Mehr Geld für Impf-Ärzte; so „gut“ wirken die Vakzine gegen Delta-Infektionen; neue Daten zu Totimpfstoff; Wieler will 2G plus

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

15. November 2021

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 15. November 2021

Die 7-Tage-Inzidenz ist erstmals über 300 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gestiegen. Das Robert Koch-Institut meldet aktuell 303,0 Fälle pro 100 Menschen. Am Vortag lag der Wert noch bei 289,0. Weitere 23.607 Personen haben sich innerhalb eines Tages mit SARS-CoV-2 infiziert (Vorwoche 15.513 Neuinfektionen). Und 43 weitere Patienten starben durch COVID-19 (Vorwoche: 33).

Laut DIVI-Intensivregister waren am 1. November 3.034 Patienten aufgrund von COVID-19 in intensivmedizinischer Behandlung, also 93 mehr als am Vortag. Aktuell sind 878 Betten im Low-Care- und 1.805 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 340 freie ECMO-Behandlungsplätze.

„Bei den Fallzahlen, die wir jetzt haben, werden die Kliniken in den ersten beiden Dezemberwochen bundesweit die Kapazitätsgrenze überschreiten“, so die Einschätzung von Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD). Das sei jetzt schon kaum noch abzuwenden.

  • Pandemie-Lage in Deutschland: „Die 4. Welle trifft uns jetzt mit voller Wucht“

  • So effektiv schützen die Impfstoffe vor Delta-Infektionen – Herdenimmunität unerreichbar?

  • Indischer Totimpfstoff schützt zu rund 78% vor COVID-19

Pandemie-Lage in Deutschland: „Die 4. Welle trifft uns jetzt mit voller Wucht“

Auf einer Pressekonferenz haben sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und RKI-Chef Prof. Dr. Lothar H. Wieler zur pandemischen Lage in Deutschland geäußert. „Wir müssen alles tun, um diese Dynamik zu brechen“, so Spahn. „Sonst wird es für das ganze Land ein bitterer Dezember.“

Er plädiert dafür, dass bei öffentlichen Veranstaltungen künftig Sicherheitsmaßnahmen nach „2G plus“ erforderlich sind. Zugang hätten demnach nur Geimpfte oder Genesene mit zusätzlichem Test. Für Personal und Besucher in Pflegeheimen fordert der Christdemokrat eine Testpflicht. Das sei wichtiger als eine Impfpflicht in diesem Bereich, weil auch Geimpfte und Genesene das Virus in die Heime tragen könnten.

Ärzten, die COVID-19-Impfungen durchführen, sichert Spahn höhere Vergütungen zu. Pro Impfung sollen künftig 28 Euro statt bislang 20 Euro bezahlt werden, am Wochenende sogar 36 Euro. Kurz nach Ende der Pressekonferenz wurde bekannt, dass seit Samstag wieder kostenlose Corona-Schnelltests für alle möglich sind.

Noch deutlicher kommentierte Wieler die Lage. „Es ist 5 nach 12“, so der RKI-Präsident. „Die 4. Welle trifft uns jetzt mit voller Wucht.“ Die Problematik machte er anhand einer Abschätzung deutlich. Von 50.000 neu infizierten Menschen – in dieser Größenordnung bewegten sich Meldungen der Gesundheitsämter vor einigen Tagen – müssten im Laufe der Zeit etwa 3.000 im Krankenhaus behandelt werden, und 200 würden sterben. Impfungen seien wichtig, aber „am besten wäre es, wenn man bestimmte Großveranstaltungen absagen würde – ganz klar“, sagte Wieler.

Politiker aller Couleur diskutieren weitere Maßnahmen. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kann sich vorstellen, die bekannte Homeoffice-Pflicht wieder aufleben zu lassen und Arbeit vor Ort nur noch unter 3G-Bedingungen zu ermöglichen. Der Grünen-Co-Parteichef Robert Habeck wiederum bringt 3G-Vorgaben für Bahnreisende, aber auch Impfpflichten für bestimmte Berufsgruppen ins Gespräch.

So effektiv schützen die Impfstoffe vor Delta-Infektionen – Herdenimmunität unerreichbar?

Laut Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wurden mittlerweile 67,4 % der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft. Hinzu kommen etwa 5,3% Genesene. Zu Beginn der Pandemie spekulierten Epidemiologen, dass ab einem Gesamtschutz von 70%, vielleicht 80%, Herdenimmunität eintreten könnte. Diese Hoffnung scheint sich nicht zu bewahrheiten, wie eine neue Literaturübersicht zeigt. Sie wurde vom baden-württembergischen Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben.

Im 1. Schritt ging es um die Effektivität verschiedener Impfstoffe:

  • AstraZeneca: Die Wirksamkeit gegen Infektion lag vor Auftreten der Delta-Variante bei 51-79%, gegen die Delta-Variante sind es 67%.

  • BioNTech/Pfizer: Die Impfwirksamkeit gegen Infektion lag vor Auftreten der Delta-Variante bei 77%-95%, gegen die Delta-Variante wurden 54-80% genannt.

  • Johnson: Die Impfwirksamkeit gegen Infektion lag vor Auftreten der Delta-Variante bei etwa 60%

  • Moderna: Die Impfwirksamkeit gegen Infektion lag vor Auftreten der Delta-Variante bei 82-100%, gegen die Delta-Variante wurden 51-87% berichtet.

Prof. Dr. Martin Eichner vom Institut für Klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie an der Universität Tübingen hat im 2. Schritt Berechnungen unter der Annahme verschiedener Szenarien durchgeführt: mit Wirksamkeitswerten von 60% (pessimistisch), 70% (mittlerer Wert) und 80% (optimistisch).

Wenn die optimistische Impfwirksamkeit zutrifft, müssten 86,9% der gesamten Bevölkerung geimpft sein, bei der mittleren Impfwirksamkeit 93,3% und bei der pessimistischen Impfwirksamkeit sogar 100%. Das gilt, wenn die Delta-Variante weiter wie bisher zirkuliert und alle Kontakteinschränkungen aufgehoben würden.

Indischer Totimpfstoff schützt zu rund 78% vor COVID-19

In The Lancet stellen Forscher neue Daten zur klinischen Wirksamkeit von BBV152 (Covaxin®) von Bharat Biotech, Indien, vor. Es handelt sich um einen Totimpfstoff, der mit einem an Alaun adsorbierten Toll-like-Rezeptor 7/8-Agonisten formuliert wird. Darüber hat Univadis.de berichtet.

An der Phase-3-Studie nahmen 25.798 Personen aus Indien teil. 24.419 erhielten bis zur Analyse 2 intramuskuläre Injektionen (n = 12.221 Verum, n = 12.198 Placebo). 0,3% aller Teilnehmer in der Verumgruppe bekamen eine symptomatische COVID-19-Infektion, unter Placebo waren es 1,2%. Dies entsprach einer Effektivität von 77,8% gegen alle Varianten von SARS-CoV-2. Gegen die Delta-Variante betrug die Schutzwirkung 65,2% und gegen die Kappa-Variante 90,1%. Vor schweren COVID-19-Infektionen schützte BBV152 zu 93,4 % und vor asymptomatischen Infektionen zu 63,6%.

Der Impfstoff wurde gut vertragen. In beiden Gruppen gab es bei 12,4 % der Probanden unerwünschte Effekte, vor allem lokale Schmerzreaktionen, aber keine anaphylaktischen Reaktionen oder impfassoziierte Todesfälle.

 

Kommentar

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