Frauenherzen weniger wichtig? Typ-2-Diabetikerinnen werden schlechter mit kardioprotektiven Medikamenten behandelt als Männer

Mitchel L. Zoler

Interessenkonflikte

11. Oktober 2021

Typ-2-Diabetikerinnen erhalten seltener eine kardioprotektive medikamentöse Therapie als ihre männlichen Leidensgenossen. Das ist das Ergebnis einer Post-hoc-Analyse der REWIND-Daten von fast 10.000 Erwachsenen aus 24 Ländern.

Zu Beginn der Studie erhielten signifikant weniger Frauen ein Statin und täglich Acetylsalicylsäure (ASS) als Männer (73% und 44% gegenüber 81% und 58%), berichtete Dr. Giulia Ferrannini auf dem Jahreskongress 2021 der European Association for the Study of Diabetes (EASD) [1].

 
Diese Zahlen bestätigen die geringere Beachtung des kardiovaskulären Risikos bei Frauen im Vergleich zu Männern besonders beim Typ-2-Diabetes. Dr. Giulia Ferrannini
 

Die Daten zeigen auch, dass signifikant weniger Frauen als Männer (80% versus 83%) eine Behandlung mit einem ACE-Hemmer oder einem Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB) erhielten, obwohl der absolute Unterschied zwischen den Gruppen nur gering war. Bei einem weiteren Kriterium für eine angemessene Behandlung, nämlich der Einnahme von Blutdrucksenkern bei einem systolischen Blutdruck von ≥ 130 mmHg, lagen Frauen und Männer nahezu gleichauf.

Kardiovaskuläres Risiko bei Frauen weniger gut behandelt

„Diese Zahlen bestätigen die geringere Beachtung des kardiovaskulären Risikos bei Frauen im Vergleich zu Männern besonders beim Typ-2-Diabetes“, sagte Ferrannini in einem Interview. Ähnliche Beobachtungen wurden bereits früher dokumentiert, so z.B. in einer Untersuchung von 2019.

Die geschlechtsspezifischen Behandlungsunterschiede bei den 9.901 Frauen und Männern mit Typ-2-Diabetes in der REWIND-Studie seien besonders auffällig, da „die Patienten in klinischen Studien im Allgemeinen besser behandelt werden als in der realen Welt“, so Ferrannini. „Trotzdem war das Muster der Benachteiligung von Frauen immer noch offensichtlich“, fügte sie hinzu. „Bei Fragen der kardiovaskulären Protektion spielt das Geschlecht eine gewichtige Rolle. Frauen werden weniger gut behandelt“, sagte sie.

In der REWIND-Studie wurde das kardiovaskuläre Outcome von Typ-2-Diabetikern unter einer allwöchentlichen Injektion des GLP-1-Rezeptoragonisten Dulaglutid untersucht.

Die entscheidenden Ergebnisse waren 2019 im Rahmen des ADA-Jahreskongresses (American Diabetes Association) vorgestellt und gleichzeitig in The Lancet veröffentlicht worden. Demnach verringerte Dulaglutid die Zahl schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (MACE) signifikant um 12%. Die Studie wurde an rund 300 Zentren weltweit mit Schwerpunkt an US- und kanadischen Einrichtungen durchgeführt; 46% der Patienten waren Frauen.

 
Bei Fragen der kardiovaskulären Protektion spielt das Geschlecht eine gewichtige Rolle. Frauen werden weniger gut behandelt. Dr. Giulia Ferrannini
 

Trotz der Unterbehandlung waren die Ergebnisse der Frauen in der durchschnittlich 5,4 Jahre währenden Nachbeobachtungszeit gegenüber den männlichen Teilnehmern bei den MACE als primären Endpunkt signifikant besser. Nach Adjustierung des Geschlechts und anderer Ausgangsparameter und der Zuweisung zur Studienbehandlung kamen Frauen im Vergleich zu Männern auf eine um signifikante 27% niedrigere Rate bei dem zusammengesetzten Endpunkt aus nicht tödlichem Myokardinfarkt, nicht tödlichem Schlaganfall oder Todesfall aus kardiovaskulären oder unbekannten Ursachen, sagte Ferrannini, die als Wissenschaftlerin am Karolinska-Institut in Stockholm arbeitet.

Bei der Analyse nach dem Geschlecht zeigte sich zudem, dass Frauen bei 3 der 4 Komponenten des kombinierten MACE-Outcomes im Vergleich zu Männern einen signifikanten Vorteil hatten: nicht tödlicher Myokardinfarkt, kardiovaskulärer Tod und gesamte Todesfallrate sowie bei der Zahl der stationären Aufenthalte wegen Herzinsuffizienz, was jedoch nicht Teil des kombinierten Endpunktes war. Die einzige Komponente des MACE-Ergebnisses, die keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen aufwies, war der nicht tödliche Schlaganfall, der bei Frauen und Männern etwa gleich häufig auftrat.

Frauen zu Studienbeginn mit halber kardiovaskulärer Prävalenz

Die REWIND-Ergebnisse zeigten auch, dass zu Studienbeginn bei den Typ-2-Diabetikerinnen die Prävalenz für bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 20% nur halb so hoch war wie bei den Männern (41%). Für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim primären Outcome sowie bei den Einzelresultaten zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielte es jedoch keine Rolle, ob es zu Studienbeginn eine kardiovaskuläre Vorgeschichte gab oder nicht. Mit einer Ausnahme: Die Gesamtsterblichkeit unterschied sich nicht signifikant zwischen Männern und Frauen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen, war aber ohne eine solche Vorgeschichte bei Frauen 39% niedriger als bei Männern.

 
Die gute Nachricht ist, dass die Mehrheit der Teilnehmer zu Beginn der Studie und nach 2 Jahren die relevanten Behandlungsziele unabhängig vom Geschlecht erreichte. Dr. Peter Novodvorsky
 

„Die gute Nachricht ist, dass die Mehrheit der Teilnehmer zu Beginn der Studie und nach 2 Jahren die relevanten Behandlungsziele unabhängig vom Geschlecht erreichte“, kommentierte Dr. Peter Novodvorsky, Diabetologe an der britischen Universität Sheffield, der durch Ferranninis Präsentation führte, die Ergebnisse.

Standortfehler oder Selektionsbias?

In der neuen Analyse wurde nicht untersucht, ob sich das Gesamtmuster der Unterbehandlung von Frauen in den einzelnen der 24 teilnehmenden Länder oder in den einzelnen Regionen der Welt unterscheidet. „Wir müssen davon ausgehen, dass diese Ergebnisse das derzeitige Standardvorgehen in den Staaten widerspiegeln, die Patientendaten für die Studie zur Verfügung gestellt haben“, so Novodvorsky.

Außerdem gibt es bei randomisierten Studien „das bekannte Problem des Selektionsbias“. Die aktuellen Ergebnisse werfen die Frage auf, ob sich die Frauen, die bereit waren, an der Studie teilzunehmen, in irgendeiner Weise von den Männern unterschieden, meinte er.

Ferrannini fügte hinzu: „Selbst wenn wir einen geschlechtsspezifischen Unterschied in der Behandlung feststellen, wird die Mehrheit der Frauen mit Typ-2-Diabetes, wenn sie angemessen behandelt wird, ihren kardiovaskulären Risikovorteil im Vergleich zu den Männern wiederherstellen, außer beim Schlaganfall.“

Die Haupthypothese, die sich aus der Post-hoc-Analyse der REWIND-Studie ergebe, sei es, dass „Frauen mit Diabetes bessere Ergebnisse haben als Männer, wenn sie richtig behandelt werden“, betonte sie. Dies müsse jedoch „in einer Studie getestet werden, die darauf ausgelegt ist, geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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