Cannabis-Legalisierungsdebatte in Deutschland: Warum Ärzte und Suchtexperten besorgt sind

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

26. Oktober 2021

In den Niederlanden kämpfen Politiker, Polizisten und Ärzte gegen die Folgen einer laut Spiegel naiven Drogenpolitik. Der liberale Umgang mit Hasch und Marihuana habe auch brutale Mobster groß gemacht, heißt es in dem Beitrag mit der ebenso kurzen wie plastischen Überschrift „Käse, Koks und Killer“.

In Deutschland hingegen machen sich insbesondere Politiker, die wahrscheinlich bald politische Verantwortung für das Land und seine Bürger tragen werden, Gedanken über eine Lockerung in der Drogenpolitik. Konkret geht es um eine Legalisierung von Cannabis. Nur am Rande sei erwähnt: Für den kommenden Finanzminister könnte die Cannabis-Legalisierung immerhin den angenehmen Nebeneffekt haben, der Staatskasse jedes Jahr zusätzliche Milliarden zum bescheren, wie das Hamburger Nachrichtenmagazin berichtet.

Bemerkenswert ist, dass sich sogar ein bekannter Kölner Gesundheitspolitiker, der bislang nicht gerade als Feierbiest mit Neigung zu Lastern wie Saufen und Kiffen in der Öffentlichkeit aufgefallen ist, nun für eine Legalisierung ausgesprochen hat. Ausgerechnet der Chef der Liberalen und möglicherweise kommende Finanzminister, Christian Lindner, soll allerdings gegen den freien Verkauf von Cannabis-Produkten in „Coffeeshops“ wie in den Niederlanden sein.

Wogegen Lindner allerdings nichts habe, sei der kontrollierte Verkauf von Cannabis-Produkten wie Haschisch. Konsumenten sollten zum Beispiel „in einer Apotheke nach gesundheitlicher Aufklärung eine Menge für den eigenen Gebrauch erwerben dürfen“, sagte Lindner am Sonntag im Sender  Bild TV .

So reizvoll, weil verboten?

Ein immer wieder vorgebrachtes Argument für eine Legalisierung lautet bekanntlich, dass das Kiffen gerade durch das Verbot einen besonderen Reiz ausübe. Doch „das bloße Abschaffen von Verbotenheit ist bedauerlich selten der erfolgreichste Weg, schlechte Angewohnheiten zu verhindern“, schreibt dazu der Rechtswissenschaftler Thomas Fischer

Deshalb mute „die küchenpsychologische Theorie, es sei vor allem der Reiz des Verbotenen, der Jugendliche den Abgründen des Haschischkonsums zuführe, etwas zweifelhaft an“. Auch das Komasaufen werde meist nicht unternommen, weil der Lehrer es verboten habe, sondern weil die Welt grausam, der Wodka im Sangria-Eimer aber zärtlich sei, argumentiert Fischer.

Zunahme der Cannabis-Konsumenten in Europa

Sicher nicht gerade erfreut über die erneute Legalisierung-Debatte sind Ärzte und Suchtexperten, zumal die Zahl der Cannabis-Konsumenten in Europa in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. Zwischen 2010 und 2019 habe sie im Durchschnitt um mehr als ein Viertel zugenommen. Dabei sei auch der besonders riskante tägliche oder fast tägliche Konsum gestiegen, so die Ergebnisse einer aktuellen Studie von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in The Lancet Regional Health.

Die Forscher haben anhand öffentlich zugänglicher Daten aus Ländern der Europäischen Union sowie aus Großbritannien, Norwegen und der Türkei die aktuellen Entwicklungen beim Cannabis-Konsum, die Behandlungszahlen und den THC-Gehalt untersucht. „Wir konnten in unserer Auswertung zeigen, dass mehr Menschen in Europa im vergangenen Jahrzehnt Cannabis konsumiert haben“, sagt Studienleiter Dr. Jakob Manthey, der im Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg und der Technischen Universität Dresden forscht.

Die Zahl der Cannabis konsumierenden Erwachsenen in den untersuchten Ländern ist laut einer Mitteilung der Wissenschaftler im Schnitt um 27% von 3,1 auf 3,9% der Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren gestiegen, wobei der stärkste relative Anstieg bei den 35- bis 64-Jährigen zu beobachten war.

Zudem lag der Anteil der Menschen, die bei Umfragen angegeben hatten, im vergangenen Monat täglich oder fast täglich Cannabis konsumiert zu haben, in jedem zweiten europäischen Land bei mehr als 20%, in Portugal sogar bei 70%. Dabei gilt ein Konsum dieser Häufigkeit als besonders riskant.

Zugleich wurde europaweit ein Anstieg der Behandlungen wegen eines problematischen Cannabis-Konsums um etwa 30% registriert, vor allem zwischen den Jahren 2010 und 2015. Nur in einzelnen Ländern waren die Behandlungsraten leicht rückläufig.

In Frankreich, den Niederlanden und Spanien wurde ein deutlicher Anstieg des Konsums bei Erwachsenen mittleren Alters festgestellt. Im Gegensatz dazu meldet Deutschland einen Anstieg des Gesamtkonsums, der hauptsächlich durch den Konsum von jüngeren Erwachsenen getrieben wird.

Zunahme des THC-Gehaltes

Die Forscher haben zudem die Entwicklung des Wirkstoffgehalts des Rauschmittels im vergangenen Jahrzehnt untersucht. Ergebnis: Der Gehalt des Hauptwirkstoffs im Cannabis, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol oder auch THC, hat insgesamt zugenommen. Bei Cannabisharz, auch Haschisch genannt, hat sich der mittlere THC-Gehalt in etwa verdreifacht und bei Cannabisblüten fast verdoppelt. „Möglicherweise ist mit der Zunahme des durchschnittlichen THC-Gehalts auch eine Zunahme der Gesundheitsgefahren für die Konsumierenden verbunden. Das müssen weitere Untersuchungen klären“, sagt Manthey. 

Dass der Konsum von Cannabis-Produkten alles andere als harmlos ist, haben Suchtexperten und andere Wissenschaftler schon mehrfach betont. Zu den möglichen Folgen zählt etwa die Cannabis-Psychose, so Ulmer Ärzte. Seit 2011 habe sich am Universitätsklinikum Ulm die Zahl der Psychiatrie-Patienten mit Cannabis-Psychose vervielfacht, hieß es in einer Mitteilung der Psychiater zu einer Studie im  Journal of Clinical Psychopharmacology .

„Auch wenn die absoluten Häufigkeiten der Cannabis-Psychosen insgesamt eher gering erscheinen, zeigt sich hier bei den relativen Häufigkeiten fast eine Verachtfachung des Ausgangswerts“, erklärte Prof. Dr. Maximilian Gahr, der an der Studie beteiligt war. 

Nur eine Komplikation: Psychosen

Eine Ursache für den Anstieg der Patientenzahlen mit Cannabis-Psychosen sehen die Forscher im teilweise deutlich erhöhten THC-Gehalt von genetisch veränderten Cannabis-Sorten beziehungsweise im hohen THC-Wert von synthetischem Cannabis, das immer leichter verfügbar ist.

Tetrahydrocannabinol (THC) ist eine psychoaktive Substanz, die beim Kiffen von Cannabis für den Rausch verantwortlich ist. Der zweite Hauptwirkstoff ist Cannabidiol (CBD), dem eine entspannende bis angstlösende Wirkung nachgesagt wird, und der die Wirkung von THC möglicherweise sogar abschwächt.

Während der THC-Wert in den letzten Jahren von ehemals rund 3% auf heute über 16% gestiegen ist, enthalten viele hochgezüchteten Cannabissorten, die für den Freizeitkonsum angeboten werden, allerdings nur sehr wenig CBD.

Mittlerweile ist bekannt, dass nicht nur ein hoher THC-Wert an sich, sondern insbesondere das Missverhältnis zwischen viel THC und wenig CBD ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Cannabis-Psychosen ist. 

Ein weiterer Grund sah das Ulmer Forschungsteam in der Änderung des rechtlichen Rahmens der Verschreibungspraxis. Denn Anfang März 2017 wurde per Gesetz eine Verordnung von Cannabinoiden auf Rezept unter gewissen Umständen ermöglicht. Dies hat möglicherweise zur Folge, dass die gefährlichen Nebenwirkungen vor allem von illegal erworbenen Cannabisprodukten unterschätzt werden.

„Wir Kinder- und Jugendärzte setzen uns seit langem für Präventionskampagnen gegen den Konsum von Drogen und Suchtstoffen durch Kinder und Jugendliche ein“, mahnte unter anderen auch Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Je jünger die Konsumenten seien, desto schwerwiegender die Folgen. Die psychosozialen Risiken von häufigem Cannabis-Konsum wie vorzeitige Schulabbrüche und geringerer Bildungserfolg seien mittlerweile empirisch belegt.

Als psychoaktive Substanz könne Cannabis die Gehirnentwicklung beeinträchtigen und zu Persönlichkeitsstörungen führen, insbesondere, wenn es bereits in jungen Jahren regelmäßig konsumiert werde, so eine häufige Warnung, die nicht unberechtigt ist.

So ist bei Jugendlichen, die Cannabis mehr oder weniger regelmäßig konsumieren, die Hirnrinde im Bereich des präfrontalen Kortex auffällig verdünnt, wie Forscher um Dr. Matthew Albaugh, klinischer Psychologe an der University of Vermont Medical Center vor wenigen Monaten im Fachmagazin  JAMA Psychiatry berichtet haben. Der beobachtete Effekt war, wie  Medscape   berichtete, umso stärker, je mehr Cannabis die Jugendlichen nach eigenen Angaben zu sich genommen hatten.

Cannabis und Herz-Kreislauf-Stillstand

Darüber hinaus kann Cannabis auch  kardiovaskuläre Nebenwirkungen  haben. Die Zahl der Patienten, die sich mit kardiovaskulären Beschwerden nach Cannabis-Konsum notfallmäßig vorstellten, sei „in den letzten Jahren tendenziell steigend“, berichteten kürzlich Ärzte des Elisabeth-Krankenhaus Essen in einem aktuellen Zeitschriften-Beitrag, in dem sie die Krankengeschichte eines jungen Mannes und regelmäßigen Cannabis-Konsumenten mit einem refraktären Herz-Kreislauf-Stillstand schilderten. 

Eine retrospektive Analyse eines US-amerikanischen Notfallregisters habe, so die Warnung der Essener Kardiologen, den Konsum von Cannabis als einen unabhängigen Risikofaktor für einen Myokardinfarkt in der Altersgruppe der 25- bis 29 -Jährigen und vor allem der 30- bis 34-Jährigen ergeben. Dieses Risiko sei im Vergleich zur Gesamtgruppe innerhalb der ersten Stunde nach inhalativem Konsum von Marihuana fast 5-fach erhöht. 

 

Kommentar

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