EMA: Neue Wirkstoffe bei Lungenkrebs, Malaria, Stroma-Tumoren und bei MS, Stellungnahme zu AstraZeneca Impfstoff für Frauen 

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

17. September 2021

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat grünes Licht für 2 neue Arzneimittel, 3 Orphan Drugs, 2 Biosimilars und 2 Generika gegeben [1]. Alle Highlights zur Sitzung Mitte September 2021:

Artesunat Amivas® (Artesunat) bei Malaria

Eine positive Stellungnahme wurde zu Artesunat Amivas® (Artesunat) für die Erstbehandlung von schwerer Malaria bei Erwachsenen und Kindern veröffentlicht. Das Präparat wird als Arzneimittel für das in der EU seltene Leiden ausgewiesen.

Artesunat, ein Antiprotozoikum, bildet im Körper ein instabiles organisches freies Radikal. Es bindet sich an Proteine von Plasmodien und löst die Zerstörung der Parasitenmembranen aus.

Der Hauptnutzen besteht darin, das Überleben von Patienten mit schwerer Malaria im Krankenhaus zu verbessern. Die häufigsten Nebenwirkungen sind eine verzögerte Lyse der roten Blutkörperchen nach der Behandlung, Anämie und eine verringerte Retikulozytenzahl.

Brukinsa® (Zanubrutinib) bei Waldenströmscher Makroglobulinämie

Der CHMP empfahl auch die Erteilung einer Genehmigung für das Inverkehrbringen von Brukinsa® (Zanubrutinib) zur Behandlung der Waldenströmschen Makroglobulinämie.

Zanubrutinib, ein Bruton-Tyrosinkinase (BTK)-Inhibitor, blockiert die Aktivität von BTK. Dadurch werden zentrale Wege der B-Zell-Proliferation, der Chemotaxis und der Adhäsion blockiert. Unter Brukinsa® komme es zu einer „klinisch bedeutsamen Rate von sehr gutem partiellem Ansprechen und/oder vollständigem Ansprechen“, schreibt der Ausschuss.

Zu den Nebenwirkungen gehören Neutropenien, Thrombozytopenien, Infektionen der oberen Atemwege, Hämorrhagien/Hämatome, Hautausschläge, Blutergüsse, Anämien, Muskel-Skelett-Schmerzen, Durchfall, Lungenentzündungen und Husten.

Gavreto® (Pralsetinib) bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs

Auch für Gavreto® (Pralsetinib) zur Behandlung von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) gab es bei der aktuellen Sitzung grünes Licht.

Pralsetinib, ein RET-Rezeptor-Tyrosinkinase-Inhibitor, richtet sich gegen onkogene RET-Fusionsproteine (KIF5B-RET und CCDC6-RET). Solche Proteine können als onkogene Treiber wirken können, indem sie die Zellproliferation von Tumorzelllinien fördern.

Der Nutzen von Gavreto® liegt in der objektiven Ansprechrate und der Dauer des Ansprechens bei Patienten mit RET-fusionspositivem NSCLC, wie in einer zulassungsrelevanten, offenen, einarmigen Multi-Kohorten-Studie der Phase 1/2 beobachtet wurde.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Anämie, erhöhte Aspartat-Aminotransferase-Spiegel, Neutropenie, Verstopfung, Schmerzen des Bewegungsapparats, Müdigkeit, Leukopenie, erhöhte Alanin-Aminotransferase-Spiegel und Bluthochdruck.

Qinlock® (Ripretinib) bei gastrointestinalen Stromatumoren

Auch bei Qinlock® (Ripretinib) zur Behandlung von fortgeschrittenen gastrointestinalen Stromatumoren (GIST) veröffentlichte der Ausschuss eine positive Stellungnahme. Empfohlen wird der Arzneistoff für Patienten, die zuvor mit 3 oder mehr Kinase-Hemmern behandelt worden waren.

Ripretinib, ein antineoplastischer Wirkstoff und Proteinkinase-Inhibitor, soll selektiv die onkogenen Kinasen KIT und PDGFRA blockieren, indem es deren aktive Konformation hemmt.

Der Nutzen von Qinlock® liegt darin, die Zeit bis zur Progression zu verlängern. Besonders häufig kommt es zu Müdigkeit, Alopezie, Übelkeit, Myalgie, Verstopfung, Diarrhö, zum Hand-Fuß-Syndrom, zu Gewichtsverlust und Erbrechen.

Vumerity® (Diroximelfumarat) bei Multipler Sklerose

Vumerity® (Diroximelfumarat) erhielt ein positives Gutachten für die Behandlung erwachsener Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose.

Der Mechanismus, durch den Diroximelfumarat bei Multipler Sklerose wirkt, ist noch nicht vollständig geklärt. Monomethylfumarat (MMF) gilt als aktiver Metabolit.

Dieser Zulassungsantrag basiert auf einem pharmakologischen Brückenkonzept zu dem zugelassenen Produkt Dimethylfumarat (Tecfidera®). Für MMF wurde die Bioäquivalenz zu Dimethylfumarat nachgewiesen. Daher ist davon auszugehen, dass Vumerity® die gleichen Vorteile bietet wie Tecfidera®, einschließlich der Verringerung des Risikos des Auftretens von Rückfällen und entzündlichen Läsionen im zentralen Nervensystem.

Neue Biosimilars und Generika

Auch bei 2 Biosimilars hat der Ausschuss die Zulassung empfohlen: Hukyndra® und Libmyris®, beide mit dem Wirkstoff Adalimumab. Sie werden zur Behandlung von entzündlichen Autoimmunerkrankungen wie Arthritis, Psoriasis, entzündlichen Darmerkrankungen oder Uveitis verordnet.

Für 2 Generika gab es ebenfalls positive Stellungnahmen: Sugammadex Mylan® (Sugammadex) zur Aufhebung einer induzierten neuromuskulären Blockade und Rivaroxaban Mylan® (Rivaroxaban), ein Antikoagulans zur Prävention und Behandlung atherothrombotischer und venöser thromboembolischer Ereignisse bei Risikopatienten.

Negative Stellungnahme zu einem neuen Arzneimittel

Der CHMP empfahl, die Genehmigung für das Inverkehrbringen von Raylumis® (Tanezumab) zu verweigern. Das Präparat war zur Behandlung von Schmerzen aufgrund von Osteoarthritis vorgesehen.

„Obwohl Raylumis® bei Patienten mit Arthrose der Hüfte oder des Knies im Vergleich zu Placebo eine bessere Schmerzlinderung und eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit zeigte, war der Unterschied gering“, heißt es in der Stellungnahme. „Darüber hinaus gab es keine Verbesserung der Schmerzlinderung und der körperlichen Funktionsfähigkeit im Vergleich zu NSAR.“

Bei Patienten, die Raylumis® erhielten, gebe es im Vergleich zu Patienten, die Placebo oder NSAR erhielten, ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen wie rasch fortschreitende Osteoarthritis und Gelenkersatz, so der Ausschuss. Er resümierte, dass der Nutzen von Raylumis® bei Patienten, die nicht ausreichend auf NSAR oder Opioide ansprächen, unklar sei und mögliche Risiken nicht überwiege.

Blutgerinnsel duch COVID-19-Imfpung? CHMP schließt Überprüfung von Vaxzevria® ab

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) hat seine weitere Analyse der Daten zum Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) und über die Verwendung einer 2. Dosis des AstraZeneca Impfstoffs Vaxzevria® abgeschlossen – und sein Zwischengutachten vom April 2021 bestätigt.

Die EMA analysierte alle verfügbaren Daten, darunter neue TTS-Daten aus Spontanmeldungen in EudraVigilance, detaillierte Impfdaten aus den Mitgliedstaaten und eine zusätzlich in Auftrag gegebene Studie über das Risiko von Blutgerinnseln.

Das Ergebnis: Anhand der Daten konnte die EMA keine besonderen Risikofaktoren ermitteln, die ein TTS wahrscheinlicher machen. Obwohl Spontanberichte darauf hindeuteten, dass das Risiko bei Frauen und jüngeren Erwachsenen höher und nach der 2. im Vergleich zur 1. Dosis niedriger sein könnte, ließen sich solche Unterschiede aufgrund der begrenzten Art der Daten nicht bestätigen.

Die EMA empfiehlt weiterhin, eine 2. Dosis Vaxzevria® 4 bis 12 Wochen nach der 1. Dosis zu verabreichen, wie in der Produktinformation angegeben. Es gebe auch keine Anhaltspunkte dafür, dass eine Verzögerung der 2. Dosis einen Einfluss auf das Risiko von TTS habe, so der Ausschuss. Abschließende Empfehlungen zur Verwendung eines anderen Impfstoffs für die Zweitimpfung seien derzeit nicht möglich.

Bewertung einer Nitrosamin-Verunreinigung in Champix®

Der Ausschuss für Humanarzneimittel berichtet über Ergebnisse von Analysen zu N-Nitroso-Vareniclin in Champix® (Vareniclin). Gefunden wurde eine Menge, welche über den für EU-Arzneimittel als akzeptabel geltenden Werten liegt.

Champix® sollte einen Grenzwert für die Verunreinigung einhalten, der für eine lebenslange Exposition berechnet wurde. Das Unternehmen wird nun aufgefordert, seine Zulassung zu ändern, um die festgelegten Anforderungen zu erfüllen.

Als Vorsichtsmaßnahme hatte der Hersteller bereits im Juni 2021 mehrere Chargen zurückgerufen und den Vertrieb pausiert. Die bereits verbreitete Mitteilung an die Angehörigen der Gesundheitsberufe wird nun überarbeitet, um darüber zu informieren, dass mit weiteren Engpässen zu rechnen ist.

Patienten sollten die Einnahme von Champix® nicht abbrechen, ohne vorher ihren Arzt konsultiert zu haben.

Wiederwahl von Harald Enzmann als CHMP-Vorsitzender

Der CHMP hat Harald Enzmann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn für eine weitere 3-jährige Amtszeit, die im September 2021 beginnt, als Vorsitzenden wiedergewählt.

 

Kommentar

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