MEINUNG

Neuro-Talk: „Die wichtigsten 11 neurologischen Publikationen aus dem Jahr 2021“ – präsentiert von Hans-Christoph Diener 

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Interessenkonflikte

27. Dezember 2021

In diesem Jahr ist viel passiert – nicht nur an der COVID-19-Front. Was in der Neurologie wichtig war, hat Prof. Dr. Hans-Christoph Diener hier für Sie zusammengefasst.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Duisburg-Essen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Ich möchte Ihnen heute die wichtigsten Publikationen aus dem Jahr 2021 kurz vorstellen.

Fatigue bei MS

Im Januar gab es eine wichtige Arbeit zur Behandlung von Fatigue bei Multipler Sklerose, ein Problem, das bei 25 bis 50% aller Patienten auftritt [1]. Die englischen Kollegen haben eine Cross-Over-Studie mit Amantadin, Modafinil, Methylphenidat und Placebo gemacht. Sie haben leider keinen positiven Effekt gefunden.

Diese Studie zeigt aber, dass es wirklich sinnvoll ist, Studien mit Medikamenten zu machen, die für andere Indikationen zugelassen sind.

Donanemab bei Alzheimer-Krankheit

Im Februar gab es eine Publikation zu einem monoklonalen Antikörper – Donanemab – gegen Beta-Amyloid bei frühen Formen der Alzheimer-Krankheit [2]. Diese Behandlung zeigte einen – wenn auch geringen – Effekt, so dass wir weiter abwarten müssen, was bei diesen Antikörper-Studien heraus kommen wird.

Impfung bei Gliom?

Im März gab es eine ganz spektakuläre Arbeit aus Mannheim und Heidelberg, nämlich eine offene Studie mit einem Impfstoff gegen Gliome [3].

Mit diesem Impfstoff wird ein ganz bestimmtes Target angegriffen, und zwar die mutierte Isocitratdehydrogenase (IDH1). Jetzt muss noch eine placebo-kontrollierte Studie gemacht werden, um zu sehen, ob das wirkt.

SANAD-Studien bei Epilepsie

Im April sind die beiden SANAD-Studien erschienen [4,5]. Das sind ganz pragmatische Studien aus England, in denen Patienten mit Epilepsie mit verschiedenen Antiepileptika behandelt werden. Wirksamkeit und Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen werden überprüft. Bei den fokalen Epilepsien war Lamotrigin eindeutig besser wirksam als Levetiracetam und Zonisamid. Bei den generalisierten Epilepsien war Valproinsäure besser wirksam als Levetiracetam. Aber Sie wissen, dass Valproinsäure bei Frauen im gebärfähigen Alter nicht in Betracht kommt.

Vorläufersymptome der Parkinson-Erkrankung

Im Mai gab es eine tolle Studie aus dem Veterans Affairs Healthcare System der USA mit 1,5 Mio. ehemaligen Militärangehörigen [6]. Hier wurden Patienten identifiziert, die eine Parkinson-Erkrankung entwickelt haben. Es zeigte sich, dass bereits 15 Jahre vor Beginn der Parkinson-Symptomatik Veränderungen im Gastrointestinaltrakt festzustellen sind wie Verstopfung und Geruchsstörungen, im Genitalbereich sexuelle Dysfunktion, Urininkontinenz und eine Prostatahypertrophie. Solche Kombinationen von Biomarkern können eventuell dazu dienen, Patienten in einem frühen Stadium der Erkrankung zu entdecken und neuroprotektiv zu behandeln.

Schlafdauer und Demenzrisiko

Im Juni gab es eine interessante Studie aus dem UK mit 8.000 Teilnehmern, die über 25 Jahre beobachtet wurden [7]. Untersucht wurde, ob die Schlafdauer mit der späteren Entwicklung einer Demenz assoziiert ist. Es zeigte sich, dass sowohl zu kurzer Schlaf – weniger als 6 h pro Nacht – als auch zu langer Schlaf – mehr als 9 h pro Nacht – das Risiko für eine Demenz erhöht. Eine andere Studie hat übrigens diese Assoziation auch für Herzinfarkt und vaskulären Tod gefunden.

Invasives Verfahren bei Cluster-Kopfschmerz

Im Juli erschien eine Arbeit zur chronischen Stimulation des Nervus occipitalis major bei therapierefraktären Patienten mit chronischem Cluster-Kopfschmerz [8]. Diese Studie aus Holland mit 150 Patienten hat die Wirksamkeit dieser invasiven Therapie gezeigt.

MS gleich aggressiv behandeln?

Im August erschien eine Studie zur Fragestellung, ob bei MS zu Beginn der Therapie bereits aggressiv mit hoch wirksamen Immunmodulatoren behandelt werden sollte [9]. Hier wurden 2.700 Patienten aus Schweden – wo man üblicherweise aggressiv behandelt – verglichen mit 2.100 Patienten aus Dänemark, wo man eine Therapieeskalation macht, wenn die erste Therapie nicht wirkt. Hier zeigte sich, dass Patienten, die primär aggressiv behandelt werden, einen geringeren Grad an Behinderung aufwiesen.

Erhöhtes Risiko neurodegenerativer Erkrankungen bei Profifußballern

Im September erschien eine weitere Studie zum Risiko neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer, Demenz und ALS bei professionellen Fußball-Spielern [10]. Hier ist das Risiko ganz eindeutig erhöht, und zwar insbesondere bei Verteidigern. Das Risiko nimmt mit der Dauer der Karriere zu.

Es gibt jetzt also nicht nur Studien für American Football und Eishockey, sondern auch für professionelle Fußball-Spieler. Was das für Konsequenzen für den Amateursport hat, kann ich im Moment nicht absehen.

Rauchverzicht verlangsamt Progression bei MS

Im Oktober erschien eine Studie mit 7.900 Teilnehmern aus einem großen MS-Register [11]. Dieses Register zeigt ganz eindeutig, dass sich ein Rauchstopp bei MS-Patienten ganz eindeutig positiv auf die Krankheitsprogression auswirkt. 

Zerebrale Sinusvenenthrombose nach COVID-19-Impfung

Im November erschien eine Metaanalyse der bisher beschriebenen Fälle von zerebralen Sinusvenenthrombosen nach COVID-19-Impfung [12]. Es zeigt sich, dass es

  1. sich um ein sehr seltenes Ereignis handelt

  2. praktisch nur nach Vektor-Impfstoffen, wie bei Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson, auftritt

Pathophysiologischer Mechanismus sind offenbar Antikörper gegen Plättchenfaktor 4, das führt zu einer Thrombozytopenie und zu einem erhöhten Risiko von venösen Thrombosen. Als Therapie sind Immunglobuline oder Plasmaseparation und Cortison geeignet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, 2021 war ein wirklich aufregendes Jahr für die Neurologie. Das war eine kleine subjektive Auswahl von wichtigen Studien.

Ich bin Christoph Diener von der Universität Duisburg-Essen und bedanke mich fürs Zuhören und fürs Zuschauen.

Kommentar

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