Schluckstörungen bleiben häufig unentdeckt: Dieses praktikable Screening könnte das ändern

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

17. September 2021

Ein frühes Erkennen einer Dysphagie ist der Schlüssel, um Risiken einer unbehandelten Schluckstörung wie Mangelernährung, Dehydratation oder Aspirationspneumonie zu senken. Ein praxistaugliches Screening auf Dysphagie stellte Tilman Touché, Sprachtherapeut in der Klinik für Geriatrie Ratzeburg. auf dem Online- Kongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) vor [1].

Schluckstörungen im Alter sind sehr verbreitet. Die Prävalenz für eine Dysphagie liegt bei allen älteren Menschen um die 10%, aber 50% der Bewohner in Pflegeheimen und 44% der im Krankenhaus behandelten geriatrischen Patienten leiden an Dysphagie, berichtete Touché. Das Schlucken im Alter wird langsamer und schwächer, bleibt im Grunde genommen bei gesunden Senioren aber ausreichend. Durch Stressoren, Behinderungen und Erkrankungen kann es aber leichter entgleisen. Dann kann eine Dysphagie auch gefährliche Folgen haben. Gefährdet sind Patienten nach Hirninfarkt oder Tumor-Operationen, Patienten, die an COPD und Morbus Parkinson leiden, gebrechliche Patienten und Patienten mit Spondylophyten.

Leicht durchführbares Screening

Weil Dysphagien häufig übersehen werden, beispielsweise auch aufgrund mangelhafter Selbsteinschätzung etwa bei Patienten mit M. Parkinson, werde ein leicht durchführbares Screening benötigt, so Touché. Ein geeignetes Screening sollte gefährdete Patienten zuverlässig herausfiltern um dann mittels Endoskopie zu klären, ob der Patient aspirationsgefährdet ist oder nicht. „Wichtig war uns auch, dass das Screening von verschiedenen Berufsgruppen einfach und schnell durchzuführen ist“, berichtete Touché.

 
Wichtig war uns auch, dass das Screening von verschiedenen Berufsgruppen einfach und schnell durchzuführen ist. Tilman Touché
 

Bislang seien verfügbare Screenings vor allem für akute neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall validiert. Eine aktuell noch laufende Studie adressiere diese Problematik: „Die endgültigen Daten dazu sind aber noch nicht veröffentlicht, sie sollen dieses Jahr folgen“, so Touché.

Das von Touché entwickelte Screening setzt sich aus 9 Aufgaben zusammen, die innerhalb von 8 bis 10 min durchführbar sind:

  • Zunächst auf Dysarthrie und Dysphonie testen (Patienten ein paar Sätze sprechen lassen)

  • Stärke des Hustenstoßes mit einem Peak Flow Meter messen (Normwerte: Männer 180 l/min, Frauen 220 l/min)

Dann folgen 7 Schluckversuche:

  • Der Patient nimmt einen Löffel Götterspeise zu sich (5 ml)

  • Löffel Nr. 2

  • Löffel Nr. 3

  • Der Patient nimmt einen Löffel mit Wasser zu sich (5ml)

  • Löffel Nr. 2

  • Löffel Nr. 3

  • Stress-Schlucken: 50 ml Wasser ohne Absetzen

Hat der Patient bei 2 Aufgaben Auffälligkeiten gezeigt, gilt er nach dem Screening als aspirationsgefährdet.

Verblindete Multicenter-Diagnostikstudie

An der Klinik für Geriatrie Ratzeburg und im Therapiezentrum Waldklinik Jesteburg wird das Screening als verblindete Multicenter-Diagnostikstudie durchgeführt. Bislang wurden 74 Patienten untersucht, darunter 32 Frauen und 42 Männer im Alter von 70 bis 91 Jahren, im Mittel sind die Patienten 80 Jahre alt. Ziel ist, 108 Patienten in die Studie einzuschließen. Das Gros der bislang Untersuchten setzt sich aus Patienten nach Infarkt oder COPD, Patienten mit M. Parkinson und gebrechliche Patienten zusammen.

Durchgeführt wird das Screening von Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften. Goldstandard ist dabei die noch am selben Tag durchgeführte endoskopische Dysphagie-Diagnostik.

Sensitivität bis zu 83 Prozent

Durch das Screening wurden 25 Patienten (von 74; 34%) identifiziert, die an einer vorher nicht erkannten Dysphagie litten, die auf der PAS (penetration aspiration scale) dem Grad 2 entspricht.

 
Ich halte das Verfahren für ein vielversprechendes Screening-Instrument. Allerdings stehen die endgültigen Ergebnisse noch aus. Tilman Touché
 

Bei Auffälligkeiten bei 2 Aufgaben im Screening ergab sich eine Sensitivität von 65,5% und eine Spezifität von 60% - „das ist nicht sehr viel”, räumte Touché ein. Angelehnt an die Spezifikationen von GUSS (Gugging Swallowing Screen von Trapl) berechnete Touché die Sensitivität, wenn sich nur bei 1 Aufgabe Auffälligkeiten zeigten. „Dann ergibt sich eine Sensitivität von 82,8% zu Lasten einer geringeren Spezifität: 31,1%.”

„Das ist eine ganz gute Sensitivität. Ich halte das Verfahren für ein vielversprechendes Screening-Instrument. Allerdings stehen die endgültigen Ergebnisse noch aus“, bilanzierte Touché. Weil die Schluckversuche mit Götterspeise bei den untersuchten Patienten „fast durchgehend unauffällig“ waren, hält er diese für verzichtbar. Das könnte die Screeningzeit noch einmal verkürzen und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, das Verfahren in der Klinikroutine zu etablieren.
 

Kommentar

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