Die Impfquoten sinken – was plant Spahn? Neue Daten zu Vakzinen für Schwangere und zu COVID-19-Therapien

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

9. September 2021

Corona-Newsblog: Update vom 9. September 2021

  • Pandemie der Ungeimpften“: Spahn und Wieler kritisieren Impfmüdigkeit

  • Neue Daten: mRNA-Vakzin schützt auch Schwangere

  • Zytokinstürme: Warum Diabetiker schwerer an COVID-19 erkranken

  • Rheuma-Medikament Baricitinib senkt die Mortalität bei COVID-19

  • SARS-CoV-2: Folgen auch für HIV-Patienten      

Um die Pandemie zu beschreiben, spielen Hospitalisierungsraten künftig eine große Rolle. Das RKI veröffentlicht entsprechende Daten in seinen Tagesberichten. Erfasst werden die gesamte Hospitalisierung durch COVID-19 (1,89 Fälle pro 100.000 Einwohner), Hospitalisierte ab 60 Jahren (2,57 Fälle pro 100.000 Einwohner), Änderungen bei der Hospitalisierung (+606 Fälle), Veränderung der Fälle im Vergleich zum Vortag auf Intensivstationen (+40), der Anteil der COVID-19-Belegung an der Gesamtzahl der IST-Betten (6,1%) und Erstaufnahmen auf IST (113). Die 7-Tages-Inzidenz liegt bei 83,5 Fällen pro 100.000 Einwohner und weitere 50 Patienten sind aufgrund von COVID-19 gestorben.      

„Pandemie der Ungeimpften“: Spahn und Wieler kritisieren Impfmüdigkeit

Momentan sind 61,6 % der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft und 66,0 % haben mindestens 1 Impfdosis erhalten. „Die Impfquote ist in ganz Deutschland zu niedrig, insbesondere aber in den östlichen Bundesländern“, erklärte Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, gegenüber der DPA. Das sei mit Blick auf den Herbst und Winter bedenklich.

Er fordert, die Impfkampagne „komplett neu aufzustellen, um noch Unentschlossene zu erreichen“. Laut Reinhardt hätte die Aufforderung „Ärmel hoch“ zwar anfangs genützt. Jetzt seien aber „viel zielgenauere Kommunikationsmaßnahmen und niedrigschwellige Impfangebote“ erforderlich.

„Die Zahl der Ungeimpften ist noch zu groß“, bestätigt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Rahmen einer Pressekonferenz. „Was wir gerade sehen, ist eine Pandemie der Ungeimpften.“

Und RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler warnt, die Corona-Pandemie könne im Herbst einen „fulminanten Verlauf nehmen“, wenn die Zahl der Impfungen nicht deutlich gesteigert werde. „Wir müssen auch dafür sorgen, dass sich die Kinder nicht infizieren“, so Wieler. Er betonte, es sei wichtig, Kinder ab 12 Jahren zu impfen, aber auch, Hygienemaßnahmen in Kitas und Schulen aufrechtzuhalten. Das Thema Impfen betreffe auch Erwachsene, so Wieler. „Viele Menschen nehmen die Krankheit immer noch nicht ernst.“ Es gebe immer noch viele Skeptiker.

Das sieht Spahn ähnlich. Impfen sei das Gebot der Stunde, sagte der Minister. Ziel sei es, die Impfquoten hochzubringen. Dennoch stellte er klar: „Impfen ist eine persönliche Entscheidung, doch eine Entscheidung, die viele andere betrifft.“

Politiker wollen stärker für Impfungen werben. Spahn berichtete von einer Impfwoche ab kommenden Montag. Bund, Länder und Kommunen sollten dann ihre Anstrengungen vor Ort bündeln. Unter dem Hashtag #hierwirdgeimpft beziehungsweise auf der gleichnamigen Website seien alle Informationen verfügbar.

Neue Daten: mRNA-Vakzin schützt auch Schwangere

Potenzielle Zielgruppen für Impfung sind werdende Mütter. Neue Daten aus Israel zeigen, dass bei ihnen eine Schutzwirkung von rund 96% erzielt wird.  

Die Studie eines großen Versicherungsunternehmens umfasste Angaben von 10.861 geimpften Schwangeren. Ihnen wurde die gleiche Zahl an werdenden Müttern mit ähnlichen medizinischen und demographischen Daten gegenübergestellt. Sie waren ungeimpft.

Während einer Nachbeobachtungszeit von 77 Tagen kam es in der Impfgruppe zu 131 Infektionen; in der Kontrollgruppe wurde 235 Fälle erfasst. Daraus ergab sich eine Effektivität von 96% (95-%-Konfidenzintervall 89 bis 100%) ab dem 28. Tag. Die Häufigkeit symptomatischen Infektionen wurde um 97% (95%-KI 91% bis 100%) gesenkt. Hospitalisierungen waren zu 89% seltener (95%-KI 43% bis 100%). Aussagen zu schweren Verläufen oder gar zu Todesfällen waren nicht möglich.

In Deutschland warten Ärzte derzeit noch auf eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission. Uwe Lahl, Amtschef des Stuttgarter Sozialministeriums, zufolge sei das Risiko für eine intensivmedizinische Behandlung 6-fach höher als bei gleichaltrigen Frauen ohne Gravidität. Und die Mortalität sei sogar 25-mal höher.

Zytokinstürme: Warum Diabetiker schwerer an COVID-19 erkranken

Patienten mit Vorerkrankungen sollten sich impfen lassen, das ist lange bekannt. Dazu zählen Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Jetzt haben Forscher eine Hypothese entwickelt, warum es gerade bei ihnne zu massiven Problemen kommt.

In Nagern konnten sie zeigen, dass das murinen Hepatitis-Virus A59 (MHV-A59), ein Coronavirus, Zytokinstürme auslöst. Das geschieht, indem bei Nagern der Spiegel an SETDB2 in Makrophagen absinkt.

Dieses Enzym gehört zu den Histon-Methyltransferasen und überträgt Methylgruppen, um die Aktivität von Genen zu regulieren. Wie die Autoren schreiben, hätten Patienten mit Diabetes ohnehin niedrigere Spiegel an SETDB2. Dies stehe bekanntermaßen mit einer schlechteren Wundheilung in Verbindung.

Andererseits lasse sich die Synthese des Enzyms fördern, indem der JAK-STAT-Signalweg aktiviert werde. „Deshalb könnten Interferone eine wirksame Therapie sein“, heißt es als Resümee.

Es handelt sich jedoch um ein Mausmodell. Die Solidarity-Studie der WHO hatte keinen Mehrwert von Interferonen zeigen können. Möglich wäre aber, dass bestimmte Patientengruppen, etwa Diabetiker, dennoch zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa recht bald nach der Infektion, profitieren.

Rheuma-Medikament Baricitinib senkt die Mortalität bei COVID-19

Bessere Daten aus klinischen Studien gibt es zu Baricitinib. Der JAK-Inhibitor wurde zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis zugelassen. Forscher zeigen jetzt, dass die Mortalität von schwerkranken COVID-19-Patienten durch die Therapie sinkt.  

Zwischen dem 11. Juni 2020 und dem 15. Januar 2021 wurden 1.525 COVID-19-Patienten nach dem Zufallsprinzip der Baricitinib-Gruppe (n = 764) oder der Placebo-Gruppe (n = 761) zugewiesen. 1.204 (79,3%) erhielten zu Studienbeginn systemische Kortikosteroide, davon 1.099 (91,3%) Dexamethason; 287 (189 %) Teilnehmer wurden mit Remdesivir therapiert.

Insgesamt erreichten 27,8% aller Patienten, die Baricitinib erhielten, und 30,5% unter Placebo den primären, zusammengesetzten Endpunkt (Odds Ratio 0,85; 95%-KI 0,67 bis 1,08], p = 0,18). Definitionsgemäß handelte es sich um eine Kombination aus dem Anteil der Patienten, die bis zum 28. Tag auf High-Flow-Sauerstoff, eine nicht-invasive Beatmung bzw. eine invasive mechanische Beatmung erhielten oder starben.

Die 28-Tage-Gesamtmortalität betrug 8% (n = 62) unter Baricitinib und 13% (n=100) unter Placebo (Hazard Ratio 0,57; 95%-KI 0,41bis 0,78; p = 0,0018), was einer relativen Verringerung der Mortalität um 38,2% entspricht. Pro 20 mit Baricitinib behandelten Patienten konnte 1 Todesfall verhindert werden. Die 60-Tage-Gesamtmortalität lag bei 10% (n = 79) unter Baricitinib und 15% (n = 116) unter Placebo (HR 0,62; 95%-KI 0,47 bis 0,83; p=0,0050).

„Obwohl das Fortschreiten der Krankheit insgesamt nicht signifikant verringert werden konnte, war die Behandlung mit Baricitinib zusätzlich zur Standardbehandlung (einschließlich Dexamethason) … mit einer geringeren Sterblichkeit bei hospitalisierten Erwachsenen mit COVID-19 verbunden“, schreiben die Autoren.

SARS-CoV-2: Folgen auch für HIV-Patienten

Die Pandemie hat neben bekannten Folgen von SARS-CoV-2 aber auch fatale Auswirkungen auf Patienten mit anderen Infektionskrankheiten. Zu dem Ergebnis kommen Experten des Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria (GFATM) mit Sitz in Genf. Sie haben einen neuen Bericht vorgestellt. „Die Auswirkungen von Covid-19 auf den Kampf gegen HIV, Tuberkulose und Malaria sowie auf die von uns unterstützten Gemeinschaften waren verheerend“, so Peter Sands vom GFATM. Er berichtet, dass vor allem bei HIV und bei Tuberkulose die Zahl der Behandlungen und Tests infolge der Pandemie deutlich gesunken sei.

Laut Bericht ist die Zahl der Menschen, die mit AIDS-Präventionsprogrammen erreicht worden seien, im Vergleich zu 2019 um 11% gesunken. Und bei Tuberkulose berichten die Experten von einem Rückgang der Pharmakotherapien um 19%. Einbrüche habe es auch bei Malariatests gegeben, so die Autoren.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....