Ab 40 wird´s kritisch: Daten der Kinderwunschzentren belegen, wie entscheidend das Alter für den Erfolg einer IVF ist

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

17. November 2021

21.588 ist eine beeindruckende Zahl. Sie stammt aus dem aktuellen Jahrbuch des Deutschen IVF-Registers D·I·R und meint die Schar von Babys, denen die angeschlossenen Zentren 2019 den Weg ins Leben gebahnt haben [1]

Ungewollt kinderlose Paare bekommen damit eine ermutigende Botschaft: Die Chancen, eines Tages zu einer solchen Statistik beitragen zu können, stehen gut. Einkalkulieren müssen sie allerdings, dass die Uhr läuft, denn die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft sinkt mit jedem Lebensjahr.

„Das Alter ist der entscheidende Faktor in der Fortpflanzungsmedizin. Deshalb rate ich meinen Patientinnen, nicht lange zu zögern, um keine wertvolle Zeit zu verlieren“, sagt Dr. Ute Czeromin, Ärztin mit Kinderwunsch-Praxis in Gelsenkirchen und D·I·R-Vorstandsvorsitzende, im Gespräch mit Medscape. 

Sie erklärt: „Das biologische Alter eilt heutzutage dem sozialen voraus. Sind die Frauen jünger als 35, werden pro Behandlungszyklus mehr als 30% durch In-vitro-Fertilisation schwanger, sind sie über 40, hat nur noch ein Zehntel dieses Glück.“

 
Das Alter ist der entscheidende Faktor in der Fortpflanzungsmedizin. Deshalb rate ich meinen Patientinnen, nicht lange zu zögern, um keine wertvolle Zeit zu verlieren. Dr. Ute Czeromin
 

Nach einem Jahr zu Frauenärzten und Urologen

Wie lange könnten die künftigen Eltern es erst einmal auf herkömmliche Weise versuchen? Ein Jahr, antwortet Czeromin, diese Frist halte auch die Weltgesundheitsorganisation WHO für angemessen, sofern nicht von vornherein eine Fruchtbarkeitsstörung bekannt sei. 

Kündigt sich dann immer noch kein Nachwuchs an, ist der nächste Schritt die Untersuchung bei einer Frauenärztin und einem Urologen. Unter Umständen führt schon Aufklärung weiter: Manche Paare wissen nicht genau Bescheid über die fruchtbaren Tage und den günstigen Zeitpunkt für Geschlechtsverkehr.

Ansonsten liegen die Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit zu gleichen Teilen – nämlich zu je 40% – bei einem der Partner und zu 20% bei beiden.

Bei Frauen überwiegen Hormonstörungen, vor allem das Polyzystische Ovarialsyndrom, das einen Eisprung verhindert. Zu den weiteren Indikationen gehören unbewegliche oder verschlossene Eileiter, Verwachsungen in der Gebärmutter, Entzündungen oder Infektionen, etwa mit Chlamydien. 

Bei Männern liegt es oft an einer schlechten Qualität der Spermien: zu wenig, zu langsam, zu klein, zu groß oder verformt. Gründe für Sterilität sind außerdem Hodenfehlfunktionen oder eine Blockade der Samenwege.

Im Jahr 2020 wurden 61.000 Patientinnen behandelt

Hat sich tatsächlich eine dieser Fruchtbarkeitsstörungen ergeben, kann sich das Paar an eine Kinderwunschpraxis oder -klinik wenden. 134 Mitgliedszentren gehören mittlerweile zum D·I·R, im Jahr 2020 haben sie nach Angaben des Jahrbuchs rund 61.000 Frauen mit insgesamt 116.000 Zyklen behandelt. 

Wie Czeromin berichtet, dient der gemeinnützige, von einigen wenigen Ärzten 1982 gegründete Verein D·I·R der Qualitätskontrolle, als Sprachrohr, Forum des Erfahrungsaustauschs und seit 1992 auch zur Dokumentation. Sie ergänzt: „Wir arbeiten zudem eng mit anderen Organisationen zusammen, etwa der Arbeitsgemeinschaft Reproduktionsbiologie oder der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.“

Je nach Diagnose planen die Ärzte mit den Patienten in einem ausführlichen Beratungsgespräch den Weg zum Wunschkind: 

  • Bei einigen reicht eine hormonelle Stimulation oder eine Insemination, das Einspritzen der Spermien direkt in die Gebärmutter, etwa bei geringer Beweglichkeit. 

  • Ist dieses Problem noch gravierender, kann eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) notwendig werden, das Einbringen der Samenzelle per Kanüle direkt in die Eizelle. 

  • Das gängigste Verfahren ist die In-vitro-Fertilisation (IVF): Dem Follikel werden per Punktion Eizellen entnommen, in Nährlösung befruchtet und im 4-Zell- oder Blastozysten-Stadium in den Uterus implantiert.

Erfüllter Kinderwunsch für Mehrzahl der Paare

Dass sich der ungewollten Kinderlosigkeit mit diesen Methoden – zumal mit etwas Ausdauer – gut abhelfen lässt, bezeugt das neue D·I·R-Jahrbuch erstmals mit einer Tabelle der kumulativen Schwangerschaftsraten: Nach der 1. Übertragung eines Embryos kann sich über alle Altersgruppen hinweg fast ein Drittel der Frauen auf ein Kind freuen, nach dem 2. Transfer schon rund die Hälfte und nach dem 3. nahezu 2 Drittel.

Diese Erfolgsquoten gelten nicht nur für frisch gewonnene, sondern genauso für zuvor tiefgefrorene Eizellen. Solche Auftauzyklen machen bei IVF und ICSI bereits knapp ein Drittel aus, und es sollen dem Jahrbuch zufolge noch deutlich mehr werden.

Kryokonservierung erspart Frauen unliebsame Prozeduren

Denn die Kryokonservierung in flüssigem Stickstoff hat viel für sich: Eizellen, Vorkernstadien und Embryonen stehen zur Verfügung, ohne dass die Patientin erneut eine Hormonstimulation oder Eizellentnahme mitzumachen braucht. Ein Gewinn wäre das besonders für ältere Frauen, die einen Großteil der Patientinnen in Kinderwunschzentren bilden – das Durchschnittsalter ist kontinuierlich auf inzwischen 36 Jahre gestiegen, wogegen die Männer stabil bei 39 Jahren bleiben.

„Die Eizellen sind schon bei Geburt angelegt und altern daher mit. Und desto wahrscheinlicher werden Chromosomenanomalien und damit Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten“, erläutert Czeromin. Ältere Frauen benötigen also meist mehrere Transfers, bis der Schwangerschaftstest endlich positiv ausfällt.

 
Die Eizellen sind schon bei Geburt angelegt und altern daher mit. Und desto wahrscheinlicher werden Chromosomenanomalien und damit Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten. Dr. Ute Czeromin
 

Leopoldina plädiert fürs  Einfrieren von Embryonen

Deshalb plädieren die Reproduktionsmediziner für eine Lockerung des strengen Embryonenschutzgesetzes: Das bisher verbotene Einfrieren überzähliger Embryonen solle eindeutig erlaubt werden. 

Czeromin verweist darauf, dass die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina denselben Standpunkt vertritt. In einer Stellungnahme argumentieren die Experten: In vielen Ländern sei es erlaubt, aus einer größeren Zahl von Embryonen denjenigen mit der größten Lebenskraft für IVF oder ICSI auszuwählen. Auf diese Weise ließen sich risikobehaftete und gesundheitsgefährdende Mehrlingsschwangerschaften vermeiden, ohne dass die Aussicht auf ein Kind nennenswert sinkt.

Eine Änderung der Finanzierung sollte damit nach Ansicht der Jahrbuch-Autoren Hand in Hand gehen: Es wäre Aufgabe der Krankenkassen, das Einfrieren und den anschließenden Transfer zu zahlen. Die Leopoldina sieht das ebenso: Dass die gesetzlichen Versicherungen nur Ehepaaren die erheblichen Kosten erstatten und auch nur teilweise und innerhalb enger Altersgrenzen, sei medizinisch und gesellschaftlich kaum zu rechtfertigen. Das schaffe soziale Ungerechtigkeit.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....