Ansteckungsgefahr von Geimpften ist auch zu Hause groß – woran das liegt und warum Vakzine dennoch wichtig sind

Michael van den Heuvel 

Interessenkonflikte

5. November 2021

Personen, die 2 Dosen von SARS-CoV-2-Vakzinen erhalten haben, geben bei Impfdurchbrüchen Infektionen teilweise an geimpfte und ungeimpfte Haushaltsmitglieder weiter. In beiden Fällen waren Spitzenwerte der Viruslast ähnlich hoch. Allerdings erholten sich geimpfte Personen schneller als ungeimpfte.

 
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Impfung allein nicht ausreicht, um zu verhindern, dass sich Menschen mit der Delta-Variante infizieren und die Krankheit im häuslichen Umfeld verbreiten. Prof. Dr. Ajit Lalvani
 

Dies hat eine Studie mit 621 Patienten aus dem Vereinigten Königreich ergeben. Aus ihren Daten leiten Dr. Anika Singanayagam vom Imperial College London und ihre Kollegen die Forderung ab, sich impfen zu lassen bzw. – soweit zutreffend – einen Termin für Booster-Shots in Anspruch zu nehmen [1].

„Impfstoffe sind für die Kontrolle der Pandemie von entscheidender Bedeutung, denn wir wissen, dass sie sehr wirksam sind, um schwere Erkrankungen und Todesfälle durch COVID-19 zu verhindern“, sagt Prof. Dr. Ajit Lalvani vom Imperial College London, einer der Koautoren. „Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Impfung allein nicht ausreicht, um zu verhindern, dass sich Menschen mit der Delta-Variante infizieren und die Krankheit im häuslichen Umfeld verbreiten.“

Die anhaltende Übertragung zwischen geimpften Personen mache es für ungeimpfte wichtiger denn je, sich impfen zu lassen, um sich vor einer Infektion und schweren COVID-19-Erkrankungen zu schützen, zumal sich in den Wintermonaten mehr Menschen in geschlossenen Räumen aufhalten würden, so Lalvani.

„Wir haben aber auch festgestellt, dass die Anfälligkeit für eine Infektion bereits innerhalb weniger Monate nach der 2. Impfdosis ansteigt – Personen, die für eine COVID-19-Auffrischungsimpfung in Frage kommen, sollten diese also umgehend erhalten.“

Infektion in Haushalten durch die Delta-Variante

Zum Hintergrund: Impfstoffe sind nach wie vor hochwirksam, um schweres COVID-19 mit Hospitalisierungen und mit Todesfällen zu vermeiden. Einige Studien deuten aber darauf hin, dass sie gegen die aktuell vorherrschende Delta-Variante weniger effektiv sein könnten.

Übertragungen finden meist in geschlossenen Räumen statt; Haushalte sind neben Arbeitsplätzen von großer Bedeutung. Daten über das Risiko einer Übertragung der Delta-Variante durch geimpfte Personen mit asymptomatischen oder leichten Infektionen im Haushalt gab es bislang nicht.

 
Wir haben festgestellt, dass die Anfälligkeit für eine Infektion bereits innerhalb weniger Monate nach der 2. Impfdosis ansteigt. Prof. Dr. Ajit Lalvani
 

Deshalb haben Singanayagam und ihre Kollegen 621 Teilnehmer in ihre Studie aufgenommen. Alle Probanden wurden zwischen September 2020 und September 2021 über das britische System zur Ermittlung von Kontaktpersonen rekrutiert. Sie hatten eine leichte COVID-19-Erkrankung oder waren asymptomatisch. Gleichzeitig wurden demografische Daten und der Impfstatus erhoben. Tägliche PCR-Tests kamen mit hinzu, unabhängig von den Symptomen.

„Es handelt sich um eine der wenigen Studien, die bisher mit derart detaillierten Daten aus realen Haushalten durchgeführt wurden und wichtige Erkenntnisse darüber liefern, wie geimpfte Personen dennoch mit der Delta-Variante infiziert werden und diese an andere weitergeben können“, schreiben die Autoren zum Design. Sie definierten 3 Kategorien beim Impfstatus:

  • Teilnehmer wurden als ungeimpft definiert, wenn sie mindestens 7 Tage vor der Rekrutierung keine einzige COVID-19-Impfdosis erhalten hatten.

  • Teilweise geimpft waren sie, wenn sie mehr als 7 Tage vor der Teilnahme 1 Dosis bekommen hatten.

  • Vollständig geimpfte Personen hatten mehr als 7 Tage vor der Einschreibung 2 Dosen erhalten.

Die Studie fand statt, bevor Auffrischungsimpfungen verfügbar waren.

Singanayagams Team erfasste Übertragungsrisiken in Haushalten mit Indexfällen der Delta-Variante. Die Wissenschaftler führten 14 bis 20 Tage lang täglich PCR-Tests durch, um die Virusmenge in Nase und Rachen abzuschätzen. Ziel der Strategie war, Vergleiche zwischen geimpften und ungeimpften Personen zu ermöglichen.

Infektionen werden im Haushalt auch zwischen Geimpften weitergegeben

Insgesamt wurden 205 Haushaltskontakte von Index-Patienten mit der Delta-Variante identifiziert. 126 (62%) hatten 2 Impfstoffdosen erhalten, 39 (19%) 1 Impfstoffdosis und 40 (19%) waren ungeimpft.

Von Haushaltskontakten, die 2 Impfdosen erhalten hatten, infizierten sich 25% (31/126 Kontakte) mit der Delta-Variante, verglichen mit 38% (15/40) der ungeimpften Haushaltskontakte. „Dies deutet darauf hin, dass das Infektionsrisiko innerhalb von 3 Monaten nach Erhalt einer 2. Impfdosis anstieg, was wahrscheinlich auf eine nachlassende schützende Immunität zurückzuführen ist“, so die Autoren.

Sie weisen darauf hin, dass ihr Befund ein wichtiges Indiz dafür sei, dass alle infrage kommenden Personen Auffrischungsimpfungen erhalten sollten.

 
Wir haben festgestellt, dass sich geimpfte Personen anstecken und die Infektion innerhalb des Haushalts weitergeben können, auch an geimpfte Haushaltsmitglieder. Dr. Anika Singanayagam
 

Bei insgesamt 133 Teilnehmern wurden die täglichen Verläufe der Viruslast analysiert. 49 von ihnen hatten Prä-Alpha (Wildtyp-ähnlich) und waren ungeimpft, 39 hatten Alpha und waren ungeimpft, 29 hatten Delta und waren vollständig geimpft, und 16 hatten Delta und waren ungeimpft.

Die Viruslast ging bei geimpften Personen, welche mit der Delta-Variante infiziert waren, schneller zurück (um 0,95 Zehnerpotenzen an Viruskopien/ml/Tag) als bei ungeimpften Personen mit Delta (0,79), Alpha (0,82) oder Prä-Alpha (0,69). Die Autoren stellen jedoch fest, dass geimpfte Personen keine niedrigere Spitzenviruslast aufwiesen als ungeimpfte, was erklären könnte, warum sich die Delta-Variante trotz Impfung weiter ausbreitet.

„Durch wiederholte und häufige Probenahmen bei Kontaktpersonen von COVID-19-Fällen haben wir festgestellt, dass sich geimpfte Personen anstecken und die Infektion innerhalb des Haushalts weitergeben können, auch an geimpfte Haushaltsmitglieder“, fasst Singanayagam zusammen.

„Unsere Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse über die Wirkung der Impfung angesichts neuer Varianten und insbesondere darüber, warum die Delta-Variante weiterhin hohe COVID-19-Fallzahlen in der ganzen Welt verursacht, selbst in Ländern mit hohen Impfraten“, so Singanayagam weiter.

Was sich in den nächsten Monaten ändern könnte

Im Artikel weisen die Autoren auf mehrere Einschränkungen zur Aussagekraft ihrer Studie hin. Der 1. Schritt war immer, dass Personen ihrem Arzt oder Gesundheitsamt Beschwerden gemeldet haben. Mit einer hohen Ziffer an symptomlosen Infektionen sei auch in Haushalten zu rechnen, heißt es im Artikel.

Möglich sei, dass ein anderes Haushaltsmitglied bereits infiziert gewesen sei und das Virus auf den vermeintlichen Indexpatienten übertragen habe – inklusive einer falschen Klassifizierung.

Auch das Alter könne laut Paper zu Verzerrungen führen. Senioren wurden früh geimpft, hatten zum Studienzeitpunkt aber noch keine Booster-Shots bekommen. Jugendliche rücken erst jetzt nach; manche hatten noch keine Dosis bekommen. Deshalb könne sich die Situation perspektivisch ändern, geben Singanayagam und ihre Kollegen zu bedenken.
 

Kommentar

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