Weißer Kittel bei Ärzten und Ärztinnen – wie er auf Patienten wirkt, welche Vorurteile entstehen

Marc Fröhling

Interessenkonflikte

22. September 2021

Bakterienschleuder, unpraktisch, längst überholt: Sind die Tage des weißen Kittels gezählt? Nicht, wenn es nach Patientinnen und Patienten geht: Eine US-Studie deckt Vorurteile bezüglich der Kleiderwahl von ärztlichem Personal auf. Insbesondere Frauen haben demnach mit Nachteilen und Verwechslungen zu kämpfen.

Naht das Ende des klassischen weißen Kittels?

Der klassische weiße Kittel hat es im Berufsalltag von Ärztinnen und Ärzten immer schwerer, legere Kleidung erfreut sich bei ärztlichem Personal immer größerer Beliebtheit. Hinzu kommen außerdem hygienische Aspekte: Eine im American Journal of Infection Control erschienene Studie untersuchte hierzu die bakterielle Kontamination ärztlicher Arbeitskleidung. Obwohl 77% der Teilnehmenden ihre Kittel als sauber empfanden, wurde die Hälfte der Proben positiv auf pathogene Bakterien getestet.

Als besonders praktikabel mit Blick auf das Kontaminationsrisiko gelten kurzärmlige Kasacks ohne Knopfleisten. So hat beispielsweise der Asklepios-Konzern bereits vor über 5 Jahren in seinen Kliniken die langärmligen Arztkittel abgeschafft– Kasacks und Poloshirts sind die Regel, der Kittel steht lediglich noch für repräsentative Zwecke zur Verfügung.

In Großbritannien und den Niederlanden sind langärmlige Kittel bereits seit längerem verboten. Auch eine coliquio-Umfrage hat gezeigt, dass sich die Mehrheit der Teilnehmenden gegen den Arztkittel ausspricht: 24,5% sind für eine Abschaffung aus hygienischen Gründen, 38,5% finden den Kittel längst überholt und unpraktisch.

Abb. 1: coliquio-Umfrage zum Arztkittel. Mehrfachauswahl möglich, n=1.497

Konventionell oder leger: Wirkung von Kleidung auf Behandelte

Ob Kittel, Kasack oder Alltagskleidung: Ein nicht zu unterschätzender Aspekt bezüglich der Kleiderwahl ist deren Wirkung auf Patientinnen und Patienten. Eine aktuelle US-amerikanische Studie hat nun untersucht, wie legere Kleidung bei ärztlichem Personal im Vergleich zum klassischen weißen Kittel wahrgenommen wird und ob es dabei Unterschiede nach dem Geschlecht gibt [1].

Hierzu befragte ein Forschungsteam um Dr. Helen Xun von der Johns Hopkins Universität in Baltimore 487 US-Amerikanerinnen und -Amerikaner mit einem Durchschnittsalter von 36 Jahren. Den Teilnehmenden wurden Fotos männlicher und weiblicher Personen vorgelegt, die ihnen als medizinisches Personal vorgestellt wurden und dabei unterschiedliche Kleidung trugen: vom weißen Kittel über OP-Kleidung bis hin zur legeren Fleece- oder Softshelljacke. Die Aufgabe der Teilnehmenden war es nun, die abgebildeten Personen hinsichtlich ihrer Erfahrung, Professionalität und Freundlichkeit zu beurteilen und darüber hinaus deren genauen Berufe zu erraten.

Weißer Kittel suggeriert Erfahrung, Professionalität & Freundlichkeit

Die Bewertung erfolgte auf einer Skala von 1 bis 6, wobei 1 die schlechteste Punktzahl bedeutete. Die Ergebnisse über alle einzuschätzenden Rubriken hinweg zeigten, dass die Befragten konventionell gekleidete Medizinerinnen und Mediziner bevorzugten.

  • Mit Blick auf die eingeschätzte Erfahrung wurden Personen in weißem Kittel mit 4,9 Punkten bewertet – Personen, die eine Fleece- oder Softshelljacke trugen, dagegen nur mit 3,1 Punkten.

  • Auch in Bezug auf die Freundlichkeit kam Alltagskleidung (3,1 Punkte) bei den Befragten weniger gut an als der weiße Kittel (3,6 Punkte).

  • Bei der Frage, wie professionell die abgebildeten Personen eingeschätzt werden, erhielten diejenigen mit weißem Kittel 4,9 Punkte, Abgebildete in Softshelljacke 3,3 Punkte, in Fleecejacke 3,2 Punkte.

Dass die Kleiderwahl durchaus auch den Behandlungserfolg beeinflussen kann, zeigt zudem eine Schweizer Studie. Hier konnte nachgewiesen werden, dass das Erscheinungsbild von ärztlichem Personal von den Patientinnen und Patienten bewusst und unbewusst wahrgenommen wird. Trete ein Arzt sehr formell auf, traue sich ein Patient möglicherweise nicht, Probleme von sich aus anzusprechen, bei einem legeren Outfit würden Anweisungen zur Medikamenteneinnahme weniger strikt befolgt.

Der Schweizer Studie zufolge war über die verschiedenen Erscheinungsbilder hinweg die Kombination aus weißem Oberteil und traditionellem Kittel die bevorzugte Variante bei klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten. Jenes Personal schnitt bei den Befragten in den Punkten „Vertrauen“, „Zugänglichkeit“, „Fürsorglichkeit“ und „Fachkompetenz“ am besten ab.

Geschlechtsspezifische Vorurteile: Karrierenachteil für Frauen?

Darüber hinaus konnte in der aktuellen US-Studie festgestellt werden, dass Männer, die einen weißen Kittel, eine Fleece- oder Softshelljacke über Business-Kleidung trugen, von den Befragten für professioneller gehalten wurden als Frauen im selben Outfit. Derselbe Effekt wurde beobachtet, wenn männliche und weibliche Models OP-Kleidung trugen. Auch hier wurden die Männer als professioneller eingeschätzt.

Außerdem wurden Frauen seltener als Ärztinnen erkannt, wenn es für die Befragten darum ging, den genauen Beruf der abgebildeten Personen zu erraten. Hierzu wurde den Teilnehmenden jeweils ein Bild eines männlichen und eines weiblichen Models vorgelegt. Meist wurden beide Personen als Arzt oder Ärztin identifiziert. Frauen wurden dabei jedoch häufiger als Beschäftigte aus der Medizintechnik (8% vs. 3%), medizinische Fachangestellte (12% vs. 2%) oder für Pflegepersonal (33% vs. 27%) gehalten als ihre männlichen Kollegen.

Zu ähnlichen Verwechslungen kam es auch im Wintersemester 2017/2018 bei Medizinstudierenden in Ulm, denen Kasacks als Arbeitskleidung bereitgestellt wurde. Die angehenden Ärztinnen und Ärzte wurde von den zu Behandelnden häufig für Pflegepersonal gehalten oder gar dem Friseurhandwerk zugeschrieben, wie auf einem Vortrag anlässlich des 13. Ulmer Symposium Krankenhausinfektionen berichtet wurde.

Das Forschungsteam der vorgestellten US-Studie betont, dass künftig weitere Untersuchungen nötig sind, um ein besseres Verständnis zu erlangen, was die Wahrnehmung der Kleidung von ärztlichem Personal anbelangt. Dies könne dazu beitragen, Maßnahmen zu entwickeln, um Verwechslungen und Karrierenachteilen entgegenzuwirken – insbesondere bei Ärztinnen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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