„Rosige Zeiten“ im Kampf gegen Nierensteine – durch RNA-Therapeutika, Gentherapien und Nahrungsergänzungsmittel

Marcia Frellick

Interessenkonflikte

18. Oktober 2021

„Die Nierenstein-Behandlung sieht rosigen Zeiten entgegen“, sagte Prof. Dr. Glenn Preminger, Urologe beim Duke University Health System in Durham, North Carolina, während seines Vortrags auf der Jahrestagung 2021 der American Urological Association (AUA). Grund für seinen Optimismus sind eine Gentherapie, neue RNA-Therapeutika, die sich derzeit in der klinischen Erprobungsphase befinden sowie ein Nahrungsergänzungsmittel.

Wer entwickelt Nierensteine?

Zum Hintergrund: Die geschätzte jährliche kumulative Inzidenz von Nierensteinen nähert sich laut Journal of Urology in den USA dem Wert von 1,0%, verglichen mit 0,6% im Jahr 2005. In Deutschland schätzen Experten bis zu 5% als Lebenszeit-Prävalenz.

 
Man schätzt, dass 11% aller Erwachsenen und 29% aller Patienten, bei denen die Diagnose vor dem 25. Lebensjahr gestellt wird, eine monogene Mutation aufweisen, welche ihre Steinerkrankung verursacht (…). Prof. Dr. Glenn Preminger
 

Eine der interessantesten Strategien liegt für Preminger in genetischen Untersuchungen: „Man schätzt, dass 11% aller Erwachsenen und 29% aller Patienten, bei denen die Diagnose vor dem 25. Lebensjahr gestellt wird, eine monogene Mutation aufweisen, welche ihre Steinerkrankung verursacht und sich auch auf die Nierenfunktion auswirken kann.“

Nach den AUA-Leitlinien sollte eine primäre Hyperoxalurie in Erwägung gezogen werden, wenn der Oxalatgehalt im Urin bei Erwachsenen ohne Darmfunktionsstörungen über 75 mg/Tag liegt. Dann macht auch ein Gentest Sinn.

Molekularbiologische Untersuchungen sollten bei Personen mit hohem Risiko in Erwägung gezogen werden, etwa bei Kindern mit einer stark positiven Familienanamnese für Nierensteine sowie bei Patienten mit Nephrokalzinose oder Nierensteinen und gleichzeitiger chronischer Nierenerkrankung, riet Preminger.

Gentherapien als langfristige Perspektive

Mithilfe der CRISPR-CAS9-Technik könnte es perspektivisch möglich werden, so Preminger, Patienten mit monogenetisch bedingten Nierensteinen zu behandeln.

Die Gentherapie ist auch für den AUA-Präsidenten Dr. Scott K. Swanson ein spannender Ansatz zur Nierensteinbehandlung, der Premingers Optimismus in diesen Punkten teilt. „Ich glaube zwar nicht, dass es schon so weit ist, aber Leute wie mein Kollege Preminger könnten es damit auch in die Abendnachrichten schaffen“, sagte Swanson zu Medscape.

Neue siRNA-Therapeutika

Neben der vielversprechenden Gentherapie habe, so Preminger, die Klasse der Small-interfering-RNA-Medikamente, kurz siRNA, „ein großes therapeutisches Potenzial“. Sie codieren keine Proteine, sondern verbinden sich mit komplementären, einzelsträngigen RNAs, welche ihre Funktion verlieren. Die Technik wird auch „RNA-Interferenz“ genannt.

Ein solcher Wirkstoff sei Lumasiran (Oxlumo®), ein auf die Leber gerichteter RNA-Inhibitor zur Behandlung der seltenen, genetisch bedingten primären Hyperoxalurie Typ 1, berichtet Preminger. Laut einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Phase-3-Studie verringere Lumasiran die Oxalatausscheidung im Urin, welche zu Nierensteinen und Nierenversagen führen könne.

„Die meisten Patienten unter Lumasiran zeigten nach einer 6-monatigen Therapie normale oder nahezu normale Werte“, berichteten die Autoren.

Mit Nahrungsergänzungsmitteln Nierensteinen vorbeugen

Kaliumzitrat als Nahrungsergänzungsmittel liefere ebenfalls vielversprechende Ergebnisse, was besonders zu begrüßen sei, so Swanson, da jüngere Untersuchungen den meisten Nahrungsergänzungsmitteln mit Blick auf die Reduzierung von Nierensteinen kein gutes Zeugnis ausgestellt hätten.

Die Einnahme 2-mal pro Tag würde den Citratgehalt und den pH-Wert des Urins nachweislich deutlich anheben. Deshalb sei ein Hersteller und die National Kidney Foundation auch eine Partnerschaft zur Nierensteinprävention eingegangen.

Gesundheitsökonomische Aspekte nicht vergessen

Kostengünstige Optionen seien wichtig, so Swanson. Seine Erklärung: „Die meisten Menschen, die unter einem Nierenstein zu leiden haben, werden auch weitere bekommen. Wenn man eine Lebenserwartung von 70 Jahren hat und schon in jungen Jahren die ersten Steine entwickelt, kann das eine langwierige Geschichte werden.“

Premingers Team hat deshalb nach Alternativen zu dem recht teuren Kaliumzitrat gesucht, das auch deutliche Nebenwirkungen haben kann. In einer großen, retrospektiven Analyse, die in Urology veröffentlicht worden ist, haben Forscher mit Natrium- oder Kaliumbikarbonat der Urin der Patienten alkalisiert, worauf sich der Zitratspiegel im Harn ähnlich wie unter Kaliumzitrat erhöhte.

„Vor allem aber haben wir festgestellt, dass die Verwendung einer alternativen Alkalitherapie bei unseren Patienten mit Hypozitraturie eine Kostenersparnis von 72% bis 84% gegenüber generischem oder Markenkaliumzitrat mit sich brachte“, so Preminger.

Damit nicht genug. Im Rahmen der PUSH-Studie untersucht das Urinary Stone Disease Research Network (USDRN) den Effekt einer kostengünstigeren Alternative über eine Verhaltensanpassung. Dabei komme eine „intelligente Wasserflasche“ ins Spiel, die den Betroffenen daran erinnere, mehr Flüssigkeit zu trinken, um einer Steinbildung entgegenzuwirken, erklärte Preminger.

 
Die Erhöhung der Wasserzufuhr ist eine der einfachsten und billigsten Möglichkeiten, um eine Steinbildung zu verhindern. Dr. Rodrigo Donalisio da Silva
 

Derartige kostengünstige Präventionsmethoden seien wichtige Forschungsansätze, so Dr. Rodrigo Donalisio da Silva, Urologe an der University of Colorado in Denver. „Die Erhöhung der Wasserzufuhr ist eine der einfachsten und billigsten Möglichkeiten, um eine Steinbildung zu verhindern“, sagte er gegenüber Medscape. „Eines der größten Probleme in der Medizin ist die Änderung von Verhaltensweisen. Eine Wasserflasche zu haben, die anzeigt, wann es Zeit ist zu trinken und wie viel, halte ich daher an dieser Stelle für sehr hilfreich.“

Bei neuen Therapien auch an die Kosten denken

Obwohl beispielsweise RNAi-Therapeutika vielversprechend seien, kämen sie zweifellos aufgrund ihrer hohen Kosten in den USA nur für eine ausgewählte Gruppe von Patienten infrage, relativierte da Silva.

„Als Forscher sind wir immer auf der Suche nach einem weiteren Therapiebaustein, nach neuen Optionen. Man sehe sich nur an, was wir bei den COVID-Impfstoffen zustande gebracht haben“, ergänzte der Urologe. „Ich hoffe sehr, dass wir in gleicher Weise auch im Interesse anderer Medizinbereiche zusammenarbeiten und Wissen austauschen können, um diese voranzubringen.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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