Kohortenstudien zu Ernährungsthemen: Vielleicht doch nicht so schlecht wie oft angenommen

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

21. September 2021

Ein Großteil unseres Wissens über den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit stammt aus Kohortenstudien, die in der Wissenschaft allerdings nicht den besten Ruf haben. Möglicherweise zu Unrecht, meinen die Autoren einer aktuellen Publikation im British Medical Journal  [1].

Es ist unbestritten, dass die Ernährung einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Eine suboptimale Ernährung etwa gilt als wichtiger Faktor für die Entstehung von chronischen Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So geht die internationale Forschungsinitiative Global Burden of Disease davon aus, dass sich 22% der Todesfälle weltweit auf eine nicht optimale Ernährung zurückführen lassen und rund 15% der dadurch verlorenen gesunden Lebensjahre. Eine optimale Ernährung hingegen kann mit dazu beitragen, dass chronische Krankheiten entweder erst gar nicht entstehen oder ihr Fortschreiten zumindest gebremst wird.

Basis vieler Aussagen und auch Versprechungen zu den gesundheitlichen Effekten bestimmter Lebensmittel und Ernährungsweisen sind wissenschaftliche Studien, manchmal mit Mäusen, manchmal mit Menschen. Oft handelt es sich dabei um Kohortenstudien, also Beobachtungsstudien, und nicht um prospektive randomisierte und kontrollierte Studien (RCTs). Solche Kohortenstudien haben allerdings nicht den allerbesten Ruf, da sie anfällig für Fehler sind.

Zunehmend beliebt geworden sind Metaanalysen von solchen Kohortenstudien. Aber auch Metaanalysen von Kohortenstudien zum Ernährungsverhalten erhöhen die Aussagekraft nicht unbedingt. Denn die Aussagekraft einer Metaanalyse hängt selbstverständlich von den Studien ab, die ausgewertet werden. Aus 20 qualitativ schlechten Studien kann auch der genialste Metaanalysen-Spezialist keine wirklich qualitativ gute Metaanalyse kreieren. Etwas salopp formuliert: Aus Wasser wird auch dann kein Wein, wenn man einen Swimmingpool damit füllt und kräftig rührt.

Ein Vergleich von Kohortenstudien und RCTs

Doch Kohortenstudien in der Ernährungsmedizin sind womöglich gar nicht so schlecht, wie immer wieder angenommen wird. Denn ihre Ergebnisse stimmen keineswegs selten mit denen von randomisierten und kontrollierten Studien überein, wie nun Wissenschaftler um PD Dr. Lukas Schwingshackl vom Institut für Evidenz in der Medizin am Uniklinikum Freiburg, dem Partnerinstitut von Cochrane Deutschland, durch eine vergleichende Analyse festgestellt haben. Über deren Ergebnisse berichten sie im BMJ.

Für die BMJ-Publikation haben Schwingshackl und seine Koautoren nach systematischen Übersichtsarbeiten gesucht, welche die Evidenz zu Zusammenhängen zwischen Ernährungsfaktoren und gesundheitlichen Risiken zusammenfassen. Für randomisierte und kontrollierte Studien nutzten sie dafür die systematischen Reviews von Cochrane. Reviews, welche die Evidenz aus Kohortenstudien zusammenfassen, fanden sie in der Publikationsdatenbank MEDLINE.

Am Ende konnten sie Ergebnisse aus beiden Studientypen zu 97 Fragestellungen systematisch miteinander vergleichen.

Weitgehende Übereinstimmung

Das Ergebnis: In der Gesamtbetrachtung stimmen die Ergebnisse aus RCTs und Kohortenstudien weitgehend überein. So zeigen RCTs, die beispielsweise die gesundheitlichen Effekte einer mediterranen Ernährungsweise untersuchten, ähnlich günstige Ergebnisse wie Kohortenstudien, die dieses Ernährungsmuster untersuchten.

Größere Abweichungen zwischen den Ergebnissen beider Studientypen lassen sich zumeist auf Unterschiede in der genauen Fragestellung zurückführen. Die größten Unterschiede sahen die Forscher, wenn RCTs den Effekt von Nahrungsergänzungsmittel, beispielsweise Vitamin-D-Präparaten, untersuchten, während die entsprechenden Kohortenstudien den Vitamin-Status im Blut bestimmten.

Die Grenzen

„Die Ergebnisse unserer Arbeit sind wichtig, um Evidenz aus RCTs und Kohortenstudien künftig angemessen zusammenführen und so weltweit eine bessere Evidenzgrundlage für Ernährungsleitlinien liefern zu können“, sagt Schwingshackl laut einer Cochrane-Meldung.

 
Die Ergebnisse unserer Arbeit sind wichtig, um Evidenz aus RCTs und Kohortenstudien künftig angemessen zusammenführen und so weltweit eine bessere Evidenzgrundlage für Ernährungsleitlinien liefern zu können. PD Dr. Lukas Schwingshackl
 

Allerdings habe die Arbeit auch Limitationen. So gebe es zu vielen Fragestellungen (z.B. „Welchen Einfluss hat ein hoher Obstkonsum Jahrzehnte später auf das Krebsrisiko?“) schlicht keine RCTs, sondern nur Daten aus Kohortenstudien. „Inwieweit man die von uns gefundene gute Übereinstimmung auch auf solche Fragen übertragen kann, ist offen.“

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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