MEINUNG

 „Elektronischer Arztbrief, eRezept und eAU nicht sinnvoll nutzbar“ – Kardiologe klagt über konkrete Probleme bei der Digitalisierung

PD Dr. Nikolaus Sarafoff

Interessenkonflikte

25. Oktober 2021

Telematikinfrastruktur, elektronischer Medikationsplan, Arztbrief und Heilberufe-Ausweis – der Kardiologe PD Dr. Nikolaus Sarafoff spricht offen über die Schwierigkeiten in der Praxis.

Transkript des Videos:

Mein Name ist Nikolaus Sarafoff, und ich bin niedergelassener Kardiologie in München.

Normalerweise präsentiere ich in meinem Blog aktuelle Studiendaten, die meines Erachtens für die medizinische Community von Interesse sind.

Heute möchte ich über ein anderes Thema sprechen, das in aller Munde ist, aber auch irgendwie ein Mysterium ist: Telematikinfrastruktur oder Modernisierung im Gesundheitswesen.

Modernisierungs- und Digitalisierungs-Gesetze 2004 und 2015

Im Jahr 2004 kam das Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung. Unter anderem sieht es die Einführung der Telematikinfrastruktur vor. Daraufhin wurde die elektronische Gesundheitskarte eingeführt und eine Betreibergesellschaft gegründet, die jetzige „gematik GmbH“.

Nur 11 Jahre später, im Jahr 2015, kam das E-Health-Gesetz und konkretisiert die Anwendungen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen in Zusammenhang mit der elektronischen Gesundheitskarte.

Unter anderem waren das damals schon:

  • elektronischer Medikationsplan (eMP),

  • der elektronische Arztbrief (eArztbrief),

  • der elektronische Arztausweis bzw. Heilberufe-Ausweis (eHBA),

  • die elektronische Patientenakte (ePA).

2021 und 2022 sollen nach „nur“ 6 bis 7 Jahren diese Anwendungen und zusätzlich das E-Rezept nun starten. Aus Anwendersicht als niedergelassener Arzt ist der Stand der Dinge nun folgende:.

Elektronischer Medikamentenplan

Den elektronischen Medikamentenplan kann man aktuell leider noch nicht auf der Krankenversichertenkarte speichern. Die aktuellen Versichertenkarten sind nicht dafür geeignet, und nicht alle Krankenversicherungen bieten wohl solche Karten an. Deswegen kann man diesen „elektronischen Plan“ nur ausdrucken. Das funktioniert wenigstens, und der Patient weiß, was er nehmen muss.

Elektronischer Arztbrief

Nun zum eArztbrief: Aktuell werden die Briefe per Post oder Fax an andere Ärzte geschickt. Optimalerweise werden die Arztbriefe nun elektronisch als pdf an eine andere Praxis gesandt.

Der aktuelle Stand ist leider, dass dies technisch nicht überall möglich ist, so dass wohl aktuell nur unformatierter Text als eArztbrief verschickt werden kann. Dies führt dazu, dass Informationen vom Briefkopf fehlen, der Brief unübersichtlich ist und der Medikamentenplan nicht enthalten sein wird.

-> Liebe gematik GmbH: Dies wird leider nicht genutzt werden! Stattdessen nutzen wir Ärzte nun weiterhin Faxgeräte, da wir andere digitale Systeme wie E-Mail oder Messenger-Dienste wohl nicht nutzen dürfen, auch wenn der Patient damit einverstanden wäre.

Elektronisches Rezept

Das eRezept sollte zuerst auf eine App aufs Patientenhandy übertragen werden. Das Problem ist: Nicht jeder ältere Mensch hat ein Smartphone. Viele Patienten holen Rezepte nicht selbstr ab, sondern lassen es sich von jemand anderem mitbringen oder lassen sich die Medikamente aus der Apotheke holen.

Die Lösung: Anstatt dem Ausdruck von einem normalen Rezept mit allen Informationen in DIN A6 erfolgt nun der Ausdruck eines QR-Codes ohne jegliche weitere Informationen.

Das kann sowohl in der Arztpraxis zu Verwechslungen des QR-Codes führen, und der Patient wird evtl. erst. in der Apotheke merken, dass Dosierung, Substanz oder Packungsgröße doch nicht stimmen.

Zudem muss das eRezept digital vom Arzt signiert werden, und dafür benötigt man ein über 500 € teures Lesegerät an jedem Arbeitsplatz, an dem man signieren möchte, was im hektischen Praxisalltag, wo ständig Patienten Rezepte benötigen, schwierig zu bewerkstelligen ist.

Optimalerweise werden eRezepte auch auf der Gesundheitskarte gespeichert. Dies ist aber wie oben erwähnt aktuell technisch noch nicht möglich.

Ich bin zuversichtlich, dass die Frist zur verpflichtenden Nutzung des eRezepts nicht am 1.1.2022 ist, sondern verschoben wird.

Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) ist nun schon seit einiger Zeit verpflichtend, aber es gibt noch eine Übergangsfrist. Da aber gerade mal erst die Hälfte der Krankenkassen an die TI (Telematikinfrastruktur) angeschlossen sind, können wir Ärzte diese noch nicht ausstellen.

Zum anderen sind die Arbeitgeber noch gar nicht an die TI angeschlossen, so dass man auch weiterhin einen Zettel ausdrucken muss.

Zusammenfassend kann man sagen, dass …

  • eMP, eArztbrief, eRezept und eAU aktuell entweder gar nicht oder nicht sinnvoll elektronisch nutzbar sind.

  • Als niedergelassener Arzt bin ich der Meinung, dass die Umsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen aktuell nicht an die Bedürfnisse von Arzt und Patient angepasst ist. Für die Ärzte ist es mehr zusätzliche Arbeit, und die Kommunikation wird aktuell nicht erleichtert.

  • Weniger Papier wird aktuell auch nicht verbraucht, da noch nichts wirklich elektronisch ist. Insgesamt führt es aktuell dazu, dass der Arzt noch weniger Zeit für den Patienten hat, und dies ist für den Patienten sicherlich nicht förderlich.

Mein Name ist Nikolaus Sarafoff aus München, und ich freue mich, Sie bald wieder hier auf Medscape begrüßen zu dürfen, dann auch wieder mit einem medizinischen Thema.
 

Kommentar

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