Unerklärliche Gesundheitsprobleme bei Veganern: Es könnte an einem unentdeckten Vitamin B12-Mangel liegen – wie gehen Sie vor?

Dr. Horst Gross

Interessenkonflikte

23. September 2021

Gerade jüngere Menschen stellen ihre Ernährung zunehmend auf rein pflanzliche Produkte um. Vitamin B12-Probleme sind da vorprogrammiert. Betreuende Hausärzte müssen die entscheidenden Stolpersteine kennen. Ein Praxistipp.

Vitaminmangel wird häufig übersehen

Rund 2 Millionen Deutsche leben mittlerweile konsequent vegan, berichtet Statista. Doch die Wenigsten achten genauso konsequent auf ihren Vitamin-B12-Spiegel. Das ist tückisch, denn ein dauerhafter Mangel wird jahrelang von körpereigenen Depots kompensiert. Aber irgendwann sind die endogenen Speicher leer, und das Defizit manifestiert sich. Gesundheitliche Probleme werden nicht immer mit der zurückliegenden Nahrungsumstellung im Zusammenhang gebracht. Umso wichtiger, dass der Hausarzt bei Symptomen wie Abgeschlagenheit, Parästhesien oder Anämie auch eine Ernährungsanamnese erhebt.

Gesamt-Vitamin-B12 – ein ungeeigneter Laborparameter

Bei entsprechendem Verdacht wird oft rein intuitiv das Gesamt-Vitamin-B12 kontrolliert. Doch ausgerechnet dieser Laborparameter eignet sich nicht. Entscheidend ist das Holotranscobalamin oder kurz Holo-TC. Das ist der nicht-gebundene und stoffwechselaktive Anteil des Vitamins im Blut. Bei einem normalen Holo-TC-Spiegel kann Entwarnung gegeben werden. Ein gering reduzierter Wert deutet auf einen beginnenden Mangel hin. Dann hilft nur noch die regelmäßige Substitution.

Schwere Verläufe erkennen

Deutlich reduzierte Holo-TC-Werte zeigen einen schweren und damit stoffwechselrelevanten B12-Mangel an. Dessen Ausprägung lässt sich an einem weiteren Laborparameter ablesen, der Methylmalonsäure. Steigt dieser Wert, dann ist es höchste Zeit, das massive B12-Defizit auszugleichen. Meist findet sich auch ein erhöhter Homocysteinspiegel – ein kardiovaskulärer Risikofaktor.

Da die klinische Symptomatik schleichend einsetzt, missachten Betroffene die Warnzeichen. Im Endstadium kommt es neben der megaloblastären Anämie auch zu einer Demyelinisierung der Nervenzellen, die in letzter Konsequenz letal endet – mitunter auch durch ärztliche Behandlungen.

Erhalten solche Patienten Lachgas als Narkosemittel eingesetzt wird, drohe schwere Komplikationen bis hin zum Tod. Distickstoffmonoxid bindet das restliche freie B12 und kann eine akute funikuläre Myelose auslösen.

Richtig substituieren

Doch so weit muss es nicht kommen. Ein nachgewiesener Mangel bedarf immer der intensiven Substitution. Denn primär müssen die entleerten B12-Depots wieder aufgefüllt werden. Initial sind dazu parenterale, hoch dosierte Vitamin B12-Gaben notwendig: als orale Dosierung weit über dem Erhaltungsbedarf. Fachgesellschaften nennen 4 µg/Tag.

Regelmäßige Laborkontrollen zeigen, wann die Ergänzungstherapie beendet werden kann. Dann wird auf die tägliche Erhaltungsdosis umgestellt. Bei untypischen Verläufen muss zusätzlich ein Defizit des intrinsischen Faktors ausgeschlossen werden. Schließlich gibt es auch die zufällige Kombination von veganer Ernährung und perniziöser Anämie.

Vorbeugung ist entscheidend

Vorrangiges Ziel muss aber sein, zu verhindern, dass Defizite entstehen. Eine Möglichkeit sind dienen zertifiziert vegane Lebensmittel mit Vitaminanreicherung. In einigen Fällen ist auch die kontinuierliche Substitution mit Tabletten und Konzentraten aus der Apotheke notwendig. Es gibt mittlerweile auch Vitamin B12-Konzentrate aus Pflanzen, in denen sich „natürliches“ Vitamin B12 anreichert. Auch die Quecke könnte sich eignen, gilt jedoch als hochpreisige, niedrig dosierte Vitaminquelle.

Aber selbst Veganerinnen und Veganer, die ihre Vitaminzufuhr unter Kontrolle haben, kommen um regelmäßige Laborkontrollen nicht herum. Schließlich variiert der Stoffwechsel über die Jahre. Sie sollten einmal bis zweimal jährlich ihren Holo-TC-Wert prüfen lassen: eine Selbstzahler-Leistung, die 30 bis 40 Euro kostet, sich aber lohnt.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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