Streit um Booster ab 18, 70 oder 80; mRNA-Vakzin für Kinder ab 5 noch vor Weihnachten; bei Schnupfen großzügig testen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

2. November 2021

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 1. November 2021

Erstmals seit 2 Wochen hat sich die 7-Tage-Inzidenz leicht verringert. Heute meldet das Robert Koch-Institut, 153,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Am Vortag lag der Wer noch bei 154,8. Ob verzögerte Datenübertragungen der Gesundheitsämter durch den regionalen Feiertag am 1. November hier eine Rolle spielen, ist denkbar. Weitere 10.813 Menschen haben sich mit SARS-CoV-2 infiziert (Vorwoche: 10.473). Hinzu kommen 81 Todesfälle durch COVID-19 innerhalb der letzten 24 Stunden (Vorwoche: 128).

Laut DIVI-Intensivregister waren am 1. November 2.058 Patienten aufgrund von COVID-19 in intensivmedizinischer Behandlung, also 74 mehr als am Vortag. Aktuell sind 941 Betten im Low-Care- und 1.993 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 415 freie ECMO-Behandlungsplätze.

„Wenn sich diese Entwicklung entlang der Prognosen fortsetzt und keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, droht in den nächsten Wochen auch eine deutliche Einschränkung der Versorgung der Nicht-COVID-19-Patientinnen und Patienten“, sagt Prof. Dr. Martin E. Kreis. Er ist Vorstand Krankenversorgung bei der Charité Berlin. Gleichzeitig weist Kreis darauf hin, dass etwa 90% der COVID-19- Patienten in der Charité nicht geimpft seien.  

  • Mehr positive PCR-Tests – generell zu wenige Untersuchungen

  • Boosterimpfungen ab 18, ab 70, ab 80?

  • Impfung jüngerer Kinder: EMA will noch vor Weihnachten entscheiden

  • Kein erhöhtes Myokarditis-Risiko bei Kindern nach mildem COVID-19

  • Therapeutisches Heparin senkt Mortalität bei COVID-19

  • Neue Hypothese: Gab es zu Beginn der Pandemie 2 eigenständige Linien von SARS-CoV-2?

Mehr positive PCR-Tests – generell zu wenige Untersuchungen

Wenig überraschend ist die Positivrate bei den PCR-Tests auf SARS-CoV-2 von 8,4% (Woche 41) auf 11,1% (Woche 42) gestiegen, wie der Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) mitgeteilt hat. Labormediziner warnen vor einem „sehr dynamischen SARS-CoV-2-Infektionsgeschehen“ und bemängeln gleichzeitig „eine zurückhaltende Inanspruchnahme der PCR-Testkapazitäten.“ Darüber hat Univadis zuerst berichtet.

Insgesamt wurden laut Datenanalyse in der Woche vom 18. bis 24. Oktober 848.234 SARS-CoV-2-PCR-Tests durchgeführt, davon waren 94.253 positiv. Das entspricht einer Steigerung von 42% gegenüber der Vorwoche. Dagegen sei die Anzahl aller PCR-Tests nur um 7% gegenüber der Vorwoche (792.286) gestiegen, heißt es in der Mitteilung. An der Analyse haben nach Angaben des Verbands 179 Labore teilgenommen.

„In der zunehmenden Erkältungs- und Grippesaison ist es umso wichtiger, konsequent und anlassbezogen auch auf SARS-CoV-2-Infektionen zu testen“ betonte der ALM-Vorsitzende Michael Müller. Der Verband hält es mit Blick auf die weiterhin stark steigende Positivrate für sehr wahrscheinlich, dass im Verhältnis zur Erkältungswelle noch zu wenige PCR-Tests angefordert würden. Dies gelte auch für bereits vollständig geimpfte Personen.

Müller und Kollegen appellieren an die Bevölkerung, sich bei Symptomen wie Husten und Fieber oder auch bei leichteren Erkältungssymptomen testen zu lassen – unabhängig vom Impfstatus. Das gelte vor allem dann, wenn es Kontakt zu SARS-CoV-2-Infizierten gab oder nach einer Teilnahme an Veranstaltungen. „Bei Symptomen ist ein solcher Test auch weiterhin kostenfrei und Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag, um sich selbst und andere zu schützen“, unterstrich Nina Beikert, Mitglied des ALM-Vorstands.

Boosterimpfungen ab 18, ab 70, ab 80?

Angesichts der steigenden Zahlen meldet sich erneut die Politik zu Wort. SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach kann sich vorstellen, bereits geschlossene Impfzentren für Auffrischungsimpfungen zu reaktivieren bzw. „konsequent 2G anzuwenden“.

Mehr Tempo bei Booster Shots fordert auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Doch Der Teufel steckt im Detail. Laut STIKO sollen Menschen ab 70 die 3. Dosis bekommen, laut BMG ab 80 – und Sachsen rät schon ab 18 zum 3. Impftermin.

„Wir sind verärgert, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Erwartungen schürt, Booster-Impfungen seien für alle möglich“, sagt Armin Beck vom Hausärzteverband Hessen. Er rechne durch Spahns Aussagen mit einem höheren Beratungsbedarf.

Jetzt hoffen alle Beteiligten auf einen Impfgipfel als Bund-Länder-Treffen – und auf ein klärendes Wort der STIKO. „Die Ständige Impfkommission prüft im Moment sehr intensiv, ob sie Auffrischungsimpfungen für alle Bevölkerungsgruppen empfehlen wird“, erklärt der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens. Es gebe Daten aus internationalen Studien, die dafürsprächen, wobei geprüft werden müsse, inwieweit diese Ergebnisse auf Deutschland übertragbar seien. Eine Entscheidung kündigte Mertens „in wenigen Wochen“ an.

Impfung jüngerer Kinder: EMA will noch vor Weihnachten entscheiden

Auf Deutschland – respektive auf die EU – kommen weitere Änderungen bei Impfungen zu. Denn die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) plant laut Medienberichten, noch vor Weihnachten zu entscheiden, ob Comirnaty® von BioNTech/Pfizer für 5- bis 11-Jährige zugelassen wird.

Die US Food and Drug Administration (FDA) hat längst grünes Licht gegeben. Sie stützt ihre Entscheidung auf Daten aus der randomisierten, kontrollierten Phase-2/3-Studie mit ca. 4.500 Kindern im Alter von 5 bis 11 Jahren (2.268 aus der ursprünglichen Gruppe und 2.379 aus der zusätzlichen Sicherheitsgruppe). Ergebnisse wurden vom Vaccines and Related Biologicial Products Advisory Committee der FDA geprüft. In der Studie habe der Impfstoff laut Experten-Komitee ein vorteilhaftes Sicherheitsprofil, robuste Immunreaktionen und eine Impfstoffwirksamkeit von 90,7% bei Teilnehmern ohne vorherige SARS-CoV-2-Infektion gezeigt. Dies sei 7 Tage nach der 2. Dosis erfasst worden. Ernsthaften Sicherheitsbedenken habe es nicht gegeben.

Laut FDA-Zulassung werden Kindern zwischen 5 und 11 Jahren 2 Dosen zu je 10 µg im Abstand von 21 Tagen verabreicht. Erwachsene erhalten 2 Impfungen mit je 30 µg der aktiven Komponente.

Kein erhöhtes Myokarditis-Risiko bei Kindern nach mildem COVID-19

Ohne Impfungen droht COVID-19, wobei es in einigen Fällen zu Myokarditiden kommen kann. Ob auch Kinder davon betroffen sind, haben Kardiologen am Deutschen Herzzentrum Berlin jetzt untersucht.

In ihre Studie wurden 18 Kinder zwischen 10 und 15 Jahren, die zwischen November 2020 und Januar 2021 an mildem COVID-19 erkrankt waren, eingeschlossen und per MRT untersucht. Hinzu kamen als Kontrollgruppe 7 Kinder zwischen 10 und 19 Jahren mit Fällen von Herzmuskelerkrankungen in der Familie, aber ohne eigene Erkrankung, und 9 Myokarditis-Patienten zwischen 4 und 16 Jahren.

„Keiner der COVID-19-Patienten zeigte in der MRT-Untersuchung Anzeichen einer Myokarditis oder Einschränkungen der Herzfunktion“, sagt Studienleiterin Dr. Franziska Seidel vom Deutschen Herzzentrum Berlin. „Die Befunde sind mit denen der gesunden Kontrollgruppe vergleichbar, unterscheiden sich jedoch deutlich von den Befunden der Myokarditis-Patienten.“ Seidel weiter: „Unsere Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 bei Kindern mit mildem Krankheitsverlauf und ohne Herzbeschwerden keine Herzmuskelentzündungen auslöst.“ Sie müssten daher auch nicht kinderkardiologisch untersucht werden. Eine MRT-Untersuchung sei nicht erforderlich.

Therapeutisches Heparin senkt Mortalität bei COVID-19

Bei mäßig kranken Patienten mit COVID-19 und mit erhöhten D-Dimer-Spiegeln in stationärer Behandlung war Heparin in therapeutischer Dosierung nicht signifikant mit einer Verringerung des primären, zusammengesetzten Endpunkts aus Tod, invasiver mechanischer Beatmung, nicht-invasiver mechanischer Beatmung oder Aufnahme auf einer Intensivstation verbunden. Aber die Sterbewahrscheinlichkeit nach 28 Tagen war verringert. Univadis hat zuerst darüber berichtet.

Patienten wurden bis Tag 28 oder bis zum Eintreten des Todes randomisiert der Behandlung mit therapeutischem Heparin (n = 228) oder prophylaktischem Heparin (n = 237) zugeteilt. Nach 28 Tagen zeigte sich kein Unterschied im primären zusammengesetzten Ergebnis (therapeutisches Heparin: 16,2% vs. 21,9% für prophylaktisches Heparin; OR: 0,69; p = 0,12).

Mit therapeutischem Heparin lag im Vergleich zu prophylaktischem Heparin eine geringere Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Todes vor (1,8% vs. 7,6%; p = 0,006). Die Raten an schweren Blutungen waren in beiden Gruppen niedrig (0,9% bzw. 1,7%; OR: 0,52; p = 0,69).

Neue Hypothese: Gab es zu Beginn der Pandemie 2 eigenständige Linien von SARS-CoV-2?

Die Herkunft von SARS-CoV-2 gibt trotz zahlreicher Untersuchungen immer noch Rätsel auf. Ein journalistischer Beitrag in der NZZ sammelt jetzt Argumente für eine weitere Hypothese: Existierten Ende 2019 zeitgleich 2 konkurrierende Linien von SARS-CoV-2, von denen sich nur eine durchgesetzt hat? Die Argumente:

  • Analysen von ca. 1.700 virushaltigen Proben, die zu frühen Zeitpunkten genommen worden sind, legen nahe, dass 2 Linien (A und B) zeitgleich entstanden sein könnten – und nicht, wie zuvor angenommen, B auf A zurückzuführen ist. Die Veröffentlichung wurde noch nicht im Peer-Review-Verfahren begutachtet.

  • In Nature schreiben die Autoren, dass vermutlich A als auch B von Tieren auf Menschen übergesprungen seien. A ist verschwunden; B hat persistiert.

Forscher konnten A und B in Proben von Patienten aus Wuhan, die räumlich weit voneinander entfernte Märkte besucht hatten, nachweisen. Das spreche stark für die Tierhypothese und mache Laborunfälle noch unwahrscheinlicher, so die Autoren.

 

Kommentar

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