Typisch Impfverweigerer! Forscher analysieren ihre Merkmale und wie man sie überzeugt; Lancet-Studie gegen Auffrischung für alle

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

13. September 2021

Corona-Newsblog: Update vom 13. September 2021

Heute meldet das Robert Koch-Institut 5.511 neue Infektionen mit SARS-CoV-2 – das sind 762 Fälle mehr als vor 1 Woche. Die 7-Tage-Inzidenz steigt von 80,2 am Vortag auf 81,9 Fälle pro 100.000 Einwohner. Weitere 12 Menschen starben an COVID-19 (Vorwoche: 8).

Als Hospitalisierungsrate nennt das RKI 1,79 Fälle pro 100.000 Einwohner (Vorwoche 1,64); 6,5% aller IST-Betten sind mit COVID-19-Patienten belegt (Vorwoche 5,7%).

Neue Zahlen gibt es auch von der Impfkampagne. Mittlerweile haben Ärzte 62,0 % der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft, und 66,4 % haben mindestens 1 Dosis erhalten. Die Werte stagnieren seit geraumer Zeit.

  • Was bringt die Impfwoche?

  • Impfungen fördern – diese Maßnahmen schlagen Experten vor

  • Impfpflicht durch die Hintertür

  • Lancet: Wissenschaftliche Daten sprechen nicht für Auffrischungsimpfungen

  • Wissenschaftler finden möglichen Biomarker für schweres COVID-19

Was bringt die Impfwoche?

Deshalb hat die Bundesregierung vom 13. bis 19. September eine Impfwoche ins Leben gerufen – mit niedrigschwelligen Angeboten, etwa Impfungen direkt im Einkaufszentrum, in der Straßenbahn, am Sportplatz oder bei Veranstaltungen, oft ohne Termin. Zahlreichen Informationen für Unentschlossene kommen mit hinzu. „Nie war es einfacher, eine Impfung zu bekommen“, so Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zum Auftakt. „Nie ging es schneller.“

Die Kampagne stößt bundesweit auf viel Zuspruch, vereinzelt werden jedoch Nachbesserungen gefordert. Es sei immer hilfreich, „wenn Prominente aus Kunst, Kultur und Sport sich klar zur Impfung bekennen und dazu aufrufen“, sagt Gerd Landsberg vom Städte- und Gemeindebund. Er wünscht sich eigene „Impfbotschafter“ und ergänzt: „Die nun anlaufende Kampagne muss nachhaltig – also über die nächsten Monate hinweg – betrieben werden, sonst verlieren wir den Kampf gegen die 4. Welle.“

Das bestätigt auch Prof. Dr. Karl Lauterbach. „Der Herbst wird noch einmal schwierig werden. Wir werden noch einmal steigende Fallzahlen haben.“ Seine Hoffnung: „Im Winter könnte es dann aber besser werden, wenn die Zahl der Ungeimpften abgenommen hat.“ Der SPD-Gesundheitsexperte vermutet aber auch, dass nach der Bundestagswahl zunehmend die 2G-Regel eingeführt werde. „Das wird viele dazu bewegen, sich impfen zu lassen.“

Impfungen fördern – diese Maßnahmen schlagen Experten vor

Dennoch halten Experten weitere Maßnahmen für erforderlich. Bei einem Press Briefing des Science Media Center Germany erläuterte Prof. Dr. Cornelia Betsch, worauf zu achten ist. Sie forscht an der Universität Erfurt und ist wissenschaftliche Leiterin des COSMO – COVID-19-Snapshot-Monitoring. Bei COSMO untersuchen Wissenschaftler regelmäßig Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen während der Pandemie. Aktuelle Zahlen wurden am 7. September 2021 erhoben. Jede Befragung umfasst rund 1.000 Personen.

Aktuell geben 82,3% (n = 783) an, mindestens einmal geimpft worden zu sein. Weitere 3,6% (34) wären bereit, 1,7% (16) unsicher, 2,5% (24) zögerlich – und 9,9% (94) lehnen Impfungen ab. „Ungeimpfte sind jünger, eher weiblich, haben eher Kinder, haben einen niedrigeren Bildungsgrad, kenne niemanden mit COVID-19 und sind eher arbeitslos“, fasst Betsch zusammen.

Bei Impfkampagnen sei die Frage, was Zögerer von Impfbereiten unterscheide, wichtig, so die Expertin. Zwischen Juli und September 2021 fand sie für Unsichere folgende Charakteristika:

  • Sie verlassen sich eher auf andere Menschen.

  • Sie neigen dazu, viele Informationen für oder gegen Impfungen zu suchen und Risiken stark abzuwägen.

  • Sie bewerten Impfungen tendenziell als etwas unsicher, verglichen mit Impfbereiten.

  • Sie sehen weniger als Impfbereite die Vorteile, etwa eine Rückkehr zur Normalität oder Kontakte zu anderen Menschen.

Betsch leitet daraus ab, es sei entscheidend, den individuellen und sozialen Nutzen zu erklären, Sicherheitsbedenken zu adressieren und die zeitliche Dringlichkeit – Stichwort nächste SARS-CoV-2-Welle – zu verdeutlichen.

Das COSMO-Team hat auch Beweggründe von Verweigerern unter die Lupe genommen. Daten dazu wurden zwischen Juli und September 2021 erhoben – jeweils im Vergleich zu anderen Ungeimpften. Die Ergebnisse:

  • Verweigerer haben stärkere Sicherheitsbedenken.

  • Sie halten Impfungen für überflüssig, weil COVID-19 keine Bedrohung darstelle.

  • Praktische Barrieren, etwa der fehlende Kontakt zu Ärzten oder Terminknappheit, spielen hingegen keine Rolle.

  • Die Tendenz, sich anderen Meinungen anzuschließen, ist höher.

  • Sie sehen in Impfungen weniger die Möglichkeit, zur Normalität zurückzukehren.

Was kann hier unternommen werden? „Ärzte sollten dabei unterstützt werden, Falschinformationen zu korrigieren und Sicherheitsbedenken mit guten Informationen begegnen“, so die Expertin.

Impfpflicht durch die Hintertür?

Auch der gesetzliche Druck steigt rapide an. Wer sich nicht impfen lässt, könnte bald den Anspruch auf Lohnfortzahlung verlieren, falls er aufgrund behördlicher Anweisungen in häusliche Isolation muss.

Nordrhein-Westfalen lässt Verdienstausfallentschädigungen für Menschen ohne COVID-19-Impfschutz zum 11. Oktober auslaufen. Wer sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen kann, behält jedoch den Anspruch. Ähnliche Pläne verfolgen Bremen und Niedersachsen. Ungeimpfte sollen auch laut Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) keinen Anspruch mehr auf eine Entschädigung haben, wenn sie in Corona-Quarantäne müssen.

In Baden-Württemberg ist das Ende der Ersatzleistung zum 15. September schon beschlossen, und Rheinland-Pfalz zieht zum 1. Oktober nach. Auch in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern gibt es solche Pläne.

Lancet: Wissenschaftliche Daten sprechen nicht für Auffrischungsimpfungen

In der aktuellen Debatte geht es zwar um die Grundimmunisierung. Dennoch bleibt als Frage, wer von Auffrischungsimpfungen profitiert.

Ein Expertenbericht einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, darunter einige von der WHO und der FDA, kommt zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen schweres COVID-19 so hoch ist, dass Auffrischungsimpfungen für die Allgemeinbevölkerung momentan nicht erforderlich sind.

Die in The Lancet veröffentlichte Studie fasst alle verfügbaren Erkenntnisse aus randomisierten, kontrollierten Studien und Beobachtungsstudien zusammen, die in Fachzeitschriften und auf Preprint-Servern veröffentlicht wurden.

Ein übereinstimmendes Ergebnis der Beobachtungsstudien ist, dass die Impfstoffe nach wie vor hochwirksam gegen schwere Erkrankungen sind, einschließlich COVID-19 durch Virusvarianten. Im Durchschnitt ergab sich eine 95-prozentige Wirksamkeit der Impfung gegen schwere Erkrankungen sowohl bei der Delta- als auch bei der Alpha-Variante und eine über 80-prozentige Wirksamkeit beim Schutz gegen jegliche Infektion mit diesen Varianten. Bei allen Impfstofftypen ist die Wirksamkeit gegen schwere Erkrankungen größer als gegen leichte Erkrankungen.

Obwohl Impfstoffe gegen asymptomatische Erkrankungen oder gegen die Übertragung weniger wirksam sind als gegen schwere Erkrankungen, sind ungeimpfte Menschen selbst in Populationen mit hoher Durchimpfungsrate immer noch der wichtigste Faktor, um SARS-CoV-2 zu verbreiten.

Sollten Antikörperspiegel bei geimpften Personen im Laufe der Zeit abnehmen, bedeute dies nicht zwangsläufig eine Verringerung der Wirksamkeit der Impfstoffe gegen schwere Erkrankungen, schreiben die Autoren. Der Schutz werde nicht nur durch Antikörper, sondern auch durch Gedächtniszellen vermittelt.

Wissenschaftler finden möglichen Biomarker für schweres COVID-19

Doch wer erkrankt an schwerem COVID-19? Bislang galten das Alter und diverse Vorerkrankungen als entscheidende Faktoren. US-amerikanische Forscher berichten jetzt, dass sich Autoimmunantikörper, die sich gegen DNA oder Phosphatidylserin richten, dafür eignen. Das geht aus der retrospektiven Untersuchung von 115 Blutproben aus New York hervor.

Hohe Titer dieser Autoantikörper vergrößern die Wahrscheinlichkeit für schweres COVID-19 um das 5- bis 7-Fache. Die retrospektive Auswertung hat ergeben, dass 36% der Studienteilnehmer bei ihrer Hospitalisierung diese Autoimmunantikörper im Blut hatten. Und Patienten mit schwerem Verlauf hatten oft hohe Anti-DNA- (86%) bzw. Anti-Phosphatidylserin-Antikörper-Titer (93%). Gleichzeitig fanden die Autoren Assoziationen der Antikörperspiegel mit Thrombosen und mit der Zerstörung von Zellen, vor allem im Muskelgewebe.

Ob die Antikörper lediglich Marker sind oder pathophysiologisch Bedeutung haben, bleibt unklar. Dennoch, so konstatieren die Autoren, seien Autoantikörper eine Möglichkeit, die Progression zu beurteilen.

 

Kommentar

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