Boostern was das Zeug hält: Wie die Länder Auffrischungsimpfungen umsetzen wollen. Wer impft wo? Laut STIKO oder alle?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. November 2021

Kein Ende der Pandemie in Sicht: Die Inzidenz erreicht immer neue Rekorde. Erste Intensivstationen schlagen Alarm. Neben der Impfung für noch Ungeimpfte gilt eine Booster-Impfung als möglicher Weg aus der Krise. In den meisten Bundesländern werden seit Anfang September Auffrischimpfungen gegen COVID-19 angeboten.

Doch wie schnell sind Booster-Impfungen umsetzbar? Nur wenige Bundesländer – darunter Berlin, Bayern und Thüringen bieten in ihren Impfzentren neben Erstimpfungen auch die Auffrischungsimpfung an. Bayern hat gestern angekündigt, alle seine Impfzentren wieder hochzufahren. Boostern sei der beste Schutz, so Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Impfzentren sollten alle Menschen über 60 Jahren direkt anschreiben, es gebe aber keine Reihenfolge. „Wer kommt, wird geimpft – niemand wird zurückgewiesen“, sagte Söder.

Booster-Strategien der Länder

Die meisten Bundesländer haben ihre Impfzentren geschlossen und setzen beim Boostern auf Hausarztpraxen, Betriebsärzte und mobile Impfteams. Um die Geschwindigkeit in der Durchführung zu erhöhen will Nordrhein-Westfalen in Landkreisen und kreisfreien Städten weitere mobile Impfungen anbieten und zusätzliche Impfstellen schaffen – ergänzend zu den Impfungen der niedergelassenen Ärzteschaft, teilt Carsten Duif, Sprecher des Sozialministeriums in NRW mit.

„Für die kommenden Monate ist der Impffortschritt von zentraler Bedeutung. Hier müssen wir weiter an Geschwindigkeit zulegen. Die Voraussetzung dafür schaffen wir jetzt: Mit den ergänzenden Impfmöglichkeiten bringen wir weiteren Schwung in die Impfkampagne. Die niedergelassene Ärzteschaft macht einen guten Job. Gemeinsam schaffen wir aber mehr“, betont Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

Geschlossen sind die Impfzentren auch in Baden-Württemberg. Das Land fährt zweigleisig: Ärzteschaft und mobile Impfteams, bestätigt Pascal Murmann, Sprecher des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration. Seit gut 4 Wochen liegen die Impfungen in den Händen der Ärzteschaft.

Um die mehr als 7.000 Hausärzte und fast 10.000 Fachärzte zu unterstützen und „aufgrund des teilweise enormen Andrangs vor den Impfbussen und lokalen Impfstationen sowie der stark belasteten Arztpraxen haben wir letzte Woche bereits 50 zusätzliche mobile Impfteams an den Start gebracht“, berichtet Murmann.

Sozialminister Manne Lucha hat angekündigt, weitere 50 mobile Impfteams in die Fläche zu bringen – dann wären es 130 Teams für ganz Baden-Württemberg. Auch viele Kommunen werden aktiv. In enger Zusammenarbeit mit Ärzteschaft und Klinik bietet etwa Stuttgart 2 kleine Impfzentren in Einkaufspassagen an.

Bislang ist die Quote der Booster-Impfungen überschaubar: Wie das RKI mit Stand 9. November berichtet, liegt die Rate der 3-fach Geimpften bundesweit bei 4,1%. Wobei es zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede gibt: Während Baden-Württemberg mit 3,7% (1,3% bei den 18-59-Jährigen und 8,4% bei den über 60-Jährigen) wie auch Bayern (3,7% bzw. 7,7%) unter dem Schnitt liegen, schneiden Berlin (5,7% bzw. 18,8%), Bremen (6,2% bzw. 12,8%) und Schleswig-Holstein (5,7% bzw.12,1%) überdurchschnittlich gut ab.

Booster ab 70, ab 60 oder doch für alle ab 12 Jahren?

In einem gemeinsamen Aufruf an die Vertragsärzte bitten KBV-Vorsitzender Dr. Andreas Gassen und Gesundheitsminister Spahn darum, „die COVID-19-Impfkampagne weiterhin mit aller Kraft zu unterstützen“.

Eine Zulassung der EU-Kommission für die Auffrischimpfung mindestens 6 Monate nach der zweiten Impfung liegt für die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna für alle Personen ab 18 Jahren vor. Eine aktuelle Empfehlung der STIKO rät, für unter 30-Jährige vorzugsweise den BioNTech/Pfizer-Impfstoff zu verwenden – nach der Auswertung von Daten zur Myokarditis-Nebenwirkung unter jungen Menschen.

Die STIKO empfiehlt allerdings nach wie vor eine Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff (frühestens 6 Monate nach der zweiten Impfung) für Menschen, die besonders gefährdet sind. Das betrifft u.a. Menschen ab 70 Jahren, Menschen in Pflegeheimen und immundefiziente Personen.

Die Gesundheitsminister der Länder haben jedoch die Booster-Impfung für alle ab 60 beschlossen, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach vom Booster für alle und inzwischen – das teilt das Bundesgesundheitsministerium mit – kann jeder ab 12 Jahre 6 Monate nach der 2. Impfung eine Booster-Impfung bekommen. Insbesondere sollten Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen und medizinisches Personal die Auffrischungsimpfungen erhalten.

Hausärzte überfordert?

Das Hin und Her um den Booster hat das die Arbeit der Hausärzte nicht leichter gemacht, bestätigt Manfred King, Sprecher des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg im Gespräch mit Medscape: „Das hat schon zu deutlich mehr Diskussionen in den Praxen geführt und den Ärzten noch mehr Arbeit beschert.“

Der Fokus der Booster-Impfung in Baden-Württemberg liegt laut Sozialministerium bei den älteren und vulnerablen Personengruppen, grundsätzlich aber könnten sich in Baden-Württemberg alle Menschen einen Booster hoffen, wenn die Zeiträume (6 Monate) eingehalten werden.

Wer mit dem Vakzin von Johnson & Johnson geimpft wurde, kann sich seinen Booster mit einem mRNA-Impfstoff bereits nach 4 Wochen abholen. Geboostert wird nach Möglichkeit mit einem anderen Impfstoff als dem bei den vorangegangenen Impfungen verwendeten.

Der Hausärzteverband Baden-Württemberg führt die Booster-Impfungen entsprechend den STIKO-Empfehlungen durch, sagt King. „Wir halten uns da an die STIKO. Wer darüber hinaus eine Booster-Impfung möchte, kann das mit dem Hausarzt individuell besprechen und wenn entsprechende Gründe vorliegen, kann sich derjenige boostern lassen.“

Der Aufwand, der für die Praxen durch die Auffrischimpfungen entsteht, ist ganz unterschiedlich: „Wir haben große regionale Unterschiede bei der Impfquote – insofern ist die Belastung der Praxen durch die Booster-Impfung auch sehr unterschiedlich“, berichtet King.

Ärzte haben keine Zeit für Impf-Bürokratie

Die KBV verweist darauf, dass sowohl das PEI als auch die STIKO klarstellen, dass die Vakzine zur Influenza- und COVID19-Impfung simultan verabreicht werden können. „Die Möglichkeit einer gemeinsamen Durchführung dieser beiden wichtigen Impfungen sollte möglichst breit zur Anwendung kommen, um die Infektionswellen beider Krankheiten so niedrig wie möglich zu halten.“

 
Wer verlangt, Ärzte sollen die Patienten einladen, lebt fern der Realität. Das ist Unsinn, und ist schlicht und ergreifend nicht machbar. Vorstände der KBV und der KVen
 

Die KBV und die KVen stellen aber auch klar, dass es den Ärzten nicht möglich ist, Patienten zum Boostern einzuladen. Die Praxen hätten bereits bewiesen, dass sie das Impfen stemmen können und 3,4 Millionen Impfungen pro Woche oder 13,5 Millionen Impfungen pro Monat schaffen.

„Das geht aber nur, wenn sie impfen, impfen und impfen – und sich nicht auch noch mit überbordender Bürokratie beschäftigen müssen. Wer verlangt, Ärzte sollen die Patienten einladen, lebt fern der Realität. Das ist Unsinn, und ist schlicht und ergreifend nicht machbar“, betonten die Vorstände in einer Stellungnahme.

Sinnvoll sei ein gestuftes Vorgehen, Gesundheitsbehörden der Bundesländer oder die Krankenkassen sollten gezielt zum Impfen einladen. Auch sollte die bisherige Bestellsystematik beibehalten werden.

 

Kommentar

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