Impfung scheint Neugeborene zu schützen; USA großzügiger bei Boostern; Neuer China-Impfstoff; Anstieg von Autoantikörpern

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

27. September 2021

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 27. September 2021

Neue Zahlen vom RKI: Gesundheitsämter haben dem Institut innerhalb der letzten 24 Stunden 3.022 Neuinfektionen gemeldet. Und 10 Todesfälle (Vorwoche: 13 Todesfälle) kamen mit hinzu. Die Neuinfektionen haben im Vergleich zur Vorwoche deutlich abgenommen. Damals verzeichnete man noch 3.736 Fälle. Die 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 61,7 Fällen pro 100.000 Einwohner (Vortag: 61,4, Vorwoche 71,0).

Noch ein Blick auf die Intensivstationen, Stand 26.09., 12:15 Uhr: 1.433 Patienten befinden sich in intensivmedizinischer Behandlung, 2 weniger als am Vortag. 822 (57%) werden invasiv beatmet. Aktuell sind 1.006 Betten im Low-Care- und 2.492 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 385 vakante ECMO-Behandlungsplätze.

63,9% der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft, und 67,7 % haben mindestens 1 Dosis erhalten. Impfungen bleiben auch bei Wissenschaftlern eines der vorherrschenden Themen.

  • COVID-19-Impfungen bei Schwangeren scheinen auch Babys zu schützen

  • CDC ignorieren Berater und empfehlen großzügigere Auffrischungsimpfungen

  • Neuer Impfstoff aus China – 414 Millionen Dosen für Afrika

  • Moderna-Studie: Weniger Immunität nach 6 Monaten

  • Neue Therapie-Empfehlungen der WHO

  • Anstieg von Autoantikörpern – Ursache von Long-COVID-Symptomen?

COVID-19-Impfungen bei Schwangeren scheinen auch Babys zu schützen

Frauen, die während ihrer Schwangerschaft gegen SARS-CoV-2 geimpft wurden, geben Antikörper an ihre Babys weiter, wie kürzlich veröffentlichte Daten zeigen. Eingeschlossen wurden 36 Schwangere, die bis zum 4. Juni 2021 mindestens 1 Dosis eines mRNA-COVID-19-Impfstoffs (Pfizer/BioNTech oder Moderna) erhalten hatten. Zwischen dem Abschluss der Impfstoffserie und der Entbindung vergingen durchschnittlich 13 Wochen.

Im Nabelschnurblut aller Neugeborenen fanden die Wissenschaftler hohe Titer von Antikörpern gegen das Spike-Protein. Antikörper gegen das Nukleokapsidprotein ließen sich nicht nachweisen, was darauf hindeutet, dass Antikörper gegen das Spike-Protein durch die Impfung und nicht durch eine frühere Infektion entstanden sind.

„Das Vorhandensein dieser Anti-Spike-Antikörper im Nabelschnurblut sollte den Neugeborenen zumindest theoretisch einen gewissen Schutz bieten“, sagte Studienleiterin Dr. Ashley S. Roman von NYU Langone Health. „Während der primäre Grund für die Impfung während der Schwangerschaft darin besteht, die Gesundheit der Mütter zu erhalten und Hospitalisierungen zu vermeiden, war die offene Frage für uns, ob die Impfung während der Schwangerschaft einen Nutzen für den Fötus oder das Neugeborene hat.“

Wie lange und wie stark Neugeborene dadurch geschützt werden, bleibt auch nach der Veröffentlichung unklar. Eine laufende Studie, MOMI-VAX, zielt darauf ab, die Antikörperspiegel bei Müttern, die während der Schwangerschaft mit COVID-19 geimpft wurden, und bei ihren Säuglingen im Laufe der Zeit systematisch zu messen. Davon erhoffen sich Gynäkologen detailliertere Einblicke.

CDC ignorieren Berater und empfehlen großzügigere Auffrischungsimpfungen

Auch die Frage, wer von Auffrischungsimpfungen profitiert, sorgt weltweit für Gesprächsstoff. Die STIKO rät laut Medienberichten nur Patienten mit bekannten Risikofaktoren dazu, etwa Patienten mit Autoimmunerkrankungen oder mit supprimiertem Immunsystem. Eine generelle Empfehlung nach Altersgruppen gibt es derzeit nicht.

Anders sieht die Lage in den USA aus. Ein beratender Ausschuss für Impfungen an den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) geht sehr viel weiter und befürwortet Booster bei:

  • Erwachsenen ab 65 Jahren,

  • Bewohnern von Langzeitpflegeeinrichtungen,

  • Erwachsenen im Alter von 50 bis 64 Jahren, die eine Grunderkrankung haben, die das Risiko einer COVID-Infektion erhöhen kann,

  • Erwachsenen im Alter von 18 bis 49 Jahren, die aufgrund einer Grunderkrankung ein erhöhtes Risiko für eine COVID-19-Infektion haben – unter Abwägung des individuellen Nutzens und Risikos einer Impfung.

Allerdings sprach das Gremium keine Empfehlung für Erwachsene zwischen 18 bis 64 Jahren aus, die an einem Ort leben oder arbeiten, an dem das Risiko für COVID-19 hoch ist. Dazu gehören Mitarbeiter im Gesundheitswesen oder andere Berufsgruppen mit möglicher Exposition sowie Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften wie Obdachlosenheimen und Gefängnissen leben. Nicht alle Mitglieder des Ausschusses unterstützen das Votum.

Doch CDC-Direktorin Dr. Rochelle Walensky beschloss, diese Gruppe mit einzubeziehen. Den übrigen Vorschlägen stimmte sie zu.

Bei etwa 26 Millionen Amerikanern liegt die letzte Dosis mindestens 6 Monate zurück, so dass sie Anspruch auf eine 3. Dosis haben. Etwa 13,6 Millionen von ihnen sind über 65 Jahre alt. Weitere 5,3 Millionen sind zwischen 50 und 64 Jahre alt.

Neuer Impfstoff aus China – 414 Millionen Dosen für Afrika

Für die USA – und für andere westliche Länder – sind solche Überlegungen unproblematisch; Vakzine gibt es zur Genüge. Doch in vielen Schwellenländern oder Entwicklungsländern fehlen selbst für die 1. Dosis ausreichende Mengen. Hier setzt die internationale Initiative COVAX (Covid-19 Vaccines Global Access) an – und hofft auf weitere Zulassungen.

Ein neuer Kandidat könnte der Impfstoff des chinesischen Herstellers Clover Biopharmaceuticals sein. Das Vakzin war in einer groß angelegten Studie zu 67% gegen COVID-19 jeglichen Schweregrades und zu 79% gegen die hochinfektiöse Delta-Variante wirksam, teilte das Unternehmen laut Reuters mit.

Der Impfstoff war in der Studie auch zu 81,7% wirksam gegen mittelschwere bis schwere Fälle, die durch Delta verursacht wurden. Die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Fälle jeglichen Schweregrads betrug 91,8% bei der durch Gamma ausgelösten Krankheit und 58,6 % bei der Variante Mu.

Die berichteten Wirksamkeitsraten des Impfstoffkandidaten, der auf einer Spike-Protein-Untereinheit basiert und ein von Dynavax bereitgestelltes CpG-Adjuvans enthält, beruhen auf Studien mit mehr als 30.000 Teilnehmern auf den Philippinen, in Kolumbien, Brasilien, Südafrika und Belgien.

In der Impfstoffstudie nahmen allerdings wenige ältere Teilnehmer teil, die in der Realität tendenziell höhere Raten von schweren Fällen und Todesfällen aufweisen als jüngere Gruppen. Der Grund: Länder, in denen Clover die Studie durchführte, hatten bereits Programme aufgelegt, in denen Menschen über 65 Jahren geimpft wurden. Weniger als 1,5% aller Teilnehmer in der Verum- oder Placebo-Gruppe waren in dem Altersbereich.

Reuters zufolge beabsichtigt der Hersteller, im 4. Quartal Studiendaten für eine bedingte Zulassung einzureichen: in China, aber auch in Europa. Er hat bereits einen Vertrag über die Lieferung von bis zu 414 Millionen Dosen seines COVID-19-Impfstoffs im Rahmen von COVAX abgeschlossen.

Moderna-Studie: Weniger Immunität nach 6 Monaten

Generell bleibt bei Impfstoffen aller Art die Frage, ob sie eine ausreichende Immunität gegen zirkulierende Varianten aufbaut.

Wissenschaftler untersuchten jetzt, wie virale Varianten, einschließlich B.1.351 (Beta) und B.1.617.2 (Delta), die Immunantwort bei einer kleinen Anzahl von Personen beeinflussten, die den Moderna mRNA-1273-Impfstoff erhalten hatten.

Bei der Analyse von Seren, die 6 Monate nach der 2. Impfung in der primären Impfserie gewonnen worden waren, stellten die Forscher fest, dass neutralisierende Antikörpertiter gegen alle getesteten Varianten nachweisbar waren.

Allerdings waren Titer gegen B1.351 (Beta) nach 6 Monaten erheblich gesunken, und mehrere Personen wiesen eine schwache, in einigen Fällen sogar keine neutralisierende Aktivität auf. „Diese Daten können dazu beitragen, die öffentliche Gesundheitspolitik hinsichtlich zusätzlicher Auffrischungsimpfungen zu lenken“, so die Autoren.

Neue Therapie-Empfehlungen der WHO

Von der Prävention zur Therapie. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihre Empfehlungen zur Therapie von COVID-19 aktualisiert. Sie rät bei bestimmten Patientengruppe zur kombinierten Gabe von Casirivimab und Imdevimab, zweier therapeutischer Antikörper. Sie binden an das SARS-CoV-2-Spike-Protein und verhindern, dass das Virus Zellen infiziert.

Als Zielgruppe für die Therapie nennt die WHO Patienten mit leichtem COVID-19, bei denen aber das Risiko einer Krankenhauseinweisung erhöht ist. Hinzu kommen Patienten mit schwerem oder kritischem Covid-19, die seronegativ sind, d. h., sie haben keine eigene Antikörperreaktion gegen SARS-CoV-2 entwickelt haben.

Die 1. Empfehlung stützt sich auf neue Erkenntnisse aus 3 Studien. Dabei fanden Wissenschaftler Hinweise, dass Casirivimab und Imdevimab das Risiko einer Krankenhauseinweisung und die Dauer der Symptome bei Risikopatienten – etwa ungeimpften, älteren oder immunsupprimierten Patienten – verringern.

Diese 2. Empfehlung stützt sich auf Daten aus der bekannten RECOVERY-Studie, die zeigen, dass Casirivimab und Imdevimab bei seronegativen Patienten wahrscheinlich die Zahl der Todesfälle (von 49 weniger pro 1.000 bei Schwerstkranken bis zu 87 weniger bei Schwerstkranken) und die Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung verringern.

„Bei allen anderen Covid-19-Patienten sind die Vorteile dieser Antikörperbehandlung wahrscheinlich nicht von Bedeutung“, schreiben die Autoren. Sie räumen jedoch ein, dass die Anwendung auch unter ökonomischen Aspekten und unter Fragen der Verfügbarkeit berücksichtigt werden sollte.

Anstieg von Autoantikörpern – Ursache von Long-COVID-Symptomen?

Bislang kennen Wissenschaftler zwar Risikofaktoren für schweres COVID-19 identifiziert. Was genau im Körper abläuft, ist Thema vieler Forschungsprojekte. Jetzt liegen neue Daten von 147 Patienten vor, die aufgrund von COVID-19 in verschiedenen Kliniken Deutschlands stationär behandelt worden sind.

Circa 50% der Patienten mit COVID-19, die wegen der Infektionskrankheit stationär behandelt werden, entwickeln Autoantikörper gegen bekannte Autoantigene auf biologische Strukture – verglichen mit 15% bei gesunden Kontrollpersonen.

Die Autoantikörper hatten viele verschiedene Spezifitäten: Es waren antinukleäre Antikörper (ANA), Anti-Zytokin-Antikörper, Antikörper gegen Myeloperoxidase und gegen Proteinase 3.

Ein Teil dieser Autoantikörper hatte sich de novo parallel zu den SARS-CoV-2-Infektionen und zu Antikörpern gegen virale Antigene entwickelt. Die Autoren vermuten, dies könne neben anderen Faktoren eine Erklärung für Long-COVID sein.

 

Kommentar

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