Immunthrombozytopenie: Mycophenolat-Mofetil verbessert das Ansprechen auf eine Erstlinientherapie

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

15. Oktober 2021

Mycophenolat-Mofetil (MMF) verbessert bei Patienten mit Immunthrombozytopenie in Kombination mit Glukokortikoiden in der Erstlinie das Ansprechen und verringert die Rezidivrate im Vergleich zu Glukokortikoiden allein. Die Plättchenzahlen steigen bei mehr als 90% der Patienten unter MMF plus Steroiden auf >100/nl an, aber nur bei 64% unter Glukokortikoiden allein. Die Lebensqualität wird aber möglicherweise durch die MMF-Behandlung negativ beeinflusst.

Immunthrombozytopenie – eine erworbene Autoimmunerkrankung

Die primäre Immunthrombozytopenie (ITP) ist eine erworbene Autoimmunerkrankung mit isolierter Thrombozytopenie. Die Prävalenz der chronischen ITP wird laut Onkopedia-Leitlinie Immunthrombozytopenie bei Erwachsenen auf 0,9 bis 2,6/10.000 Einwohner geschätzt, Tendenz stetig steigend. Immunologische Fehlregulationen führen zu einem Verlust der Immuntoleranz gegenüber körpereigenen Thrombozyten und/oder ihren Vorläuferzellen, den Megakaryozyten. Bei Erstdiagnose sollte die Thrombozytenzahl <100/nl liegen. Generell werden Blutungsstillung und Heilung als Behandlungsziele angestrebt.

Standard-Erstlinienmedikamente (außerhalb der Notfallbehandlung) sind Glukokortikoide. Die meisten Patienten sprechen initial auch darauf an, allerdings fallen die Thrombozytenwerte bei einer Dosisreduktion häufig wieder ab, und Glukokortikoide sollten nicht dauerhaft gegeben werden.

Mit dem Ziel, die Effektivität der Erstlinienbehandlung zu steigern und die Rezidivrate zu senken, ist das Immunsuppressivum MMF bei ITP-Patienten geprüft worden (FLIGHT-Studie). Dr. Charlotte A. Bradbury, University of Bristol, UK, und ihre Kollegen veröffentlichten die Studienergebnisse im New England Journal of Medicine  [1].

MMF zusätzlich zu Glukokortikoiden

An der multizentrischen, randomisierten, kontrollierten und unverblindeten Studie nahmen 120 erwachsene Probanden teil. Sie litten an ITP (Thrombozytenzahl < 30/nL; durchschnittliches Alter: 54 Jahre) und erhielten Glukokortikoide wie Prednison, Prednisolon oder Dexamethason.

Die Autoren randomisierten 1:1 in eine Gruppe, die Glukokortikoide erhielt, und eine zweite, die zusätzlich zu Glukokortikoiden MMF einnahm. Mycophenolat-Mofetil wurde in der Dosierung 500 mg zweimal täglich für die ersten 2 Wochen verabreicht, anschließend 750 mg zweimal täglich, wenn keine unerwünschten Effekte gegen die Dosiserhöhung sprachen, und nach 4 Wochen 1 g zweimal täglich. Nach 6 Monaten wurde die MMF-Dosis bei komplettem Ansprechen (Thrombozyten >100/nl) um monatlich 250 mg reduziert mit dem Ziel, die Thrombozyten bei >30/nl stabil zu halten.

Primärer Endpunkt der Studie war Therapieversagen, definiert als Abfall der Thrombozytenzahl auf <30/nl. Sekundäre Endpunkte waren u.a. Blutungen, unerwünschte Effekte und Lebensqualität.

Stärkeres Ansprechen, aber schlechtere Lebensqualität unter MMF

Die 120 Teilnehmer mit einer durchschnittlichen Thrombozytenzahl von 7,2/nl wurden randomisiert und 2 Jahre lang nachverfolgt. In der MMF-Gruppe gab es seltener ein Therapieversagen als unter Glukokortikoiden allein (22% vs. 44%; Hazard Ratio 0,41; p=0,008). Das Ansprechen war außerdem stärker: 91,5% der Patienten in der MMF-Gruppe hatten Plättchenzahlen >100/nl vs. 63,9% in der Gruppe mit Glukokortikoiden allein, ein statistisch signifikanter Unterschied (p<0,001).

Keine Unterschiede zwischen den Gruppen gab es in der Blutungsrate, dem Bedarf einer Notfallbehandlung und unerwünschten Effekten wie Infektionen.

Allerdings berichteten Patienten in der MMF-Gruppe über eine schlechtere gesundheitsbezogene Lebensqualität (physische Funktionalität und Fatigue) im Verlauf von 12 Monaten. Statistisch konnte hier allerdings ein Zufallsbefund nicht ausgeschlossen werden, so die Autoren.

MMF als mögliche Erstlinientherapie

Mycophenolat-Mofetil wird aktuell als eines von mehreren möglichen Drittlinienmedikamenten bei ITP genannt. Es verbessert aber als Komponente einer Erstlinientherapie schon das Ansprechen auf die Behandlung und verringert die Rezidivrate.

MMF könnte allerdings die Lebensqualität reduzieren. Diese ist ein wichtiger Faktor bei der Frage, wann und wie Patienten mit ITP behandelt werden sollten. Eine Beeinträchtigung der Lebensqualität muss individuell mit dem Blutungsrisiko und den Sorgen der Patienten abgewogen werden.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Univadis.de .
 

Kommentar

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