AOK-Fehlzeiten-Report: Mehr psychische Beschwerden, weniger Erkältungen – aber auch höhere Resilienz in Pandemiezeiten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

15. September 2021

Resilienz hält gesund. Die Corona-Krise hat bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwar viele psychische Beschwerden hervorgerufen. Zugleich bewerten die Arbeitnehmer ihr persönliches Wohlbefinden an ihren Arbeitsplätzen aber offenbar umso besser, je flexibler sie ihren Arbeitgeber und sich selbst in der Krise erlebt haben.

Das geht aus dem Fehlzeiten-Report der AOK 2021 hervor [1]. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat im Frühjahr 2021 mehr als 2.500 Beschäftigte zwischen 20 und 65 Jahren nach ihren Beschwerden befragt und im Fehlzeiten-Report 2021 zusammengefasst.

Lustlosigkeit, Nervosität, Niedergeschlagenheit – Corona ging besonders vielen Arbeitnehmern zunehmend auf die Stimmung. So klagten Anfang 2020 noch rund 69% der Befragten über emotionale Probleme. Im Frühjahr 2021 waren es bereits 88%, so der Report.

Auch der Anteil der Beschäftigten mit mindestens einer psychosomatischen Beeinträchtigung ist im Zuge der Pandemie von 80% auf 84% gestiegen. Besonders deutlich war der Anstieg bei Konzentrationsproblemen (plus 10%) und Schlafstörungen (plus 7%).

Ein Rückgang der Beschwerden zeigte sich laut der Befragung dagegen bei den Atemwegserkrankungen und bei den Infektionskrankheiten.

Arbeitswelt im Umbruch

Vor allem die seelischen Belastungen spiegelten einen großen Umbruch in der Arbeitswelt während der Pandemie, so der Report. 80% der Befragten gaben an, dass sich ihre Arbeitssituation verändert habe. Fast 70% arbeiteten im Homeoffice, und über 60% der Befragten berichteten über eine Flexibilisierung ihrer Arbeitszeiten.

Allerdings sei unter den 15,6 Millionen AOK Versicherten in Deutschland nicht die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) gestiegen. Es sei also kein höherer Krankenstand festzustellen gewesen, heißt es in dem Report. Bei den Atemwegserkrankungen sank im Pandemiezeitraum die Zahl der AU-Fälle auf 30,6% je 100 AOK-Mitgliedern und schrumpfte damit um 18,2 AU-Fälle je 100 AOK-Mitgliedern.

Dafür stieg aber die Dauer der Fehlzeiten, und zwar „prinzipiell“, wie es hieß. Psychische Erkrankungen dauerten im Schnitt 4 Tage länger als im Vergleichszeitraum. „Bei Herz-Kreislauferkrankungen liegt die Differenz bei 2,5 Tagen je Fall, bei Atemwegserkrankungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen fiel die Differenz mit 1,8 beziehungsweise 1,6 Tagen je Fall geringer aus“, so der Report.

 
Offenbar ist der Gang zum Arzt vermieden worden aus Angst sich anzustecken. Helmut Schröder
 

„Offenbar ist der Gang zum Arzt vermieden worden aus Angst sich anzustecken“, sagte Helmut Schröder, stellvertretender Vorsitzender des WIdO, in einem Interview mit dem Radiosender „Bayern2“. Dadurch seien die Krankmeldungen nach hinten verschoben worden und deutlich länger ausgefallen.

Die Pandemiewellen haben bei den AU-Tagen ihre Spuren bei den Infektionen mit COVID-19 hinterlassen. Zwischen März 2020 und Juli 2021 erhielten 3,2% der AOK-Versicherten mindestens eine Krankschreibung aufgrund einer COVID-19-Diagnose. Das sind fast eine halbe Million Beschäftigte. Besonders betroffen waren Arbeitnehmer aus sozialen Berufen, allen voran Angestellte in der Betreuung und Erziehung von Kindern (6.609 Krankschreibungen je 100.000 AOK-Mitglieder), gefolgt von Berufen der Ergotherapie (5.867 Krankschreibungen je 100.000 AOK-Mitglieder), außerdem Berufe in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und der Haus- und Familienpflege.

Je resilienter, desto gesünder

Aber es gibt auch ermutigende Nachrichten: Die Resilienz ist gestiegen, das heißt die Widerstandskraft der Arbeitnehmer gegen Belastungssituationen in der Corona-Krise. Und zwar umso stärker bei Unternehmen, die in der Lage waren, sich besonders gut an die neuen Bedingungen durch die Pandemie anzupassen – zum Beispiel durch die Unterstützung der Arbeitnehmer, durch den offenen Umgang mit Fehlern, durch flüssige und rasche Information und die Stärkung des Zusammenhalts im Kollegium.

„Beschäftigte, die der Resilienz ihres Unternehmens besonders gute Noten geben, haben im Schnitt 7,7 krankheitsbedingte Fehltage in den letzten 12 Monaten. Bei Erwerbstätigen, die die Unternehmensresilienz besonders schlecht bewerten, sind es dagegen 11,9 krankheitsbedingte Fehltage“, zählt der Report auf. „Diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen nach eigenen Angaben auch häufiger krank zur Arbeit.“

Wie sehr die Resilienz die psychische Verfassung beeinflusst, zeigen die großen Unterschiede zwischen den Arbeitnehmern: Beschäftigte mit niedriger individueller Resilienz berichten mehr als doppelt so häufig über Zweifel an den eigenen Fähigkeiten (69% versus 27%) oder über Angstgefühle (52% versus 11%) wie Beschäftigte mit besonders hoher individueller Resilienz. Auch bei körperlichen Beschwerden wie Magen-Darm-Problemen (38% versus 13%) oder Herz-Kreislauf-Beschwerden (36% versus 12%) gibt es deutliche Unterschiede.

Schröder lobte die Unternehmen. Sie bräuchten heute andere als die klassischen Instrumente, um die Krise zu bewältigen, so Schröder. Denn Krisenzeiten seien zwar von Erschütterungen und Herausforderungen begleitet, beschleunigten aber zugleich die Entwicklungen in der Arbeitswelt, sagte Schröder dem Radiosender „Bayern2“ unter Hinweis zum Beispiel auf die Arbeit im Homeoffice. „Da haben Unternehmen sehr schnell, sehr flexibel reagieren können“, so Schröder. Man sei nicht im „Panik-Modus“ steckengeblieben. Es gehe offenbar nicht darum, sich „wie eine Eiche in den Sturm zu stellen und dann zu brechen, sondern wie ein Schilfrohr zu sein, um dann den Sturm letztendlich aushalten zu können.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....