Wider die Natur: Neue Leitlinie zur Wirkung von Nacht- und Schichtarbeit auf die Gesundheit

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

2. November 2021

Eine neue Leitlinie zu Nacht- und Schichtarbeit stellt die verfügbare Evidenz zu gesundheitlichen Auswirkungen von Nacht- und Schichtarbeit zusammen und gibt Empfehlungen für die Praxis und zur Schichtplangestaltung. Die Leitlinie wurde unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) unter Beteiligung weiterer Fachgesellschaften einschließlich der DGSM (Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin) erstellt. Die Leitlinie soll auf der 29. Jahrestagung der DGSM vorgestellt werden.

Höheres Bildungsniveau, seltener Schichtarbeit 

In Deutschland waren gemäß dem Mikrozensus im Jahr 2018 von 41,9 Millionen Erwerbstätigen rund 5,8 Millionen Beschäftige (14,3%) ständig oder regelmäßig in Wechselschicht tätig. Etwa 2,1 Millionen (4,8%) waren nach Angaben der Leitlinien-Autoren mindestens die Hälfte der Arbeitstage in Nachtarbeit tätig gewesen.

Dem Bildungsniveau hingegen komme in Bezug auf die Tätigkeit in Schichtarbeit eine größere Bedeutung zu. Mit steigendem Bildungsniveau nehme der Anteil derjenigen, die in versetzten Arbeitszeiten oder in Wechselschicht arbeiteten, ab. Arbeit mit Nachtanteilen sei jedoch unter Beschäftigten mit mittlerer Bildung ähnlich weit verbreitet wie bei Beschäftigten mit niedrigem Bildungsniveau. 

Insbesondere in der Industrie, im öffentlichen Dienst (z.B. Polizei, Feuerwehr) und im Gesundheitswesen sind Schichtdienstsysteme notwendig. Hinzu kommen vermehrt ausgedehnte Öffnungs- und Betriebszeiten zum Beispiel im Dienstleistungsgewerbe.

Vielfältige gesundheitliche Belastungen möglich

Schichtarbeit geht mit einer großen gesundheitlichen Belastung für die Beschäftigten einher. So zeigen nach Angaben der Leitlinien-Autoren wissenschaftliche Untersuchungen, dass Nacht- und Wechselschichten zu einer Disruption der zirkadianen Rhythmik und zu einem Schlafdefizit und Schlafstörungen führen können.

Mögliche Folgen seien Müdigkeit, verminderte physische und kognitive Leistungsfähigkeit und auch kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Stoffwechsel- und Krebserkrankungen. Auch neurologische und psychische Erkrankungen wie die Depression würden als gesundheitliche Folgen diskutiert. Die Studienlage weise jedoch teilweise konträre und inkonsistente Ergebnisse auf. 

Entscheidungshilfen und Präventionsempfehlungen

Die Empfehlungen der Leitlinie sollen dabei unterstützen, wenn z.B. bei einer bestehenden, chronischen Erkrankung zu entscheiden ist, ob eine Tätigkeit an einem Arbeitsplatz in Schichtarbeit fortgesetzt werden kann bzw. welche anderen Optionen in solchen Situationen von Betroffenen, Arbeits-  und Betriebsmedizinern herangezogen und abgewogen werden können. 

  • So werden den Unternehmen u.a. zur Vermeidung von Schlafstörungen (Primärprävention) Schulungen für Schichtmitarbeiter im Umgang mit den besonderen Herausforderungen der Schichtarbeit an den Schlaf empfohlen. 

  • In der Tertiärprävention sollten Mitarbeitern mit Schlafstörungen evidenzbasierte, selbstwirksame Techniken der Kognitiven Verhaltenstherapie vermittelt werden. 

  • Bei moderaten und schweren Insomnien mit Tagesbeeinträchtigungen sollten bis zur Remission Tagschicht oder geeignete kontinuierliche Schichten durchgeführt werden. 

  • Altersbedingte Schlafstörungen bei Schichtarbeit können eine dauerhafte Aufgabe von Nachtschichtarbeit oder Schichtarbeit insgesamt erfordern.

  • Mitarbeitern mit schweren schlafbezogenen Atmungsstörungen, etwa einer obstruktiven Schlaf-Apnoe, und begleitenden schweren Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird nahegelegt, die Schichtarbeit aufzugeben. 

  • Personen mit schwerem oder schwer behandelbarem Restless-Legs-Syndrom soll aus medizinischer Sicht die Möglichkeit eingeräumt werden, in Tagschichten oder geeignete kontinuierliche Schichten zu wechseln. Bei seltenen Erkrankungen, etwa der Narkolepsie, deuten die wissenschaftlichen Daten der Leitlinie zufolge auf eine komplette Schichtunfähigkeit der Mitarbeiter hin.

Der Artikel ist zuerst erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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