Internisten in der NS-Zeit: DGIM erkennt 5 Ehrenmitgliedschaften ab und distanziert sich von 2 Ärzten

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

13. Oktober 2021

Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft in 5 Fällen, Distanzierung in 2 Fällen: So lautet die Entscheidung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) zum Umgang mit früheren Ehrenmitgliedern, die sich zwischen 1933 bis 1945 als Mitläufer des Regimes und als Täter schuldig gemacht haben. Die Entscheidung ist das Ergebnis einer vor rund 10 Jahren begonnenen Aufarbeitung der Geschichte der DGIM in der NS-Zeit. 

Unter dem Titel „Gedenken & Erinnern. Die Deutsche Gesellschaft für innere Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus“ erinnert die Fachgesellschaft seit 2020 auf einer Website an ihre Mitglieder, die unter dem NS-Regime gelitten oder aber Verbrechen begangen und Leid verursacht haben. Seit rund 10 Jahren erforscht die Fachgesellschaft in Kooperation mit 2 Historikern ihre eigene Geschichte sowie die ihrer Mitglieder in den Jahren der NS-Diktatur und der jungen Bundesrepublik.

„Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit – auch eine späte – ist wichtig und richtig, wenngleich sie natürlich das Leid, das einzelne DGIM-Mitglieder zu dieser Zeit verursacht haben, in keiner Weise wiedergutmachen kann“, so Prof. Dr. Georg Ertl in einer Mitteilung der DGIM. Dennoch sei es wichtig, dass die Fachgesellschaft dann auch die nötigen Konsequenzen aus den Erkenntnissen der Historiker ziehe.

 
Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit – auch eine späte – ist wichtig und richtig, wenngleich sie natürlich das Leid … in keiner Weise wiedergutmachen kann. Prof. Dr. Georg Ertl
 

Dies hat der Vorstand der DGIM nun auch getan: 5 Personen wird nachträglich der Status als Ehrenmitglied entzogen. Dabei handelt es sich um Alfred Schittenhelm, Alfred Schwenkenbecher, Hans Dietlen, Siegfried Koller und Georg Schaltenbrand. „Aus Opportunismus oder einer nationalsozialistischen Überzeugung haben sie bewusst Kollegen, anderen Mitgliedern unserer Fachgesellschaft oder einfach anderen Menschen aufgrund ihrer Herkunft geschadet. Daher sind sie für die DGIM als Ehrenmitglieder nicht tragbar“, begründet Prof. Dr. Markus M. Lerch, Vorsitzender der DGIM und ärztlicher Direktor des LMU-Klinikums München, die Entscheidung.

Von 2 weiteren Ehrenmitgliedern, Gustav von Bergmann und Felix Lommel, distanziert sich der Vorstand. „Hier besteht weiterer Forschungsbedarf, sodass wir aktuell keine verantwortungsvolle Entscheidung über eine Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft treffen können“, so Lerch.

2015 Ausstellung zur DGIM in der NS-Zeit

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin sei beschämt, weil sie 70 Jahre habe verstreichen lassen, bis ihr Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersucht und öffentlich gemacht worden sei, sie bekenne sich zu ihrer Verantwortung und arbeite daher derzeit ihre Vergangenheit auf, übte die DGIM bereits vor 6 Jahren öffentlich Selbstkritik. Anlass war die Eröffnung einer Ausstellung zur Geschichte der Fachgesellschaft in der NS-Zeit ( Medscape berichtete ).

Die Ausstellung während des 121. DGIM-Kongresses der DGIM 2015 in Mannheim schilderte mit Fotos und Dokumenten sowie erklärenden Texten das Tun, Nicht-Tun und Schicksal von Mitgliedern der Fachgesellschaft, von Opfern wie von Tätern, von Persönlichkeiten, die sich für jüdische Kollegen und Opfer des verbrecherischen Regimes eingesetzt haben, und von Internisten, die mitgemacht haben, sei es der Karriere wegen, aus berechtigter Sorge um die eigene Existenz, aus Gleichgültigkeit oder aus ideologischer Überzeugung [1].

Geschildert wurde zum Beispiel, wie der DGIM-Vorsitzende Alfred Schittenhelm, dem nun, 76 Jahre nach Ende des Krieges, die Ehrenmitgliedschaft aberkannt wird, die Fachgesellschaft „zügig auf NS-Kurs“ brachte, wie jüdische Ärzte verfolgt und vertrieben wurden, etwa Leopold Lichtwitz, der 1933 seine Position als Klinik-Direktor in Berlin verlor und zum Rücktritt als Vorsitzender der Gesellschaft gezwungen wurde. Geschildert wurden auch die verbrecherischen Experimente an Menschen und die Rolle der „Beratenden Internisten“ innerhalb der Wehrmacht, etwa beim Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen.

Portraitiert wurden aber auch jene Mitglieder, die lauten Widerspruch wagten und sogar aktiven Widerstand leisteten, so etwa Wolfgang Seitz, nach dem Krieg Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität München und Landtagsabgeordneter der SPD in Bayern.

Aufarbeitung auch der Nachkriegsgeschichte

Begonnen hatte die wissenschaftliche Aufarbeitung 2012 mit einem Auftrag an die Historiker Prof. Dr. Hans-Georg Hofer aus Münster und PD Dr. Ralf Forsbach von der Universität Bonn. In der Ausstellung wurden erste Ergebnisse präsentiert. Auch die Jahre nach 1945 standen im Fokus der Historiker: Denn „1945 sei keine ‚Stunde Null‘ gewesen – einige schuldig gewordene Ärzte praktizierten weiter oder wurden sogar Ehrenmitglieder der DGIM“, sagte Forsbach. Wie in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft und der Ärzteschaft insgesamt war auch in der DGIM der Umgang mit der Geschichte geprägt von Verdrängen, Nicht-Wahrhaben-Wollen, Schweigen und Rechtfertigungs-Versuchen. 

 
1945 sei keine ‚Stunde Null‘ gewesen – einige schuldig gewordene Ärzte praktizierten weiter oder wurden sogar Ehrenmitglieder der DGIM. PD Dr. Ralf Forsbach
 

Dass nicht allein das Verhalten bis 1945 Anlass für Scham ist, wurde schon mehrfach betont, von Medizinhistorikern und von führenden Persönlichkeiten der Ärzteschaft wie dem ehemaligen Bundesärztekammer-Präsidenten Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, wie die ZEIT 2011 berichtete. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den von Ärzten begangenen Verbrechen habe es aber bis weit in die 1970er-Jahre hinein nicht gegeben, so Hoppe 2011.

Nach 1945: Mitscherlich, Mielke, Hanauske-Abel

Dass mit dem Ende des verbrecherischen Regimes die NS-Zeit noch keineswegs Vergangenheit war, erlebten unmittelbar nach 1945 zunächst Alexander Mitscherlich und Fred Mielke, als sie über den Nürnberger Ärzteprozess berichteten. Als Vaterlandsverräter, als Nestbeschmutzer wurden sie beschimpft; das Verhalten der „Kapazitäten“ habe an Rufmord gegrenzt, so Mitscherlich. Noch 1973 soll ein renommierter Internist laut der Journalistin und Ärztin Renate Jäckle gedroht haben, dass die deutschen Internisten auf dem kommenden DGIM-Kongress geschlossen den Saal verlassen werden, sollte – wie vom Kongress-Vorsitzenden Herbert Begemann geplant – Mitscherlich eine Rede zu diesem Thema halten. 

Noch gegen Ende der 1980er-Jahre reagierte der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Karsten Vilmar, in einem Interview im Deutschen Ärzteblatt unsensibel abwehrend auf einen Lancet-Beitrag des Mainzer Kinderarztes Dr. Hartmut M. Hanauske-Abel: In diesem beschrieb der Pädiater die Rolle der deutschen Ärzteschaft im „Dritten Reich“ und die Verdrängung nach 1945. Überschrift des viel kritisierten Interviews und der Kernbotschaft von Vilmar: „Die Vergangenheitsbewältigung darf nicht kollektiv die Ärzte diffamieren.“ Nur eine kleine Gruppe von höchstens 400 Ärzten habe sich schuldig gemacht. Eine Aussage, die erschreckend an jene bagatellisierenden Phrasen zur Rolle der Wehrmacht erinnert, wonach diese Überwiegend „sauber“ gewesen sei.

Das Ende des Nazi-Regimes war bekanntlich nicht das Ende jeglicher Barbarei, nicht einmal in Europa. „Auch in Zukunft wird die Gewalt ein Teil unseres Lebens sein. Der Glaube an die heilenden Kräfte der Zivilisation ist nichts als Schwärmerei“, schrieb einmal der Berliner Historiker Jörg Baberowski. Dennoch: Es sei wichtig, die Erinnerung wachzuhalten, so der Onkologe Prof. Dr. Michael Hallek, Uniklinik Köln.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Univadis.de .
 

Kommentar

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