THC gegen Krebs? Lungentumor geht nach Einnahme von Cannabis-Öl zurück – ein Fallbericht im British Medical Journal

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

19. November 2021

Innerhalb von 2,5 Jahren reduzierte ein nicht-kleinzelliger Lungentumor seine Größe von 41 auf 10 mm Durchmesser. Die über 80-jährige Patientin hatte konventionelle Therapien verweigert und stattdessen ohne Wissen der Ärzte täglich Cannabis-Öl eingenommen, erläutern die Autoren um Dr. Kah Ling Liew, Watford General Hospital, UK, in ihrem Fallbericht im British Medical Journal  [1].

Die Seniorin stellte sich 2018 wiederholt mit Husten vor. Ein Röntgenbild zeigte einen Tumor von 41 mm Durchmesser in der rechten mittleren Zone der Lunge. Eine Biopsie ergab ein nicht-kleinzelligen Karzinom im Stadium T2bN0Mx. Eine Mutationsanalyse fiel in Bezug auf die Gene für anaplastische Lymphomkinase und epidermalen Wachstumsfaktor negativ aus, und nur unter 1% der Tumorzellen exprimierten Programmed Cell Death 1 Ligand 1 (PD-L1), ein Transmembranprotein, das die Immunantwort des Körpers hemmen kann. 

Somit schien eine Therapie des Tumors vielversprechend, zumal die Patientin trotz einer leichten COPD, Osteoarthritis und Hypertonie rauchte, aber medikamentös stabil eingestellt war und eine für ihr Alter gute Konstitution aufwies.

Allerdings verweigerte die Patientin sowohl eine Operation als auch Radiotherapie und stimmte lediglich einem Watchful Waiting zu. Somit wurde in den folgenden 2,5 Jahren alle 3 bis 6 Monate eine Computertomografie (CT) durchgeführt – und bis Februar 2021 eine fortlaufende Reduktion des Tumordurchmessers bis auf 10 mm dokumentiert. Daraus errechnete sich eine durchschnittliche Reduktion von etwa 2,4% pro Monat um insgesamt 76%. 

Die Patientin gab dazu an, weder das Rauchen aufgegeben noch ihren Lebensstil geändert zu haben. Allerdings hätte sie kurz nach der Diagnosestellung begonnen, dreimal täglich je 0,5 ml Cannabis-Öl einzunehmen. Laut Herstellerangaben enthält dieses jeweils etwa 20% Tetrahydrocannabinol (THC), Tetrahydrocannabinolsäure (THCA) und Cannabidiol (CBD).

„Die Publikation in einer solch renommierten Fachzeitschrift zeigt doch, wie hoch das Interesse an möglichen Wirkungen von Cannabis auch in der onkologischen Fachgruppe inzwischen ist“, konstatiert Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander, Kompetenzzentrum für Cannabis-Medizin in Hannover.

 
Die Publikation in einer solch renommierten Fachzeitschrift zeigt doch, wie hoch das Interesse an möglichen Wirkungen von Cannabis auch in der onkologischen Fachgruppe inzwischen ist. Dr. Konrad F. Cimander
 

Cannabis greift in körpereigene Stoffwechselsysteme ein

In ihrer Diskussion erörtern die Autoren, dass die Substanzen THC und CBD die 2 von hunderten Bestandteilen von Cannabis sind, über die bislang die meisten Forschungen angestellt wurden. 

THC ist psychoaktiv, CBD nicht. Beide Substanzen sind über das endocannabinoide System des menschlichen Organismus, das aus Cannabinoid-Rezeptoren, endocannabinoiden Neurotransmittern und speziellen Enzymen besteht, mit einer Vielzahl von Prozessen verbunden. Darunter sind unter anderem der Ernährungs- und Energiestoffwechsel, Entzündungs- und Immunreaktionen der Wissenschaft bekannt. 

„Auch extern zugeführte Bestandteile von Cannabis können über die CB1- und CB2-Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems in die Neuromodulation des menschlichen Körpers eingreifen“, bestätigt Cimander „Ob onkologische Erkrankungen dadurch beeinflussbar sind, ist allerdings nach derzeitiger Studienlage nicht zu entscheiden.“

Weiterhin könnten THC und CBD durch ihre nachgewiesenen Interaktionen mit dem endocannabinoiden System durch Freisetzung von Neurotransmittern und die Modulation von Proteinen im Zytoplasma und im Zellkern in die Kontrolle von Proliferation, Differenzierung und Apoptose von Körperzellen eingreifen, recherchierten die Autoren weiter. 

Obschon verschiedene Studien Effekte von Cannabinoiden auf das Tumorwachstum gezeigt hätten, würden diese Ergebnisse bisher aber nicht eindeutig zu positiven klinischen Verläufen führen.

Cannabidiol (CBD) scheint die entscheidende Substanz zu sein 

„Besonders CBD mit seinen starken antiinflammatorischen und immunmodulierenden Eigenschaften ist ein hochinteressantes Molekül“, ergänzt Cimander. „So auch in der Kontrolle einer überschießenden Immunreaktion durch Substanzen wie Interleukine, Zytokine, Interferone etc., sowie einer Hemmung der Immunzell-Proliferation. Gerade im Zusammenhang mit einem Zytokin-Sturm könnten sich hier positive Perspektiven ergeben.“  

 
Besonders CBD mit seinen starken antiinflammatorischen und immunmodulierenden Eigenschaften ist ein hochinteressantes Molekül. Dr. Konrad F. Cimander
 

Abschließend weisen die Autoren darauf hin, dass insbesondere Onkologen stets damit rechnen müssten, dass ihre Patienten – egal, ob sie die gebotene Therapie annehmen oder nicht – auch alternative Therapieversuche in Eigeninitiative ohne Wissen ihrer Ärzte unternehmen können. Da insbesondere die Nebenwirkungen der onkologischen Therapien immer noch sehr hoch seien, fordern sie weiter Forschungen und größere Studien zum Thema Cannabinoide in der Behandlung von Tumorerkrankungen. Sie ergänzen, dass das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) solche Studien bereits bei Patienten mit Schmerzen, Spastik und Epilepsie fördert.

„Was in diesem Fall einer autonomen Patientenentscheidung entspringt, wende ich in meinem Zentrum als Add-on-Schmerztherapie an“, berichtet Cimander. „Derzeit behandeln wir eine 69-jährige Patientin mit einem Adenokarzinoms des rechten Lungenoberlappens im Rahmen einer chronischen Schmerzsymptomatik mit einem Cannabis-Vollextrakt (10 mg THC und 10 mg CBD pro ml) in einer Dosierung von 8 Tropfen morgens und 10 Tropfen abends.“ 

Cimander weiter: „Die Schmerzen reduzierten sich innerhalb von 4 Wochen auf NRS 1-2, und die Lebensqualität der Patientin hat sich deutlich gebessert, worauf sie die begleitende Opioidtherapie nach 4 Wochen komplett absetzt hat. Ob die Tumorerkrankung durch die Cannabinoid-Therapie bei laufender Chemotherapie positiv beeinflusst wird, ist derzeit noch nicht zu sagen.“

 

Kommentar

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