. Keith Ferdinand und sein Kollege Prof. Dr. Gerald S. Berenson, Stiftungsprofessor für Präventive Kardiologie an der Tulane-University in New Orleans, USA, diskutierten die Studie bei der wissenschaftlichen Sitzung, bei der sie präsentiert wurde, und sagten: „Dies sind wirklich robuste Ergebnisse, die eine klinische und signifikante Blutdrucksenkung belegen. Dieser Ansatz könnte ein geeignetes Modell für andere Teile der Welt sein, in denen es an Ressourcen mangelt.“

Ferdinand fügte hinzu: „Ein nicht-ärztlicher und auf Teams von Laien aufbauender Zugang mit häuslichen Blutdruckmessungen sollte Teil der künftigen Strategie gegen arterielle Hypertonie sein.“

Prof. Dr. Manesh Patel, Chef der Abteilung für Kardiologie und Co-Direktor des Herzzentrums an der Duke University, Durham, North Carolina, USA, und Vorsitzender des wissenschaftlichen Kongressprogramms, sah das ebenfalls positiv: „Die Blutdrucksenkung, die in dieser Studie beobachtet wurde, wird mit größter Sicherheit zu einer Mortalitätssenkung führen. Die Botschaft an uns ist: Wie übersetzen wir das in andere Teile der Welt?“

 
Dieser Ansatz könnte ein geeignetes Modell für andere Teile der Welt sein, in denen es an Ressourcen mangelt. Prof. Dr. Keith Ferdinand und Prof. Dr. Gerald S. Berenson
 

Auch Prof. Dr. Mitchell Elkind, Neurologe und Epidemiologe am Columbia University Irving Medical Center, New York City, und bisheriger AHA-Präsident, kommentierte die Studie und sagte: „Wir brauchen nicht viele originelle Medikamente oder originelle Ansätze, um uns um die Hypertonie zu kümmern. Die grundlegende Botschaft hier ist, dass sich alles um die Implementierung dreht: Behandlungen auf dem besten Wege zu den Patienten zu bringen.“

Er stimmte zu, dass dieser Ansatz aus China unter Einbindung von Apothekern und Krankenschwestern auch für die Vereinigten Staaten angepasst werden könnte.

Bei der AHA-Pressekonferenz zur Studie verwies Prof. Dr. Joanna Chikwe, Herzchirurgin im Smidt Heart Institute am Cedars-Sinai Medical Center, Los Angeles, auf einen ähnlichen Ansatz in Los Angeles: 

In dortigen Barbershops afroamerikanischer Eigentümer nahmen Apotheker Kontakt zu älteren schwarzen Amerikanern auf. Dabei ließen sich deren Blutdruckwerte ähnlich eindrucksvoll senken.

„Diese chinesische Studie ist wirklich überzeugend. Zusammen mit der Barbershop-Studie beweist sie, dass man nicht unbedingt ein Gespräch mit einem Arzt braucht, um Bluthochdruck wirkungsvoll zu kontrollieren“, sagte Chikwe.

Dieser Artikel wurde von Biance Bach aus übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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