Freedom oder 2G? Neue COVID-Strategie vom RKI; Titer nach 3. Impfung bis 20 Mal höher; was bringen bifunktionale Antikörper?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

20. September 2021

Neue Zahlen vom RKI: Die 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 71,0 Fällen pro 100.000 Einwohner – vor 1 Tag waren es noch 70,5 Neuinfektionen. Innerhalb der letzten 24 Stunden haben Gesundheitsämter dem Institut 3.736 neue Fälle gemeldet (Vorwoche: 5.511). Weitere 13 Menschen sind durch COVID-19 gestorben (Vorwoche: 12).

Weitere Angaben kommen von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Laut Register wurden am 9. September 1.539 Patienten intensivmedizinisch behandelt. Das sind 17 mehr als am Vortag. Als 7-Tage-Reserve nennen Notfallmediziner 10.357 Betten (+404).

  • Klare Absage an einen „Freedom Day“

  • Neue ControlCOVID-Strategie für Deutschland – was ist geplant?

  • Auffrischungsimpfungen – wer profitiert davon?

  • COVID-19-Therapie: Was für bispezifische Antikörper spricht

  • COVID-19-Rehabilitation mit Atemmuskeltraining

Klare Absage an einen „Freedom Day“

Mittlerweile wurden 62,9 % der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft und 67,1% haben mindestens 1 Dosis erhalten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zufolge hätten an der Impfwoche „Hunderttausende“ teilgenommen.  

Prof. Dr. Karl Lauterbach ist von den Zahlen enttäuscht – und macht einen überraschenden Vorschlag. „Aus meiner Sicht sollten wir in der Situation, in der wir sind, kein Mittel ausschließen, um mehr Menschen zum Impfen zu bewegen“, sagte er anlässlich der Entwicklung. „Das gilt auch für die Zahlung sogenannter Impfprämien, der ich bislang immer sehr skeptisch gegenüberstand.“

Ohne höhere Impfquoten drohe ein schwieriger Herbst. „Ich gehe davon aus, dass die Fallzahlen in dem Moment wieder steigen werden, in dem sich das Leben der Menschen verstärkt in Innenräumen abspielt“, vermutet der SPD-Gesundheitsexperte. Ob seine Idee Gehör finden wird, ist unklar. Er rief Restaurants und Clubs dazu auf, einer 2-G-Regel zu folgen und demnächst nur noch Geimpfte und Genese reinzulassen.

Andere Pläne hat Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Er fordert, am 30. Oktober sollten alle Corona-Beschränkungen aufgehoben werden. Mit einem festen Datum sei auch eine höhere Impfquote wahrscheinlich. Das Restrisiko für Ungeimpfte mit einem schweren Verlauf auf einer Intensivstation zu landen, müsse künfitg jeder selbst tragen. Es sei nicht Aufgabe des Staates, jeden davor zu schützen, wenn längst ausreichend Impfstoff vorhanden sei. Gassen: „Wer sich nicht impfen lassen will, wird sich bis zum Frühjahr mit Corona infizieren.“

„Die Leute haben einen guten Ausblick verdient, nicht nur einen verlässlichen“, entgegnet Lauterbach via Twitter. „Die Idee, wir öffnen Ende Oktober, koste es was es wolle, wird unserer Verantwortung nicht gerecht“. Und weiter: „Mit 2G und der Ansage, wir öffnen komplett, wenn 85% geimpft sind, erreichen wir Erfolge wie Dänemark.“

Auch Helge Braun erteilt Gassens Ideen eine klare Absage. „Von einem 'Freedom Day' im Herbst (...) halte ich derzeit nicht viel“, sagt der Staatsminister im Kanzleramt. „Denn es kann gut sein, dass es noch eine weitere Welle geben wird.“ In dem Zusammenhang verweist er auf rund 20 Millionen, die noch keinen Impfschutz haben. „Das zeigt, wie groß eine neue Welle im schlechtesten Fall werden kann“, so Braun. „Wir sollten erst eine Aufhebung der Beschränkungen versprechen, wenn der Prozentsatz der Durchgeimpften insbesondere in den höheren Altersgruppen deutlich gestiegen ist – wir also eine Gemeinschaftsimmunität erreichen“, gibt er zu bedenken.

Neue ControlCOVID-Strategie für Deutschland – was ist geplant?

Ein differenzierteres Modell für die nächsten Monate kommt vom RKI. Neue Indikatoren, neben der 7-Tages-Inzidenz, auch die 7-Tages-Hospitalisierungsinzidenz und der Prozentsatz an COVID-19-Fällen, gemessen an der Gesamtkapazität der Intensivstationen, wird herangezogen. Je nach Zahlen gibt es die Basisstufe, die Stufe 1 und die Stufe 2 – mit unterschiedlichen Maßnahmen:

Quelle: RKI

„AHA+A+L“ bleibt bedeutsam, aber auch Tests für Personen, die weder genesen sind noch geimpft wurden, sind relevant. Diese Maßnahmen werden in Stufe 1 und Stufe 2 weiter verschärft – durch „3G“ (Zugang für Getestete, Geimpfte oder Genesene). In der höchsten Stufe findet dann die „2G“-Regel vermehrt Anwendung, also Zugang nur für Geimpfte oder Genesene.

„Die Orientierung an den genannten 3 Parametern erscheint grundsätzlich sinnvoll, allerdings müssen für das Funktionieren die entsprechenden Daten vorliegen“, so Prof. Dr. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen. „Das ist gerade bei den Hospitalisierungszahlen noch nicht gesichert, zumindest aufgrund des Meldeverzugs nicht tagesaktuell.“ Die vorgeschlagenen Grenzen seien als erfahrungsbasiert einzuordnen, aus den Beobachtungen des vergangenen Jahres.

Der Experte weiter: „Für das differenzierte Pandemiemanagement ist jedoch eine nach Alter und, wo möglich, nach Impfstatus strukturierte Datenbasis sinnvoll.“ Bei zunehmender direkter oder indirekter Sanktionierung Ungeimpfter und kostenpflichtigen Tests müssen man gegebenenfalls erneut darüber nachdenken.

Auffrischungsimpfungen – wer profitiert davon?

Wer einen Booster Shot bekommen sollte, bleibt weiter umstritten. Die FDA empfiehlt Auffrischungsimpfungen ab 65 Jahren; die Ständige Impfkommission arbeitet noch an einer Empfehlung. Gassen erklärte bereits Anfang September, er hoffe, dass die STIKO „relativ zeitnah“ eine entsprechende Empfehlung formulieren werde.

Neue Daten kommen aus Israel. Seit dem 30. Juli können sich Einwohner ab 60 Jahren eine Auffrischungsimpfung geben lassen, falls ihre 2. Impfdosis mindestens 5 Monate zurückliegt. Die Regierung setzt vor allem auf BNT162b2 von BioNTeech/Pfizer. Jetzt liegen neue Daten vor.

Daten kamen von 1.137.804 Personen, die 60 Jahre oder älter waren und mindestens 5 Monate zuvor vollständig geimpft worden waren (d.h. 2 Dosen BNT162b2 erhalten hatten) – zwischen dem 30. Juli und 31. August 2021.

In der primären Analyse verglichen Forscher die Rate der bestätigten Covid-19-Erkrankungen und die Rate der schweren Erkrankungen zwischen Personen, die mindestens 12 Tage zuvor eine Auffrischungsimpfung erhalten hatten (Booster-Gruppe), und Personen, die keine Auffrischungsimpfung erhalten hatten (Nicht-Booster-Gruppe). In einer sekundären Analyse wurde die Infektionsrate 4 bis 6 Tage nach der Auffrischungsimpfung mit der Rate mindestens 12 Tage nach der Auffrischungsimpfung verglichen. Bei allen Analysen wurde eine Poisson-Regression verwendet, die um mögliche Störfaktoren bereinigt wurde.

Mindestens 12 Tage nach der Auffrischungsimpfung war die Rate der bestätigten Infektionen in der Gruppe mit Auffrischungsimpfung um den Faktor 11,3 niedriger als in der Gruppe ohne Auffrischungsimpfung (95%-Konfidenzintervall: 10,4 bis 12,3); die Rate schwerer Erkrankungen war um den Faktor 19,5 niedriger (95%-KI: 12,9 bis 29,5). In einer sekundären Analyse war die Rate der bestätigten Infektionen mindestens 12 Tage nach der Impfung um den Faktor 5,4 (95%-KI: 4,8 bis 6,1) niedriger als die Rate nach 4 bis 6 Tagen.

In-vitro-Daten von BioNTech/Pfizer bestätigen dies: Titer neutralisierender Antikörper gegen Wildtyp-Viren waren 1 Monat nach Dosis 3 auf mehr als das 5-Fache (bei 18- bis 55-Jährigen) und auf mehr als das 7-Fache (bei 65- bis 85-Jährige) angestiegen, jeweils verglichen mit Werten 1 Monat nach Dosis 2. Antikörper-Titer gegen die Beta-Variante waren 15-mal so hoch (bei jüngeren Erwachsenen) und 20-mal so hoch (bei älteren Erwachsenen) als nach Dosis 2.

COVID-19-Therapie: Was für bispezifische Antikörper spricht

Auch die Suche nach neuen Therapien geht weiter. US-Forscher haben jetzt bispezifische Antikörper entwickelt. Sie binden gleichzeitig an 2 verschiedene Antigene, daher ihr Name. Grundlage war ein Pool mit 216 monoklonalen Antikörpern aus rekonvaleszenten COVID-19-Patienten.

Jeweils 2 unterschiedliche monoklonale Antikörper, die an verschiedene Regionen des Spike-Proteins binden, wurden zu bispezifischen Antikörpern kombiniert.

Diese neuen Moleküle verhinderten, dass SARS-CoV-2-Varianten in vitro Zellen infizieren, schützten aber auch Hamster vor einer Infektion. Sie waren im Schnitt 100-mal wirksamer als beide Antikörper mit Spezifität für 1 Antigen.

2 der neu entwickelten Moleküle neutralisierten in vitro sowohl das Originalvirus als auch die Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta-Varianten. Komplexe aus SARS-CoV-2 und Antikörpern können nicht mehr am zellulären ACE2-Rezeptor andocken – und damit keine Infektionen mehr auslösen.

Die Forscher sehen in bispezifischen Antikörpern eine „neue Strategie gegen COVID-19“. Klinische Daten gibt es noch nicht.

COVID-19-Rehabilitation mit Atemmuskeltraining

Die Genesung nach einer COVID-19-Infektion kann durch ein häusliches Atemmuskeltraining als Teil des Rehabilitationsprogramms erheblich verbessert werden, so die ersten Ergebnisse einer britischen Studie. Details wurden auf dem internationalen Kongress der European Respiratory Society (ERS) 2021 am 5. September vorgestellt; Medscape.com hat darüber berichtet.

An der Studie nahmen 250 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren teil, darunter waren 84% Frauen. Derzeit liegen vollständige Daten für 87 Teilnehmer vor, von denen 68 ein Atemmuskeltraining absolviert haben. Sie erhielten Instruktionen per Videotelefonie.

Die Intervention verbesserte alle im King's Brief Interstitial Lung Disease (KBILD) questionnaire erfassten Bereiche. Atemnot, eines der wichtigsten Symptome, verringerte sich signifikant um 33 % (p<0,001).

Außerdem war das Training mit einer signifikanten Verbesserung des maximalen Inspirationsdrucks verbunden, und zwar von 75 cm H2O bei Studienbeginn auf 117 cm H2O bei der Nachuntersuchung (p<0,001). Der anhaltende Inspirationsdruck verbesserte sich ebenfalls signifikant, von 420 auf 575 Druck-Zeit-Einheiten (p<0,001).

Der Ermüdungsindex (Fatigue Index) stieg signifikant an, und zwar von 17 Einheiten bei Studienbeginn auf 23 bei der Nachuntersuchung (p<0,001). Er gibt an, wie stark die Leistung im Testverlauf abfällt. Gleichzeitig verbesserte sich Fitness, gemessen als maximale Sauerstoffaufnahme, von 36 ml/kg/min auf 44 ml/kg/min (p<0,001).

Zwar verbesserten sich Ergebnisse für alle Parameter sowohl in der Interventions- als auch in der Kontrollgruppe. Unter Atemtraining war der Effekt aber 2- bis 14-mal größer als ohne Intervention.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....