Proteine gegen Altern und Frakturen: Mehr Milch, Joghurt und Käse bremst den Verlust von Knochen- und Muskelmasse bei Senioren

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

18. November 2021

Das Rezept für starke Knochen im Alter ist so einfach wie schmackhaft. Es lautet: Man nehme viel Milch, Joghurt und Käse. Pflegeheim-Bewohner, die diese kalzium- und eiweißreichen Lebensmittel in den empfohlenen Mengen erhalten, sind besser vor Stürzen und Frakturen geschützt als eine Vergleichsgruppe mit kleineren Portionen. Das belegt eine im British Medical Journal veröffentlichte prospektive Studie [1]

Die Autoren um Dr. Sandra Iuliano von der Universität Melbourne betonen: „Die Intervention hat weitreichende Auswirkungen fürs Gesundheitswesen, und zwar zur Prävention in der Altenpflege und möglicherweise auch in der breiteren Gesellschaft.“ Denn mit einer Ernährung, die Muskeln und Knochen vor Abbau bewahrt, lasse sich ein erheblicher Teil der Stürze und Frakturen vermeiden.

 
Die Intervention hat weitreichende Auswirkungen fürs Gesundheitswesen, und zwar zur Prävention in der Altenpflege und möglicherweise auch in der breiteren Gesellschaft. Dr. Sandra Iuliano und Kollegen
 

Die Masse macht‘s – auch in der Prävention

Wie Iuliano und ihr Team erläutern, illustriert die Studie das 1982 formulierte Präventionsparadox: Eine Maßnahme kann für die Gemeinschaft segensreich sein, obwohl sie den Einzelnen nur wenig nützt. Entscheidend sei daher, dass niemand gesundheitliche Schäden erleidet, eine Bedingung, die der untersuchte Ernährungsplan erfülle.

Als anerkanntes Beispiel erwähnen die Forscher die Studie „Dietary Approach to Stop Hypertension“: Die DASH-Kost mit viel Obst, Gemüse und fettarmen Milchprodukten ging mit einer Reduktion des Blutdrucks und bald auch der kardiovaskulären Zwischenfälle einher. Die US Dietary Guidelines listen diese Ernährung inzwischen als eine der 3 günstigsten Formen neben der mediterranen und vegetarischen Variante.

Vitamin-D-Tabletten gehören zum Standard

Senioren in (australischen) Einrichtungen bekämen im Schnitt statt der empfohlenen 1.300 mg Kalzium und 1 g/kg Körpergewicht Eiweiß am Tag jeweils nur 600 mg Kalzium und 0,9 g/kg Eiweiß, bemängeln die Forscher. Und sie verweisen darauf, dass die von ihnen ausgewählten Heime jenen in Großbritannien und den USA ähnelten. 

Durch die unzureichende Zufuhr gehe Knochen- und Muskelmasse verloren, was sie als ein Grund vermuten, warum diese Gruppe alter Menschen schätzungsweise ein Drittel der Patienten mit Hüftfrakturen ausmacht. Und das, obwohl sie routinemäßig Vitamin-D-Tabletten erhalten, was nachweislich das Fortschreiten der Knochenbrüchigkeit verzögert.

Anmerkung: Fachgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben für die Altersgruppe ab 65 Jahre niedrigere Mengen festgelegt: täglich 1.000 mg Kalzium sowie 70 mg Protein für mobile und 60 mg für bettlägerige Menschen. Auf diese D-A-CH-Referenzwerte verweist die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in ihrer Broschüre „DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in stationären Senioreneinrichtungen“.

Die Bewohner waren hochbetagt – im Schnitt 86 Jahre

Lässt sich aber der körperliche Abbau durch erhöhten Verzehr von Milch, Joghurt und Käse bremsen? Diese simple und alltagstaugliche Strategie wurde bisher kaum untersucht, obwohl über die vorbeugende Wirkung kaum Zweifel bestehen.

Also entwickelten die Wissenschaftler die Idee für ihre prospektive, randomisierte und teilweise verblindete Studie. Im Großraum Melbourne wählten sie knapp 60 akkreditierte Einrichtungen unterschiedlicher Struktur aus: kleine, mittlere und große mit weniger als 50 bis über 100 Betten, geleitet von gemeinnützigen, privaten oder religiösen Organisationen. Sie betreuten insgesamt rund 7.200 Bewohner im Durchschnittsalter von 86 Jahren, zu 2 Drittel Frauen.

Die Milch macht‘s – als Pulver in vielen Speisen

Die eine Hälfte der Heime behielt ihr Essensangebot bei, die andere reicherte es so mit Milchprodukten an, dass eine Zufuhr von täglich jeweils rund 1.200 mg Kalzium und 70 g Eiweiß gewährleistet war. Diätassistenten unterstützten die Küchenkräfte, beispielsweise in der Zubereitung von Speisen und Getränken mit Milchpulver oder beim Ersetzen wenig gehaltvoller Lebensmittel wie Kuchen und Kekse durch Desserts und Snacks auf Milchbasis. Stets berücksichtigten sie dabei individuelle Vorlieben.

Im Verlauf von 2 Jahren kam es bei Teilnehmern: 

  • mit der optimierten Ernährung zu rund 1.900 Stürzen versus 2.400 in der Kontrollgruppe (Risikoreduktion 11%), 

  • zur 121 Frakturen allgemein gegenüber 203 (Risikoreduktion 33%), 

  • darunter im Speziellen zu 42 Hüftfrakturen versus 93 (Risikoreduktion 46%).

Der Erfolg war schon nach kurzer Zeit offensichtlich

„Bei der Umstellung ergaben sich 2 neue und unerwartete Beobachtungen“, schreiben die Forscher. „Die Risikoreduktion bei Stürzen war schon nach 3 Monaten signifikant, bei Hüftfrakturen schon nach 5 Monaten. Und der Rückgang von Frakturen war ähnlich wie mit starken Medikamenten, die bei Patienten mit hohem Osteoporose-Risiko eingesetzt werden, um den Knochenabbau zu hemmen.“

Bei der Mortalität dagegen bestanden kaum Vorteile: 900 Teilnehmer mit Intervention starben, 1.074 in der Vergleichsgruppe. Hier erinnern Iuliano und ihre Kollegen an 2 gegenläufige Effekte: Manchen Studien zufolge ist der Konsum von Milch an sich mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert, wogegen fermentierte Produkte wie Joghurt und Käse die Raten möglicherweise verringern.

 
Die Risikoreduktion bei Stürzen war schon nach 3 Monaten signifikant, bei Hüftfrakturen schon nach 5 Monaten. Dr. Sandra Iuliano und Kollegen
 

Gewicht, Muskeln und Knochen bleiben besser erhalten

Trotz einheitlicher Kalorienzufuhr nahmen die alten Menschen mit den herkömmlichen Mahlzeiten 1,4 kg ab, während das Gewicht mit dem Upgrade konstant blieb. Die Autoren folgern: Offenbar benötigen ältere Erwachsene – zumal wenn sie zu Unterernährung oder Gebrechlichkeit neigen – täglich bis zu 1,5 g/kg Eiweiß, damit kein Katabolismus erfolgt.

Den Erhalt der Körpersubstanz spiegelten auch die Stoffwechselparameter wider, die bei einem Teil der Bewohner in Blutproben und per Bildgebung bestimmt worden waren. Der Knochenabbau verlief gemäßigter, Mineraldichte und Mikrostruktur hatten sich weniger verschlechtert. Zudem war anders als in der Kontrollgruppe die Muskelmasse nicht geschrumpft und der Spiegel des insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1 im Serum sogar gestiegen.

„Die Verschlechterung der Mikrostruktur im Knochen war zwar nur wenig verzögert, aber der Gewinn fällt trotzdem stark aus, weil die Fragilität dadurch überproportional verlangsamt wird“, erläutern die Forscher.

Gesunder Lebensstil erhöht verminderte Knochendichte

Im Diskussionsteil machen die Autoren darauf aufmerksam, dass der Fokus in der Fraktur-Prävention auf Medikamenten gegen Osteoporose liegt – ein kostengünstiger Ansatz, von dem die jeweiligen Patienten stark profitieren. Solange jedoch nur dieses vergleichsweise kleine Kollektiv mit hohem Risiko Hilfe bekommt, sinkt das Ausmaß von Stürzen und Frakturen in der Gesamtbevölkerung nicht wesentlich.

Frauen mit Osteopenie, die oft zur Osteoporose fortschreitet, haben zwar (noch) ein geringeres Risiko – aber weil sie viel zahlreicher sind, geht der größte Anteil der Fragilitätsbrüche zu ihren Lasten. Durch Aufstocken der Kalzium- und Proteinzufuhr mit Milch, Joghurt und Käse könnte man gerade hier entscheidend gegensteuern. 

Ein weiteres Argument der Autoren für ihren Therapievorschlag: „Diese Nahrungsmittel sind überall verfügbar, preiswert und wohlschmeckend, so dass sie gern angenommen werden.“ 

 
Diese Nahrungsmittel sind überall verfügbar, preiswert und wohlschmeckend, so dass sie gern angenommen werden. Dr. Sandra Iuliano und Kollegen
 

 

Kommentar

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