„Nur ein paar Mutationen entfernt“: CDC Direktorin warnt vor impfresistenter Corona-Variante 

Damian McNamara

Interessenkonflikte

29. September 2021

Die Direktorin der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) Dr. Rochelle Walensky hat kürzlich anlässlich einer Pressekonferenz eine düstere Prognose gewagt, die eher nach dem Plot einer Hollywood-Dystopie klingt, lebten wir nicht bereits in der Realität der COVID-19-Pandemie.

„Bei der Menge an Viren, die derzeit in den USA vor allem unter ungeimpften Menschen zirkuliert, ist unsere größte Sorge als Vertreter des Gesundheitswesens und der Wissenschaft, dass das Virus noch leichter übertragbar wird und das Potenzial hat, sich unseren Impfstoffen zu entziehen, die uns vor schwerer Krankheit und Tod schützen.“ Die nächste, schwer fassbare Variante könnte „nur ein paar Mutationen entfernt sein“, sagte sie.

Entwicklung bis heute weitgehend wie erwartet 

„Das ist sehr weitsichtig“, sagte Dr. Lewis Nelson, Professor für Notfallmedizin und Leiter der Medizinischen Toxikologie an der Rutgers New Jersey Medical School in Newark, gegenüber Medscape. „Wir haben bereits einige Mutationen durchlaufen und lernen dabei das griechische Alphabet neu, und jede dieser Mutanten ist ein wenig übertragbarer“, sagte er. „Das ist ein ganz normaler Prozess der natürlichen Selektion und genau das, was man erwarten kann, wenn Viren von einem Stamm zum nächsten mutieren.“ 

 
Wir haben bereits einige Mutationen durchlaufen und lernen dabei das griechische Alphabet neu, und jede dieser Mutanten ist ein wenig übertragbarer. Dr. Lewis Nelson
 

„Was wir bisher bei diesem Virus vornehmlich sehen, ist, dass es sich weiterentwickelt und dabei infektiöser wird“, sagte Dr. Stuart Ray, der ebenfalls um einen Kommentar gebeten wurde. „Das ist die bemerkenswerte Eigenschaft der Delta-Variante – sie ist noch infektiöser.“

Das SARS-CoV-2 habe sich zumindest bis heute weitgehend wie erwartet entwickelt. „Die Möglichkeit, dass dieses Virus mutiert, gab von Anfang an Anlass zur Sorge.“

„Die virale Evolution ist ein bisschen wie eine tickende Zeitbombe. Je mehr Infektionen wir zulassen, desto wahrscheinlicher werden Veränderungen auftreten. Wenn wir viele Menschen infizieren, geben wir dem Virus mehr Chancen, sich zu verändern und sich an den Selektionsdruck anzupassen“, so Ray, Vorsitzender der Medizinischen Datenanalytik und Professor für Infektiologie an der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore.  

 
Die virale Evolution ist ein bisschen wie eine tickende Zeitbombe. Je mehr Infektionen wir zulassen, desto wahrscheinlicher werden Veränderungen auftreten. Dr. Lewis Nelson
 
 

„Wenn sich das Spike-Protein des Virus so verändert, dass sich die Antikörper des Impfstoffs, die sich ja darauf richten, nicht mehr wirksam daran binden und das Virus zerstören können, kann das Virus der Immunüberwachung entgehen“, so Nelson.

Wenn dies geschehe, „haben wir im Grunde einen unwirksamen Impfstoff. Und wir wären wieder da, wo wir im März letzten Jahres standen – bei einer ganz neuen Krankheit“.

Technologie als Retter in der Not?

Die Flexibilität der mRNA-Impfstoffe stellt eine mögliche Lösung für dieses drohende Problem dar. Diese Impfstoffe könnten leichter und schneller angepasst werden, um auf eine neue Immun-Escape-Variante zu reagieren.

„Das ist schon beruhigend“, so Nelson. Wenn etwa eine Mutation das Spike-Protein verändert und die Impfstoffe es nicht mehr erkennen, könnte ein Hersteller das neue Protein identifizieren und in einen neuen mRNA-Impfstoff einbauen.

„Das Problem ist, dass manche Menschen sich aktuell nicht impfen lassen“, fügte er hinzu. „Ich weiß nicht, was sie dann dazu bringen könnte, den nächsten Impfstoff zu akzeptieren.“

Nichts scheint sicher

Auf die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass ein neuer SARS-CoV-2-Stamm auftaucht, der den Impfschutz umgeht, sagte Nelson: „Ich denke, wir haben bisher gelernt, dass Vorhersagen bei dieser Pandemie kaum möglich sind.“

„Der beste Weg, um Mutationen des Virus zu verhindern, ist es, die Erkrankungen der Wirte, also der Menschen, zu verhindern“, sagte er. „Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Menschen impfen lassen und Masken tragen.“ 

 
Der beste Weg, um Mutationen des Virus zu verhindern, ist es, die Erkrankungen der Wirte, also der Menschen, zu verhindern. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Menschen impfen lassen und Masken tragen. Dr. Lewis Nelson
 

Sowohl Nelson als auch Ray wiesen darauf hin, dass das größte „Interesse“ des Virus darin besteht, sich so zu entwickeln, dass es immer weiter übertragen wird und sich auf immer mehr Menschen ausbreitet. Ein Virus hingegen, das Menschen so krank macht, dass sie sich isolieren oder gar sterben – und damit die Übertragungskette unterbrechen –, wirkt seinem evolutionären Überleben entgegen.

Manche Viren mutieren auch so, dass sie mit der Zeit milder werden und weniger schwere Verläufe mit sich bringen, aber das ist bei SARS-CoV-2 bisher nicht der Fall, so Ray.

Mutationen sind nicht die einzige Bedrohung

Viren verfügen über einen weiteren Mechanismus, neue Stämme hervorzubringen, und dieser funktioniert sogar noch schneller als Mutationen: die sog. Rekombination. Dazu kann es kommen, wenn eine Person mit 2 verschiedenen Stämmen desselben Virus infiziert ist. Wenn die beiden Versionen in dieselbe Zelle gelangen, können die Viren ihr genetisches Material austauschen und so einen dritten, völlig neuen Stamm schaffen.

Die Rekombination wurde bereits bei Grippestämmen beobachtet, bei denen H- und N-Gensegmente ausgetauscht wurden, um beispielsweise H1N1-, H1N2- und H3N2-Versionen der Grippe zu erzeugen.

„In den Anfängen von SARS-CoV-2 war die Vielfalt noch so gering, dass das Thema Rekombination keine Rolle spielte“, so Ray. Inzwischen gäbe es jedoch verschiedene weltweit zirkulierende Viruslinien. Wenn 2 dieser Abstammungslinien ihre Gensegmente austauschten, „würde dies in nur einem Schritt eine ganz neue virale Sequenz ergeben, ohne dass eine Mutation nötig wäre, um diese Unterschiede zu erreichen. Je mehr verschiedene Stämme im Umlauf sind, desto wahrscheinlicher ist ein solches Szenario“, so Ray.

Geschützt, vorerst

Walenskys nüchterne Warnung kam gleichzeitig mit neuen CDC-Leitlinien, die in den USA das Tragen von Masken in geschlossenen Räumen, in Schulen und in allen Landesteilen fordern, in denen die Inzidenz 50 pro 100.000 übersteigt, also Gebiete mit hoher oder sehr hoher Übertragung.

Doch Walensky äußerte sich positiv: „Im Moment sind wir zum Glück noch nicht so weit. Die Impfstoffe funktionieren sehr gut und schützen uns vor schweren Erkrankungen und Todesfällen.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus  www.medscape.com  übersetzt und adaptiert.

 

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