MEINUNG


„Müssen umdenken“: Hyperinsulinämie und die Gefahr von Atherosklerose – ein Risikofaktor wie Rauchen oder Adipositas

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

29. November 2021

Zu wenig Insulin ist schlecht, aber auch zu viel. Prof. Dr. Stephan Martin präsentiert eine Studie, die zeigt, wie das Hormon ein Risikofaktor ist für Atherosklerose – ähnlich wie Zigarettenrauchen oder Adipositas.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit dem Begriff Insulinresistenz verbindet man den pathophysiologischen Zusammenhang, dass der Organismus den Verlust der Insulinwirkung durch eine vermehrte Produktion von Insulin ausgleicht.

Insulinresistenz durch Hyperinsulinämie

Doch eine Theorie, die maßgeblich von Prof. Dr. Barbara Corkey, Boston University School of Medicine, der Grand Dame der amerikanischen Diabetesforschung, vertreten wird, sieht anders aus.

Sie sieht in einer Hyperinsulinämie die Ursache für die Insulinresistenz. In einer aktuellen Übersichtsarbeit in Diabetes [1] führt sie verschiedene Stoffwechselprozesse an, die speziell die basalen Insulinspiegel ansteigen lassen und sich der Körper mit Hilfe der selektiven Insulinresistenz vor den Gefahren der Hypoglykämie schützt. Der Körper kompensiert die zu starke Insulinproduktion durch eine Herabsetzung der Insulinwirkung.

Selektive Insulinresistenz bedeutet, dass sich diese Insulinresistenz nur auf die Glucose-senkende Wirkung bezieht. Die anderen Wirkungen von Insulin, wie die Blockade der Lipolyse oder die Förderung der Lipogenese, sind davon nicht betroffen. Mit steigenden Insulinspiegeln verstärken sich diese Prozesse.

Erhöhte Insulinspiegel begünstigen Atherosklerose

Erhöhte Insulinspiegel werden auch mit der Entwicklung der Atherosklerose in Zusammenhang gebracht. Dazu gibt es eine weitere aktuelle Übersichtsarbeit [2].

Wir haben in einer eigenen Arbeit, die vor kurzem erschienen ist, die Bedeutung von erhöhten Insulinspiegeln auf die Entwicklung von kardiovaskulären Veränderungen angeschaut [3]. Dazu haben wir die Datenbank der Boehringer-Mitarbeiter-Studie genutzt. Diese Pharmafirma bietet ihren Mitarbeitern ab dem Alter von 40 Jahren in gewissen Abständen umfassende Gesundheitsuntersuchungen an.

In Düsseldorf untersuchen wir diese Daten in anonymisierter Form. Wir haben in dieser Analyse die Daten von über 1.600 Mitarbeitern genutzt und das Auftreten von Zeichen einer Atherosklerose wie eine Verdickung der Intima-Media oder Plaques in den Halsarterien untersucht.

Bei 15% der Teilnehmer trat im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren erstmals eine verdickte Intima-Media auf, bei 20% konnten wir Plaques nachweisen.

In multivariaten logistischen Regressionsanalysen wurden neben dem Zigarettenrauchen und dem BMI die basalen Insulinwerte als einzige unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten dieser atherosklerotischen Veränderungen identifiziert.

Interessanterweise war der HOMA-Index, der als Maß für die Insulinresistenz bewertet wird, kein Risikofaktor.

Diese Ergebnisse zeigen, dass wir wahrscheinlich umdenken müssen. Denn wie bei jedem Hormon sind auch bei Insulin niedrige und hohe Spiegel ungünstig.

Bei zu niedrigen Spiegeln haben wir den Typ-1-Diabetes oder den pankreopriven Diabetes, bei zu hohen Spiegeln kommt es zur Adipositas oder – wie wir zeigen konnten – zu atherosklerotischen Veränderungen.

Wie immer kommt es auf die Dosis an.

Ich hoffe, es war für Sie interessant.

Alles Gute

Ihr Stephan Martin

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit dem Begriff Insulinresistenz verbindet man den pathophysiologischen Zusammenhang, dass der Organismus den Verlust der Insulinwirkung durch eine vermehrte Produktion von Insulin ausgleicht.

Insulinresistenz durch Hyperinsulinämie

Doch eine Theorie, die maßgeblich von Prof. Dr. Barbara Corkey, Boston University School of Medicine, der Grand Dame der amerikanischen Diabetesforschung, vertreten wird, sieht anders aus.

Sie sieht in einer Hyperinsulinämie die Ursache für die Insulinresistenz. In einer aktuellen Übersichtsarbeit in Diabetes[1] führt sie verschiedene Stoffwechselprozesse an, die speziell die basalen Insulinspiegel ansteigen lassen und sich der Körper mit Hilfe der selektiven Insulinresistenz vor den Gefahren der Hypoglykämie schützt. Der Körper kompensiert die zu starke Insulinproduktion durch eine Herabsetzung der Insulinwirkung.

Selektive Insulinresistenz bedeutet, dass sich diese Insulinresistenz nur auf die Glucose-senkende Wirkung bezieht. Die anderen Wirkungen von Insulin, wie die Blockade der Lipolyse oder die Förderung der Lipogenese, sind davon nicht betroffen. Mit steigenden Insulinspiegeln verstärken sich diese Prozesse.

Erhöhte Insulinspiegel begünstigen Atherosklerose

Erhöhte Insulinspiegel werden auch mit der Entwicklung der Atherosklerose in Zusammenhang gebracht. Dazu gibt es eine weitere aktuelle Übersichtsarbeit [2].

Wir haben in einer eigenen Arbeit, die vor kurzem erschienen ist, die Bedeutung von erhöhten Insulinspiegeln auf die Entwicklung von kardiovaskulären Veränderungen angeschaut [3]. Dazu haben wir die Datenbank der Boehringer-Mitarbeiter-Studie genutzt. Diese Pharmafirma bietet ihren Mitarbeitern ab dem Alter von 40 Jahren in gewissen Abständen umfassende Gesundheitsuntersuchungen an.

In Düsseldorf untersuchen wir diese Daten in anonymisierter Form. Wir haben in dieser Analyse die Daten von über 1.600 Mitarbeitern genutzt und das Auftreten von Zeichen einer Atherosklerose wie eine Verdickung der Intima-Media oder Plaques in den Halsarterien untersucht.

Bei 15% der Teilnehmer trat im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren erstmals eine verdickte Intima-Media auf, bei 20% konnten wir Plaques nachweisen.

In multivariaten logistischen Regressionsanalysen wurden neben dem Zigarettenrauchen und dem BMI die basalen Insulinwerte als einzige unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten dieser atherosklerotischen Veränderungen identifiziert.

Interessanterweise war der HOMA-Index, der als Maß für die Insulinresistenz bewertet wird, kein Risikofaktor.

Diese Ergebnisse zeigen, dass wir wahrscheinlich umdenken müssen. Denn wie bei jedem Hormon sind auch bei Insulin niedrige und hohe Spiegel ungünstig.

Bei zu niedrigen Spiegeln haben wir den Typ-1-Diabetes oder den pankreopriven Diabetes, bei zu hohen Spiegeln kommt es zur Adipositas oder – wie wir zeigen konnten – zu atherosklerotischen Veränderungen.

Wie immer kommt es auf die Dosis an.

Ich hoffe, es war für Sie interessant.

Alles Gute

Ihr Stephan Martin
 

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