„Ohne Bedenken“ Doppelimpfung Influenza und COVID-19; 91% der Klinik-Mitarbeiter geimpft; Gründe der Ungeimpften; BioNtech-Booster-Studie

Michael van den Heuvel 

Interessenkonflikte

21. Oktober 2021

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 21. Oktober 2021

Heute meldet das Robert Koch-Institut (RKI) eine 7-Tage-Inzidenz von 85,6 Fällen pro 100.000 Einwohner. Am Vortag lag der Wert noch bei 80,4. Und 16.077 Menschen haben sich neu mit SARS-CoV-2 infiziert (Vorwoche: 12.382). Weitere 67 Menschen sind durch COVID-19 gestorben (Vorwoche: 10). 

Laut DIVI-Intensivregister waren am 20. Oktober 1.482 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung; 7 mehr als am Vortag. Aktuell sind 806 Betten im Low-Care- und 2.060 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 386 freie ECMO-Behandlungsplätze. 

65,9 % der Gesamtbevölkerung sind mittlerweile vollständig geimpft. Und 68,9 % haben mindestens 1 Impfdosis erhalten.

  • Umfrage: 91% der Krankenhaus-Mitarbeiter sind geimpft

  •  „Ohne Bedenken“ Impfung gegen Covid-19 und Grippe gleichzeitig

  • Auffrischungsimpfung mit BioNTech/Pfizer: Wirksamkeit über 95%

  • COVID-19: Interferone ohne Benefit

  • SARS-CoV-2: Neue Variante in Großbritannien

  • Nach der Pandemie ist vor der Pandemie

  • RKI: Neue Studie mit der Datenspende-App

Umfrage: 91% der Krankenhaus-Mitarbeiter sind geimpft

Ergebnisse der 2. Befragungswelle der Krankenhausbasierten Online-Befragung (KROCO), geleitet vom RKI, zeigen, dass die meisten Angestellten in Klinken ausreichend gegen COVID-19 geschützt sind; 91% waren vollständig geimpft, 4% unvollständig geimpft und 5% waren ungeimpft, wie Coliquio berichtete.

Fragen des Instituts beantworteten knapp 17.000 Beschäftigte von 111 Kliniken auf freiwilliger Basis. Darunter waren Ärzte, Pflegekräfte, aber auch Menschen aus anderen Bereichen wie Laboren und der Verwaltung. Den höchsten Anteil an Ungeimpften gab es bei Pflegepersonal (6%), gefolgt von therapeutischen Berufen und medizinisch-technischem Personal (je 5%). 

Als Beweggründe für eine Corona-Impfung nannten Geimpfte vor allem, dass sie ihre privaten und beruflichen Kontakte und sich selbst schützen wollen. Aber auch Aufforderungen durch den Arbeitgeber spielten eine Rolle. 

Gegen eine Impfung sprach laut Befragung:

  • die Furcht vor bleibenden Schäden

  • die Sorge, dass die neuen Impftechnologien nicht sicher sein könnten

  • der Wunsch, noch abwarten zu wollen

  • die Furcht vor Nebenwirkungen. 

„Ohne Bedenken“ Impfung gegen Covid-19 und Grippe gleichzeitig

Für viele Ärzte stellt sich gerade jetzt im Herbst die Frage, ob Impfungen gegen Influenza und gegen Grippe gleichzeitig möglich sind. Oft werden 2 Wochen als Sicherheitsabstand erwähnt. 

Die britische ComFluCOV-Gruppe („Combining Influenza and Covid-19 Vaccination“) hat die Sicherheit und Effektivität dieser Strategie in einer placebokontrollierten, doppelblinden Studie bei 679 Personen aus England und Wales untersucht,  wie Coliquio berichtete. 

Bei allen Probanden stand die 2. Impfung mit Astrazeneca (ChAdOx1) oder Pfizer/Biontech (ChAdOx1) sowie die jährliche Grippeimpfung an. Die eine Hälfte der Teilnehmenden erhielt die 2. Dosis des COVID-19-Impfstoffs zusammen mit der Grippeimpfung (jeweils in den anderen Oberarm), die andere in zeitlichem Abstand von 3-4 Wochen. Es wurden 3 verschiedene Grippeimpfstoffe (1 trivalenter und 2 quadrivalente) eingesetzt.

Das ergab 6 verschiedene Impfstoff-Kombinationen, die sich im Großen und Ganzen als ähnlich verträglich wie die alleinige COVID-19-Impfung erwiesen. Bei 2 Kombinationen (ChAdOx1/aTIV und BNT162b2/QIVr) überlappte das 95-%-Konfidenzintervall bei den systemischen Reaktionen allerdings das Non-Inferioritätskriterium von weniger als 25%. Die beobachteten systemischen Reaktionen waren überwiegend leicht bis mittelschwer; 97% der Probanden gaben an, auch in Zukunft nichts gegen die Doppelimpfung einzuwenden zu haben.

Auch bei der Bestimmung der Antikörper gegen das Spikeprotein von SARS-CoV-2 zeigten sich keine Unterschiede zwischen der gleichzeitigen und der getrennten Gabe der Impfstoffe. Auch wurde auch die Immunantwort auf den Grippeimpfstoff nicht durch die gleichzeitige COVID-19-Impfung beeinträchtigt. 

Das Autorenteam kommt daher zu dem Schluss, dass man Menschen ohne Bedenken gleichzeitig gegen Covid-19 und Grippe impfen lassen kann.

Auffrischungsimpfung mit BioNTech/Pfizer: Wirksamkeit über 95%

In einer Pressemeldung geben BioNTech/Pfizer Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Phase-3-Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit einer 30µg-Auffrischungsimpfung zur Sicherheit und Wirksamkeit bekannt.  

Eingeschlossen wurden mehr als 10.000 Personen ab 16 Jahren. Sie hatten vor Beginn der Studie 2 Dosen des Pfizer-BioNTech-Impfstoffs erhalten. Das Durchschnittsalter betrug 53 Jahre, wobei 55,5% zwischen 16 und 55 Jahren und 23,3% 65 Jahre und älter waren. 

Probanden wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert und erhielten entweder eine 30 µg-Auffrischungsimpfung oder Placebo. Der mediane Zeitraum zwischen der 2. Dosis und dem Booster lag im Median bei 11 Wochen. Die Forscher erfassten COVID-19-Erkrankungen mindestens 7 Tage nach der Gabe von Verum oder Placebo für 2,5 Monate.  

Während des Studienzeitraums gab es 5 versus 109 Fälle, was einer relativen Wirksamkeit von 95,6% (95%-KI 89,3% bis 98,6%) entspricht. 

Interferone ohne Benefit gegen COVID-19

Eine klinische Studie hat ergeben, dass bei hospitalisierten Erwachsenen mit COVID-19-Pneumonie Interferon beta-1a in Kombination mit dem Virostatikum Remdesivir der alleinigen Gabe von Remdesivir nicht überlegen war. Darüber hinaus stellten Forscher in einer Untergruppe von Patienten, die Sauerstoff mit hohem Durchfluss benötigten, fest, dass Interferon beta-1a mit mehr unerwünschten Ereignissen und schlechteren Ergebnissen assoziiert war. 

Zum Hintergrund: Interferon beta-1a hat die gleiche Aminosäuresequenz wie das natürlich vorkommende Protein Interferon beta. Infizierte Zellen produzieren normalerweise Interferone vom Typ 1, um das Immunsystem bei der Bekämpfung von Krankheitserregern, insbesondere Viren, zu unterstützen. Interferon beta hat sowohl antivirale als auch antiinflammatorische Eigenschaften. 

Bei Laborstudien fanden Wissenschaftler heraus, dass die normale Typ-1-Interferon-Reaktion nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 unterdrückt wird. Darüber hinaus haben frühere Studien an hospitalisierten Patienten mit COVID-19 gezeigt, dass die Produktion von Interferon als Reaktion auf eine SARS-CoV-2-Infektion bei vielen Patienten vermindert war, was mit einer schwereren Erkrankung einherging. Andere Laborstudien und klinische Daten unterstützten die Hypothese, dass eine Behandlung mit Interferon beta-1a den Gesundheitszustand von Menschen mit COVID-19 verbessern könnte – offensichtlich zu Unrecht, wie neue Daten jetzt zeigen. 

Die Studie „Adaptive COVID-19 Treatment Trial 3“ (ACTT-3) wurde vom 5. August 2020 bis zum 21. Dezember 2020 durchgeführt. Forscher nahmen 969 Erwachsene aus den Vereinigten Staaten, aus Japan, Mexiko, Singapur und Südkorea auf. Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip 1:1 entweder mit Interferon beta-1a plus Remdesivir oder mit Placebo plus Remdesivir behandelt.

Am 4. September 2020 wurde die Studie dahingehend geändert, dass Teilnehmer mit schwerer COVID-19, die Sauerstoff mit hohem Durchfluss benötigten oder die eine nicht-invasive oder invasive mechanische Beatmung erhileten, ausgeschlossen wurden. In diesen Subgruppen hatte das Data and Safety Monitoring Board zuvor mehr schwerwiegende, unerwünschte Ereignisse beobachtet. 

Letztendlich stellten die Prüfer jedoch fest, dass Interferon beta-1a plus Remdesivir im Vergleich zu Remdesivir allein bei hospitalisierten Erwachsenen mit COVID-19 keinen klinischen Nutzen brachte. Der primäre Endpunkt, die Zeit bis zur Genesung, war in beiden Studienarmen gleich; sie lag im Median bei 5 Tagen. Auch bei der Wahrscheinlichkeit einer klinischen Verbesserung am Tag 15 gab es keine Unterschiede.

SARS-CoV-2: Neue Variante in Großbritannien

Bis zum 27. September wiesen Labormediziner bei 6% aller sequenzierten Proben von SARS-CoV-2-positiven Patienten die Variante AY.4.2 nach. Das berichtet Public Health England. 

Dr. Jeffrey Barrett, Leiter der medizinischen Genomikgruppe am Wellcome Trust Sanger Institute, twitterte, dass AY.4.2 der einzige Delta-Nachkomme sei, der stetig zunehme, was auf einen „beständigen Vorteil“ gegenüber Delta hindeute. Er gab zu bedenken, dass AY.4.2 die Delta-Variante sehr viel langsamer verdränge als dies bei der früher dominierenden Alpha-Variante der Fall gewesen sei. 

Prof. Dr. Francois Balloux, Direktor des Genetik-Instituts des University College London, twitterte am Samstag, dass Daten über AY.4.2 darauf hindeuteten, dass die neue Variante um 10% kontagiöser sein könnte als die im Vereinigten Königreich am häufigsten vorkommende Delta-Variante (AY.4). Außerhalb des Vereinigten Königreichs sei AY.4.2 selten; aus den USA habe man 3 Fälle gemeldet. „In Dänemark, dem anderen Land, das neben dem Vereinigten Königreich über eine hervorragende genomische Überwachung verfügt, erreichte sie eine Häufigkeit von 2%, ist aber seitdem zurückgegangen“, sagte Balloux. 

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie

Derzeit steht SARS-CoV-2 im Mittelpunkt des wissenschaftlichen und des gesundheitspolitischen Interesses. Warum es wichtig ist, an die Zukunft zu denken, zeigen 2 Berichte. 

Schleswig-Holstein meldete vor wenigen Tagen 1 Fall mit Geflügelpest. Im Labor konnte H5N1 nachgewiesen werden. Das ist ungewöhnlich, aber die Sorge, dass Viren genetisches Material austauschen („Reassortment“) und humanpathogen werden, ist in Corona-Zeiten groß. Medienberichten zufolge soll sich bereits im Frühjahr ein Jugendlicher mit A (H1N1)v infiziert haben. Als Quelle kommt ein Schweinemastbetrieb infrage. Der Patient hatte nur leichte Symptome; das Virus konnte sich wohl nicht verändern. „Wir würden uns das Entstehen einer Pandemie aber im Grunde genau so vorstellen müssen, dass es zu einem solchen initialen Sprung kommt“, so Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut. 

RKI: Neue Studie mit der Datenspende-App

Für weitere Forschungsprojekte hat das RKI eine neue Version der Corona-Datenspende-App veröffentlicht. In der Studie „Erleben und Verhalten in der Pandemie” arbeitet das Institut mit Wissenschaftlern der COSMO-Studie zusammen, um die persönliche Belastung und Risikowahrnehmung, sowie das individuelle Verhalten in der Pandemie zu verstehen. „Antworten auf die Fragebögen liefern wertvolle und umfangreiche Einblicke in die persönlichen Herausforderungen der Pandemie und zeigen auf, wie sich Veränderungen der Situation auf das Verhalten der Bevölkerung auswirken“, schreibt das RKI zur Zielsetzung. 

 

Kommentar

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