EMA: Neue Wirkstoffe bei Brustkrebs, Lungenkrebs – und Überprüfung therapeutischer SARS-CoV-2-Antikörper

Michael van den Heuvel 

Interessenkonflikte

15. Oktober 2021

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat auf seiner Sitzung im Oktober 6 Arzneimittel zur Zulassung empfohlen [1]. Darunter befinden sich neue Therapien gegen fortgeschrittenen, 3-fach negativen Brustkrebs, gegen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs und gegen die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie. Außerdem startet die EMA eine fortlaufende Überprüfung therapeutischer Antikörper gegen COVID-19 [2].

Fortlaufende Prüfung von Evusheld® (Tixagevimab und Cilgavimab)

Der Ausschuss für Humanarzneimittel hat mit der fortlaufenden Prüfung von Evusheld® (AZD7442) begonnen, einer Kombination aus den monoklonalen Antikörpern Tixagevimab und Cilgavimab. Es wurde zur Prävention von COVID-19 bei Erwachsenen entwickelt. Die Entscheidung, ein Rolling Review durchzuführen, basiert auf vorläufigen Ergebnissen klinischer Studien, die darauf hindeuten, dass das Arzneimittel zum Schutz vor der Krankheit beitragen könnte. 

Tixagevimab und Cilgavimab binden an 2 unterschiedlichen Stellen des Spike-Protein von SARS-CoV-2. Dadurch soll verhindert werden, dass das Virus in Körperzellen eindringt. Da die Antikörper verschiedene Regionen des Proteins zum Ziel haben, kann ihre Kombination wirksamer sein als die alleinige Anwendung eines der beiden Medikamente.

Die EMA wird Daten über die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit des Arzneimittels auswerten, sobald sie verfügbar sind. Sie setzt das Rolling Review so lange fort, bis genügend Beweise vorliegen, damit das Unternehmen einen formellen Zulassungsantrag stellen kann.

Trodelvy® (Sacituzumab Govitecan) beim triple-negativen Mammakarzinom

Grünes Licht gab es für Trodelvy® (Sacituzumab Govitecan), dem 1. Medikament seiner Klasse zur Behandlung erwachsener Patientinnen mit inoperablem oder metastasierendem, 3-fach-negativem Brustkrebs, die 2 oder mehr vorherige systemische Therapien erhalten haben, davon mindestens 1 für fortgeschrittene Erkrankungen. 

Triple-negativer Brustkrebs ist eine aggressive Form von Brustkrebs ohne die üblichen Rezeptoren (Targets) für Therapien. Chemotherapien sind in der Subgruppe nach wie vor Standard. Allerdings sprechen schätzungsweise nur 10 bis 15% aller Patientinnen auf diese Behandlung an, und die Zeit bis zur Progression beträgt nur 2 bis 3 Monate. Daher besteht ein hoher ungedeckter medizinischer Bedarf an neuen Behandlungen.

Der Wirkstoff von Trodelvy® ist Sacituzumab Govitecan. Forscher haben einen humanisierten Antikörper, welcher am Trop-2-Rezeptor bindet, mit einem Topoisomerase-I-Inhibitor als antineoplastischem Wirkstoff kombiniert

Der CHMP stützt seine Zulassungsempfehlung auf Daten einer multizentrischen, offenen, randomisierten klinischen Studie der Phase 3. Forscher haben die Sicherheit und Wirksamkeit von Trodelvy® bei 529 Patientinnen mit inoperablem, lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem, 3-fach-negativem Brustkrebs (mTNBC) untersucht. Alle aufgenommenen Patientinnen hatten nach mindestens 2 vorangegangenen Chemotherapien ein Rezidiv erlitten. Sie wurden randomisiert (1:1) und erhielten Sacituzumab Govitecan 10 mg/kg als intravenöse Infusion an Tag 1 und 8 eines 21-tägigen Zyklus oder eine Behandlung nach Wahl des Onkologen (Eribulin, Vinorelbin, Gemcitabin oder Capecitabin).

Das neue Arzneimittel verlängerte das Gesamtüberleben um etwa 5 Monate (11,8 Monate für Sacituzumab Govitecan im Vergleich zu 6,9 Monaten für die Behandlung nach Wahl des Arztes) und die progressionsfreie Überlebenszeit um etwa 3 Monate (4,8 Monate für Sacituzumab Govitecan im Vergleich zu 1,7 Monaten für die Behandlung nach Wahl des Arztes).

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Trodelvy® in klinischen Studien gehörten Durchfall, Übelkeit, Neutropenie, Müdigkeit, Alopezie, Anämie, Erbrechen, Verstopfung, Appetitlosigkeit, Husten und Bauchschmerzen.

Rybrevant® (Amivantamab) bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs

Grünes Licht gab es auch für Rybrevant® (Amivantamab). Der Ausschuss empfahl die Erteilung einer bedingten Zulassung. Das Arzneimittel richtet sich an Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) mit aktivierenden Exon-20-Insertionsmutationen des epidermalen Wachstumsfaktorrezeptors (EGFR). 

Amivantamab, ein vollständig humanisierter, EGFR-MET-bispezifischer Antikörper auf IgG1-Basis, zielt auf Tumore mit aktivierenden EGFR-Exon-20-Insertionsmutationen ab. 

Vorteile sind die objektive Ansprechrate und die Dauer des Ansprechens bei NSCLC-Patienten mit EGFR-Exon-20-Insertionsmutationen nach Versagen einer platinbasierten Therapie. Als häufigste Nebenwirkungen nennt die EMA Hautausschläge, infusionsbedingte Reaktionen, Nagelschäden, Hypoalbuminämie, Ödeme, Müdigkeit, Stomatitis, Übelkeit und Verstopfung.

Aspaveli® (Pegcetacoplan) bei paroxysmaler nächtlicher Hämoglobinurie

Ein positives Votum erhielt auch Aspaveli® (Pegcetacoplan) für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit paroxysmaler nächtlicher Hämoglobinurie. 

Pegcetacoplan ist ein selektives Immunsuppressivum. Es bindet mit hoher Affinität an das Komplementprotein C3 bzw. an sein Aktivierungsfragment C3b und reguliert dadurch die Spaltung von C3 und die Bildung von nachgeschalteten Effektoren der Komplementaktivierung.

Unter Aspaveli® verbessern sich die Hämoglobinwerte. Transfusionen lassen sich so vermeiden.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Infektionen der oberen Atemwege, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Durchfall, Reaktionen an der Injektionsstelle, Müdigkeit und Pyrexie.

Cibinqo® (Abrocitinib) bei atopischer Dermatitis

Der CHMP empfahl ebenfalls die Erteilung einer Genehmigung für das Inverkehrbringen von Cibinqo® (Abrocitinib) bei atopischer Dermatitis.

Abrocitinib wirkt als Januskinase (JAK)1-Inhibitor. Bei atopischer Dermatitis spielen Januskinasen eine große Rolle. Sie leiten Signale weiter, welche aufgrund der Wechselwirkungen von Zytokin- oder Wachstumsfaktor-Rezeptoren an der Zellmembran entstehen und zelluläre Prozesse der Blutbildung und die Funktion der Immunzellen beeinflussen.

Unter der Therapie verbessert sich der Hautzustand von Patienten mit atopischer Dermatitis, gemessen anhand des Investigator's Global Assessment (IGA) 0/1 und des Eczema Area and Severity Index (EASI)-75. Außerdem verringerte sich der Juckreiz. 

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Kopfschmerzen, Akne, Herpes simplex, erhöhte Kreatinphosphokinase im Blut, Erbrechen, Schwindel und Oberbauchschmerzen. Die schwerwiegendsten Nebenwirkungen sind Infektionen.

Vaxneuvance® zur Prophylaxe der Pneumokokken-Pneumonie

Eine positive Stellungnahme gab es auch für Vaxneuvance®. Der Impfstoff ist zur Prophylaxe von Pneumokokken-Pneumonie und damit verbundenen invasiven Erkrankungen bestimmt.

Vaxneuvance® wird als Suspension zur Injektion erhältlich sein. Der Wirkstoff ist ein Pneumokokken-Polysaccharid-Konjugatimpfstoff (15-valent, adsorbiert), ein Impfstoff, der eine Immunreaktion gegen alle 15 im Produkt enthaltenen Serotypen hervorruft.

Als häufigsten Nebenwirkungen wurden Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit und Kopfschmerzen beobachtet. 

Sitagliptin SUN® (Sitagliptinfumarat) bei Typ-2-Diabetes

Ein Generikum, Sitagliptin SUN® (Sitagliptinfumarat), wurde vom CHMP für die Behandlung von Typ-2-Diabetes positiv beurteilt.

Sitagliptinfumarat, ein Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4)-Hemmer, verbessert die Blutzuckerkontrolle bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, indem es Spiegel aktiver Inkretin-Hormone erhöht, was zu einer verstärkten glukoseabhängigen Insulinsekretion und einer verringerten Glukagonfreisetzung führt.

Sitagliptin SUN® ist ein Generikum von Januvia®, das seit dem 21. März 2007 in der EU zugelassen worden ist. Studien haben gezeigt, dass Sitagliptin SUN® von zufriedenstellender Qualität und bioäquivalent zu dem Referenzprodukt Januvia® ist. 

Negatives Ergebnis der Bewertung von Lidocain/Prilocain Idetec®

Der CHMP empfahl, die Genehmigung für das Inverkehrbringen von Lidocain/Prilocain Idetec® und zugehörigen Namen (Lidocain/Prilocain-Creme®) zu verweigern. Bei einem Hybridantrag muss der Nachweis erbracht werden, dass das Arzneimittel dem Referenzprodukt gleichwertig ist und somit die gleiche Wirkung hat. Dazu hätten die Daten nicht ausgereicht, schreibt die EMA. 

Lidocain/Prilocain Idetec® ist zur Anwendung auf der Haut und im Genitalbereich bestimmt, um Schmerzen bei kleineren chirurgischen oder medizinischen Eingriffen zu verhindern. Beingeschwüre sind eine weitere Indikation. 

 

Kommentar

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