Hohe Mortalität durch COVID-19 bei Schwangeren in den USA – eine betroffene Familie berichtet vom Tod einer 24-Jährigen

Brenda Goodman, MA

Interessenkonflikte

20. Oktober 2021

Wenn der 22 Monate alte Karter Bergeron die Stimme seiner Mutter hören möchte, drückt er auf einen Knopf an der Pfote seines Teddybären, der eine Aufnahme abspielt. „Wir haben ein Video gefunden, auf dem sie sagt: ‚Ich liebe dich‘“, so Amie Reaux, Karters Großmutter. „Das haben wir in den Bären gesteckt. Karter hält seinen Bären ganz oft.“


Die Familie von Keighlie Reaux konnte eine Sprachdatei, in der sie „Ich liebe dich“ sagt, in diesen interaktiven Bären laden, damit ihr neugeborener Sohn ihre Stimme hört.

Karter hat seine Mutter, die 24-jährige Keighlie Reaux, Ende Juli zum letzten Mal gesehen, als sie ihn bei seiner Großmutter in Youngsville, Louisiana, absetzte. Eigentlich sollte er nur bei ihr übernachten.

Keighlie war im 9. Monat mit ihrem 2. Kind schwanger. Sie erzählte ihrer Mutter, sie fühle sich schlapp und habe ein kratzendes Gefühl im Hals. Während ihrer Schwangerschaft hatte sie immer wieder Streptokokken-Infektionen, und sie nahm an, dass ihre Beschwerden daher kämen.

Zuvor waren Keighlie und ihre Familie von einem Strandurlaub in Florida zurückgekehrt, wo sich zuvor die Delta-Variante von SARS-CoV-2 ausgebreitet hatte. Innerhalb weniger Tage wurden alle positiv getestet. Keiner von ihnen war geimpft worden. „Von da an ging es nur noch bergab“, sagt Amie.


Keighlie (3. von links) mit ihrer Familie in Florida. Kurz nachdem sie vom Strand zurückgekehrt waren, erkrankten alle an COVID-19.

COVID-19 – Hauptursache für Müttersterblichkeit in den USA

Seit Beginn der Pandemie haben sich in den Vereinigten Staaten mehr als 127.000 schwangere Frauen mit COVID-19 infiziert; 22.000 wurden deswegen stationär aufgenommen. Mehr als 500 mussten auf der Intensivstation behandelt werden, und 171 von ihnen sind gestorben. Damit ist COVID-19 in den letzten 2 Jahren zur Hauptursache für Müttersterblichkeit in den USA geworden.

Die Zahlen sind so alarmierend, dass sich die Centers of Disease Control and Prevention (CDC) letzte Woche veranlasst sahen, eine Warnung an Ärzte über das Risiko, das COVID-19 während der Schwangerschaft darstellt, herauszugeben.

Todesfälle bei Müttern sind eigentlich selten. Von US-weit rund 3,75 Millionen Geburten pro Jahr sterben etwa 700 Frauen während der Schwangerschaft oder innerhalb von 6 Wochen nach der Entbindung. Durchschnittlich sterben in den USA etwa 55 werdende Mütter pro Monat. Im August 2021 waren es 22 schwangere Frauen aufgrund von COVID-19: die höchste Zahl, die in einem einzelnen Monat während der Pandemie erfasst worden ist.

Die südlichen US-Bundesstaaten sind besonders stark betroffen. Innerhalb von nur 1 Woche starben 4 Mütter am University of Mississippi Medical Center, wo Dr. Michelle Owens in den Bereichen Gynäkologie und Pädiatrie praktiziert. Keine der schwangeren Frauen war geimpft.

„Wir haben Babys auf unserer Neugeborenen-Intensivstation, die ihre Mütter nicht kennen werden, und das ist wirklich demoralisierend“, sagt Owens. Der Tod von Müttern sei sowohl für Mitarbeiter im Krankenhaus als auch für betroffene Familien äußerst schmerzhaft. „Es ist hart für Familien, die eine Mutter, also den Mittelpunkt ihres Hauses, verlieren. Es handelt sich um jüngere Frauen. Viele von ihnen haben noch andere Kinder“, sagt Owens.

Daten zur Müttersterblichkeit während COVID-19

Noch gibt keine offizielle Schätzung zur Müttersterblichkeitsrate in den USA während der Pandemie. Normalerweise dauert es eine Weile, bis staatlichen Institutionen Daten auswerten, um zu entscheiden, welche Ursache Todesfälle während der Schwangerschaft hatten.

Die letzte offizielle Zahl stammt aus dem Jahr 2019. Die CDC haben als Müttersterblichkeitsrate in den USA 20,1 Todesfälle pro 100.000 Geburten oder 0,02% angegeben: eine wenig erfreuliche Zahl, mit der das Land bereits den letzten Platz unter allen wohlhabenden Nationen einnimmt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass COVID-19 diese Zahl in die Höhe getrieben hat.

Prof. Dr. Torri Metz, außerordentliche Professorin für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität von Utah, leitet ein Forscherteam, das Schäden bei Müttern und Säuglingen in den ersten 5 Monaten der Pandemie dokumentiert hat.

Ihre Studie umfasst 1.219 schwangere Patientinnen, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet und in 33 Krankenhäusern in 14 Bundesstaaten behandelt worden waren. Die Forscher dokumentierten 4 Todesfälle bei Müttern durch COVID-19, was einer Rate von 0,3% entspricht: eine Zahl, die 15-mal höher ist als im Jahr 2019.

„Die Tatsache, dass die Rate um eine Größenordnung höher liegt, ist meiner Meinung nach wirklich beunruhigend“, sagt Metz. Ihre Studie wurde im April 2021 in der Zeitschrift Obstetrics & Gynecology veröffentlicht. Und diese Zahlen beziehen sich auf einen Zeitpunkt, lange bevor die Delta-Variante zur vorherrschenden Ursache von Infektionen wurde. „Was wir jetzt mit der Delta-Variante sehen, sind definitiv viel mehr schwere Infektionen bei Schwangeren, und das ist natürlich auch sehr besorgniserregend“, sagt Metz.

Im Parkland Hospital in Dallas, einem der größten Entbindungszentren der USA, hat sich die Zahl an schwangeren Patientinnen, die wegen schwerer oder kritischer Erkrankungen im Krankenhaus behandelt werden mussten, während der Delta-Welle nahezu verdreifacht.

Im Jahr 2020 benötigten etwa 5% aller Schwangeren aufgrund von SARS-CoV-2-Infektionen eine medizinische Behandlung. Im Juli und August 2021 habe sich diese Zahl auf 15 bis 25% erhöht, so Dr. Emily Adhikari, medizinische Leiterin der Abteilung für perinatale Infektionskrankheiten am Parkland Hospital. Ihre Ergebnisse sind in einem Forschungsbrief im American Journal of Obstetrics & Gynecology publiziert worden.

Kaum Daten, wenige Impfungen in der Schwangerschaft

Nahezu alle schwangeren Patientinnen, bei denen lebensbedrohliche Komplikationen aufgetreten sind, laut CDC 97% der Betroffenen, waren nicht geimpft.

Keighlie Reaux habe den Impfstoff nicht gewollt, sagt ihre Mutter. Ihr hätten – gefühlt – Informationen gefehlt. Mit ihrem Arzt sprach Keighlie damals nicht. „Sie hatte einfach Angst“, sagt Amie Reaux, „und ich glaube nicht, dass die Impfung damals für schwangere Frauen angeboten wurde“.

Die CDC haben stets darauf hingewiesen, dass eine Schwangerschaft ein höheres Risiko für schweres COVID-19 mit sich bringt. Als die ersten Impfungen eingeführt wurden, mussten die CDC jedoch einräumen, dass es nur wenige Daten gab, die sich als Entscheidungsgrundlage für Impfungen während der Schwangerschaft eignen.

Die Behörde erklärte damals, Impfstoffe sollten schwangeren Frauen, die sie wünschten, nicht vorenthalten werden. Solche Entscheidungen seien von werdenden Müttern individuell in Absprache mit ihren Ärzten zu treffen.

„Ich glaube, da sind wir wirklich gescheitert“, sagt Metz. „Wir hatten einfach keine Daten in der Schwangerschaft. Ich glaube, dass es für die Patientinnen und auch für die Ärzte sehr schwierig war, sich bei einer Impfung in der Schwangerschaft zu 100% sicher zu fühlen.“ 


Keighlie Reaux im Alter von 24 Jahren mit ihrem 22 Monate alten Sohn Karter.

Keighlie Reaux erfuhr im Januar von ihrer Schwangerschaft. Damals gab es noch zu wenige Daten über Vakzine. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Impfstoffe während der Schwangerschaft sicher und wirksam sind.

Doch viele Menschen wie Keighlie haben ihre Entscheidung nie überdacht, selbst als klar wurde, dass die Impfstoffe während der Schwangerschaft Vorteile bieten und als die Gefahren der Delta-Variante das Geschehen zu beherrschen begann.

Nach Angaben der CDC haben Schwangere, die Symptome von COVID-19 entwickeln, ein mehr als doppelt so hohes Risiko, intensivmedizinisch betreut, invasiv beatmet oder per ECMO versorgt werden zu müssen, und ein um 70% erhöhtes Mortalitätsrisiko im Vergleich zu nicht schwangeren Personen mit symptomatischem COVID-19.

„Delta hat einen emotionalen Tribut gefordert, wie ich ihn in meiner medizinischen Laufbahn noch nie erlebt habe“, sagt Owens. „Manchmal setzen wir uns einfach mit einer großen Schachtel Taschentücher zusammen und weinen.“

Geburtshelfer in den ganzen USA sagen, dass sie von der Zahl der Todesfälle erschüttert sind. „Es ist unglaublich herzzerreißend, und es ist schwer, den Leuten klarzumachen, dass das nicht normal ist“, sagt Dr. Danielle Jones. Sie arbeitet als Gynäkologin in Austin, Texas. Jones hat E-Mails von Kollegen über ihre Fälle gesammelt, die sie anonym auf Twitter teilt.

https://www.medscape.com/viewarticle/960570#vp_3

 

In den USA sei die Müttersterblichkeit ein Thema, über das Medien intensiv berichteten, sagt Jones. „Und ich habe gemischte Gefühle dabei, denn obwohl das Thema extrem wichtig ist und wir es aus verschiedenen Blickwinkeln angehen müssen, denke ich, dass die Öffentlichkeit dadurch ein wenig abgestumpft ist und wir den Eindruck erweckt haben, Müttersterblichkeit sei weit verbreitet“, ergänzt Jones.

„Vor der Pandemie hatten die meisten Gynäkologen in ihrem ganzen Berufsleben nur 1 oder höchstens 2 Todesfälle unter ihren Patientinnen“, sagt Jones. Jetzt hätten viele ihrer Kollegen dies in nur einem Jahr erlebt.

Falsche Behauptungen, viele Desinformationen zu Vakzinen

Erschwerend kam hinzu, dass ein Großteil der Desinformation über COVID-19-Impfstoffe unbegründete Ängste hervorrief, sie könnten die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder zum Tod des Babys führen. „Der Grund, warum dies als Quelle der Desinformation genutzt wird, ist, dass es funktioniert. Sie veranlasst die Menschen, vorsichtig zu sein“, sagt Jones. „Auch wenn wir hinreichend bewiesen haben, dass diese Behauptungen absolut falsch sind, verstehe ich, warum meine Patienten ein wenig Angst haben.“

Retrospektive Überprüfungen zehntausender Frauen, die während der Schwangerschaft gegen COVID-19 geimpft wurden, ergaben keinen Grund zur Sorge. Die CDC empfehlen nun eindeutig Impfungen während der Schwangerschaft.

„Ich habe immer noch Mitgefühl für diese Patientinnen, die einfach nicht wissen, was sie denken sollen. Es gibt sogar schlechte Informationen von Ärzten und Hebammen, die sich nicht auf dem neuesten Stand der Daten halten“, so Jones weiter.

COVID-19 macht sich die Physiologie der Schwangerschaft zunutze

Selbst bei gesunden Menschen bringt eine Schwangerschaft körperliche Veränderungen mit sich, welche die Anfälligkeit für COVID-19 erhöhen können. Zu diesen Veränderungen gehören eine verringerte Lungenkapazität, eine erhöhte Herzfrequenz, ein erhöhter Sauerstoffverbrauch sowie ein erhöhtes Risiko von Thrombosen.

„Für mich macht es durchaus Sinn, dass ein Virus, das unser Atmungssystem angreift und auch mit [einem erhöhten Risiko für Blutgerinnsel] verbunden zu sein scheint, bei der richtigen Person zu Komplikationen und erhöhter Morbidität und leider auch Mortalität führen würde“, erklärt Prof. Dr. Mary Healy, außerordentliche Professorin für Pädiatrie und Infektionskrankheiten am Baylor College of Medicine und am Texas Children's Hospital.

„Der andere Faktor, den man meiner Meinung nach einbeziehen muss, ist, dass wir auch wissen, dass COVID-19 bei Menschen mit Vorerkrankungen mehr Probleme verursacht, und wir haben Schwangere mit Gesundheitsproblemen“, berichtet Healy. Sie verweist auf die Zunahme von Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und chronischem Bluthochdruck bei Frauen im gebärfähigen Alter.

Das Immunsystem wird während der Schwangerschaft auch toleranter gegenüber fremden Eindringlingen, um zu verhindern, dass der Körper versehentlich das ungeborene Kind angreift. Auch dies macht schwangere Patientinnen anfälliger für Infektionen wie Grippe und möglicherweise COVID-19.

Erste Anzeichen dafür, dass es Keighlie Reaux schlecht ging, waren Durchfall und Erbrechen, die so stark waren, dass sie nicht einmal Flüssigkeit bei sich behalten konnte. Allmählich wurde sie so schwach, dass sie nicht mehr laufen konnte. Ihre Mutter brachte sie sofort ins Krankenhaus. Als man ihren Sauerstoffgehalt im Blut testete, lag er bei 73%.

Da man keinen Herzschlag des Babys feststellen konnte, wurde ein Notkaiserschnitt durchgeführt. Ihr 2. Sohn, Krew, wurde in der 38. Woche entbunden und überlebte.


Baby Krew, der zweite Sohn von Keighlie.

„Sie konnte ihn nie wirklich halten“, sagt ihre Mutter Amie. „Ich habe versucht, ihn in ihre Arme zu legen, gleich nachdem sie von ihrem Kaiserschnitt zurückkam, aber sie hatte Kabel; sie fühlte sich einfach nicht wohl.“

Amie brachte Krew am 4. August zur Welt. Sie wurde in ein größeres Krankenhaus verlegt, wo sie besser versorgt werden konnte. Am 9. August wurde sie intubiert und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Einige Wochen später kollabierten ihre beiden Lungenflügel. Sie starb am 12. September.

Keighlies Mutter und Vater kümmern sich nun um Krew und Karter. Freunde sammeln auf GoFundMe Geld, um der Familie zu helfen.

Wenn sie etwas anders machen könnte, sagt Amie Reaux, „würde ich auf jeden Fall versuchen, sie impfen zu lassen“.

Reaux berichtet, sie würde anderen schwangeren Frauen raten, große Menschenmengen zu meiden und so oft wie möglich Masken zu tragen. „Seien Sie sehr vorsichtig in Ihrer Umgebung“, sagt sie. „Sie müssen sich schützen.“

Und vielleicht am allerwichtigsten sei, einen Plan zu machen. „Man muss sicherstellen, dass alles geplant ist“, sagt Amie und merkt an, dass selbst die einfachsten Dinge für Krew, wie die Beschaffung einer Geburtsurkunde und seine Beschneidung, schwierig gewesen seien. „Es gibt vieles, was besprochen werden muss.“

Der Beitrag wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

Impfung von Schwangeren und Stillenden in Deutschland

Die STIKO empfiehlt allen ungeimpften Schwangeren ab dem 2. Trimenon und allen ungeimpften Stillenden, sich gegen COVID-19 zu schützen: mit 2 Dosen eines mRNA-Impfstoffs im Abstand von 3 bis 6 Wochen (Comirnaty®) oder 4 bis 6 Wochen (Spikevax®). Vorliegende Daten zeigen bei „sehr guter Schutzwirkung“ kein erhöhtes Risiko für schwere unerwünschte Wirkungen.

Im Unterschied dazu raten die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie weitere Fachgesellschaften zur Impfung aller schwangeren und stillenden Frauen.

 

Kommentar

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