Warum Männer doppelt so häufig an Darmkrebs leiden: Spielen eher Hormone und Größe eine Rolle als ungesunde Lebensweise?

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

25. Oktober 2021

Weltweit erkranken fast doppelt so viele Männer an Darmkrebs wie Frauen. Aber warum? Bisher wurde vermutet, das ginge vor allem aufs Konto einer ungesünderen Lebensweise wie Rauchen und Alkoholtrinken. Nun jedoch sind Epidemiologen zu dem etwas überraschenden Ergebnis gekommen, dass die überhöhte Krebsgefahr sich nur etwa zur Hälfte mit solchen Einflüssen erklären lässt [1]. Beim übrigen Teil herrscht noch weitgehend Rätselraten, doch scheinen Hormone eine gewisse Rolle zu spielen.

„Das grundsätzliche Anliegen unserer Forschung besteht darin, die Darmkrebs-Vorsorge zu optimieren, unter anderem durch genaueres Erfassen von Risiko-, aber auch Schutzfaktoren zu verfeinern“, erläutert Dr. Tobias Niedermaier vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, der Erstautor der Studie, im Gespräch mit Medscape. „Denn je genauer es gelingt, die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung abzuschätzen, um so differenzierter kann man die Prävention an das Profil einzelner Menschen anpassen.“

Ärzte erhalten so immer präzisere Informationen für individuelle Empfehlungen: In welchem Alter sollte ein Patient mit Stuhltest und Koloskopie beginnen? Welche Abstände sind für Folge-Untersuchungen ratsam?

Darmkrebsrate bei Männern deutlich höher

Das Screening hat seinen guten Grund: das Ausmaß der Gefährdung. In Deutschland wird bei etwa 55.000 Einwohnern jährlich die Diagnose „Darmkrebs“ gestellt. Altersbereinigt trifft es 46 pro 100.000 Männer, dagegen nur 28 pro 100.000 Frauen. Noch deutlicher zeigen sich die Geschlechtsunterschiede bei den Vorstufen, den fortgeschrittenen Adenome.

„Folglich sollten gerade Männer die Darmspiegelungen zur Früherkennung in Anspruch nehmen“, rät Niedermaier, „Denn je früher die Tumore entdeckt werden, umso höher sind bekanntlich die Heilungschancen.“

Bekannte Einflussfaktoren

Teilweise lassen sich die Unterschiede auf eine Ungleichheit bekannter Merkmale zurückführen. Männer neigen im Durchschnitt zu einem Verhalten, das sie für Darmkrebs anfälliger macht: Sie greifen öfter zur Zigarette, essen öfter Rind- und Schweinefleisch sowie daraus hergestellte Produkte wie Wurst, dagegen seltener zu Obst, Gemüse oder Vollkornprodukte. Auch haben sie häufiger Übergewicht und Diabetes.

Auf der anderen Seite nehmen Männer zahlreicher – zur Verhinderung kardiovaskulärer Krankheiten – Medikamente wie Aspirin und Statine, die nebenbei das Darmkrebsrisiko senken.

Den Frauen wiederum verleihen sowohl die körpereigenen Östrogene als auch eventuell Hormonpräparate zur Linderung menopausaler Beschwerden einen gewissen Schutz. Hypothesen zufolge beugen weibliche Hormone Darmkrebs vor, indem sie entzündliche Zytokine wie Interleukin-6 hemmen und den Zelltod stimulieren.

Zu den unveränderbaren Faktoren, die zu einem erhöhten Risiko führen, bei beiden Geschlechtern gehören Alter und Darmkrebs bei Verwandten.

Östrogene regen die Apoptose an

Inwieweit fallen solche Bedingungen beim Überrisiko von Männern ins Gewicht? Das ermittelten die Heidelberger Forscher mit Daten aus der KolosSal-Studie. Die fast 16.000 Teilnehmer zwischen 55 und 79 Jahren hatten von Januar 2006 bis Oktober 2013 in gastroenterologischen Praxen des Saarlandes eine Vorsorge-Koloskopie vornehmen lassen.

Dabei bestätigten sich schon beobachtete Zusammenhänge: Wer älter, übergewichtig und großgewachsen war, Diabetes oder eine Familienanamnese mit Darmkrebs hatte, dem Alkohol zuneigte und viel rotes und verarbeitetes Fleisch aß, hatte eine signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit fortgeschrittener Neoplasien.

Bereits erfolgte Darmspiegelungen, eine Kost reich an Obst, Gemüse und Vollkorn sowie bei Frauen eine Hormontherapie gingen mit einer signifikant niedrigeren Wahrscheinlichkeit einher.

Kolorektale Karzinome wurden bei 1,8% der Männer, aber nur bei 1% der Frauen gefunden. Die Zahlen für fortgeschrittene Adenome: 13,4% zu 7,2%. In Summe hatten Männer rund doppelt so häufig Neoplasien, die Odds Ratio betrug also etwa 2.

Diesen Wert korrigierten die Forscher um die Risiko- und Schutzfaktoren, deren Verteilung sie den vorab ausgefüllten Fragebögen entnahmen. „Im Resultat erhielten wir den merklich niedrigen OR-Wert von etwa 1,5. Mit anderen Worten: Diese Einflüsse machen nur rund die Hälfte des Überschuss-Risikos der Männer aus, im Dickdarm etwas mehr, im Rektum weniger“, erläutert Niedermaier.

Hormonpräparate mit stärkerem Effekt als bisher vermutet?

Was könnte den Rest dieses überhöhten Risikos verursachen? Niedermaier sagt: „Außer möglichen Unterschieden im Konsum von Milchprodukten und Fisch könnte es sein, dass Hormone sich stärker als bisher vermutet auf die Bildung oder Suppression von Darmkrebs auswirken.“ So erkrankten Frauen, die keine Mittel zur Verhütung oder gegen Wechseljahrsbeschwerden eingenommen hatten, öfter an Darmkrebs als Frauen, die substitutierten. Der Nachteil der Männer fällt gegenüber der Hormongruppe noch deutlicher aus als gegenüber den Frauen ohne eine solche Behandlung.

Zudem decken die berücksichtigten Faktoren bei diesem Vergleich nicht einmal 50% des Überschuss-Risikos ab, sondern bloß noch 36%. Die Forscher betonen jedoch, dass die Einnahme von Hormonen zur Darmkrebsprävention nicht empfehlenswert ist, weil umgekehrt das Risiko für eine koronare Herzkrankheit, Brustkrebs und Schlaganfall signifikant ansteigt.

Niedermaier folgert: „Um die Zusammenhänge zu prüfen, müssten in künftigen Studien entsprechende Parameter detaillierter erhoben werden, etwa zu Schwangerschaften, Dauer der Hormontherapien und Art der Präparate, Stillen, Alter bei Menarche und Menopause.“

Sind große Menschen anfälliger für Krebs?

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Studie: Anscheinend ist die Körpergröße relevant. Je größer die Untersuchten, desto höher die Wahrscheinlichkeit, bei der Koloskopie fortgeschrittene Neoplasien zu finden. „Man muss aber hinzufügen, dass diese Assoziation in der großen Studie UK Biobank nicht festgestellt wurde“, so Niedermaier. In diese prospektive Kohortenstudie waren die Daten von fast 500.000 Teilnehmern eingeflossen.

Allerdings gibt es Befunde, die mit der Beobachtung der Heidelberger Forscher übereinstimmen: Nicht nur ist ein Zusammenhang zwischen Körpergröße und Brust-, Pankreas-, Endometrium- und Ovarialkarzinomen vielfach belegt. Auch eine große Meta-Analyse von 47 Studien mit mehr als 7 Millionen Teilnehmern zeigt eine Erhöhung des Darmkrebs-Risikos um 4% pro Anstieg der Körpergröße um 5 cm, und zwar bei Männern und Frauen ähnlich.

Wachstumsfaktor als mögliches Bindeglied

„Zur Erklärung werden erhöhte Spiegel des insulinähnlichen Wachstumsfaktors-1 IGF-1 herangezogen, der im Kindes- und Jugendalter das Wachstum fördert“, sagt Niedermaier. Dieses Peptid könnte deshalb zur Krebsentstehung beitragen, weil es die Apoptose hemmt, die Zellproliferation dagegen stimuliert.

Die Autoren der Meta-Analyse diskutieren weitere Theorien: Die Körpergröße werde außer durch erbliche Komponenten durch ein Wechselspiel früher Lebensbedingungen programmiert, etwa Ernährung, körperliche Aktivität, psychischen Stress und Krankheiten, besonders Infektionen. Auch das könne auf bisher undurchschaubare Weise die Kanzerogenese im Erwachsenenalter steuern.

Und last not least hätten größere Menschen schlicht und einfach eine größere Zahl von Zellen im Körper und einen längeren Darm, so dass mehr Material vorhanden sei, von dem maligne Mutationen ausgehen können.

 

Kommentar

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