Stress und depressive Verstimmung: Was Mental Health Apps für die Versorgung leisten – und welche Fragen offen sind

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

7. September 2021

Psychotherapeutisch lassen sich depressive Störungen gut behandeln – doch die Ressourcen sind begrenzt. „Die Wartezeit auf eine Psychotherapie liegt derzeit im Schnitt bei 6 Monaten – das ist nicht zumutbar“, sagt Prof. Dr. Matthias Berking, der an der Universität Erlangen-Nürnberg den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie innehat und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) ist.

Dabei wurden die Kapazitäten zwischen 2012 und 2018 schon erheblich aufgestockt – von 20 000 auf über 28 000, wie Prof. Dr. Thomas Pollmächer berichtet. „Das ist eine Zunahme um 63%“, sagt der Direktor des Zentrums für Psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Auf eine Entspannung der Situation warten immer noch viele Patienten vergebens. Was können in dieser Situation digitale Interventionen leisten, um die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern? Hier eine Übersicht über die wichtigsten Methoden und die Einschätzung von Experten:

Erlernte positive Denkmuster in den Alltag einbinden

„Digitale Interventionen wie Mental Health Apps bieten in vielen Kontexten eine einzigartige Chance“, sagt Berking. „Vorteile bieten digitale Angebote beispielsweise in Regionen, in denen es keine hinreichende psychotherapeutische Versorgung gibt, für Menschen, die eine Stigmatisierung befürchten, wenn sie eine Therapie beginnen, für Menschen, die sehr wenig Zeit haben und auch im Hinblick auf die sehr langen Wartezeiten“, zählt Berking auf.

Apps gegen Depressionen, Stress und Schlafstörungen

Somnio, Deprexis, Happify, Moodpath oder Pocketcoach sind digitale Tools, die Betroffenen im Umgang mit Depressionen, Schlafstörungen und Stress assistieren. Ihr potenzielles Einsatzspektrum reicht von der reinen Informationsvermittlung über Prävention und Selbsthilfe bis hin zu Behandlung und Nachsorge. In der Therapie erlernte positive Denkmuster und Verhaltensweisen können durch Apps im Alltag etabliert werden.

 
Digitale Interventionen wie Mental Health Apps bieten in vielen Kontexten eine einzigartige Chance.  Prof. Dr. Matthias Berking
 

Die Zahl der digitalen Helfer hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht; immer häufiger wird ihr Nutzen auch in Studien untersucht. Die Wirksamkeit von Pocketcoach beispielsweise – einer App, die über Chatbot, Videos und Audios Selbsthilfe im Umgang mit Stress bietet und demnächst vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zertifiziert werden soll – wird derzeit in einer laufenden Pocketcoach schreibt, dass sich nach 2 Wochen App-Nutzung die Symptome um etwa 20% reduzieren würden.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Nach Angaben der Deutschen Depressionshilfe sind jede 4. Frau und jeder 8. Mann im Lauf des Lebens davon betroffen. Durch SARS-CoV-2 spitzt sich die Situation weiter zu. Im Deutschland-Barometer Depression berichten 44% aller Patienten mit diagnostizierter Depression, dass sich ihr Krankheitsverlauf in den vergangenen 6 Monaten verschlechtert hat.

Aber auch Gesunde leiden psychisch unter Kontaktbeschränkungen und der Angst sich zu infizieren. Oder sie sorgen sich um Angehörige oder Freunde. Und ein Medscape Report zeigt, dass selbst Ärzte zunehmend von psychischen Belastungen durch Corona betroffen sind. Jeder 2. Befragte (55%) gibt an, dass sich sein Gefühl von Überlastung und schlechter Stimmung durch die Pandemie verstärkt hat.

Auf welche Kriterien sollte man bei der Auswahl achten?

Seit Oktober 2020 soll das Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) eine Orientierung bieten, welche Apps und Online-Tools empfehlenswert sind. Aufgenommen werden Tools nach einer inhaltlichen und Technischen Prüfung durch das BfArM.

In einer Stellungnahme hatte die DGPPN das Vorhaben begrüßt. Die Aufnahme einer Intervention in das DiGA sei allerdings noch kein ausreichender Beleg für einen „positiven Versorgungseffekt“. Dazu sei eine fundierte Nutzen-Risiko-Bewertung notwendig. Einen entsprechenden Kriterienkatalog hatten DGPPN und DGPs bereits 2018 veröffentlicht.

 
Wesentlich für die Qualität einer Gesundheitsanwendung ist beispielsweise, ob sie von Fachexperten entwickelt wurde, ob der Datenschutz gesichert ist und ob weiterführende Hilfen angeboten werden. Dr. Iris Hauth
 

Zu den 8 zentralen Kriterien zählen therapeutische Qualitätsanforderungen, Patienten- und Datensicherheit sowie die Erbringung eines Wirksamkeitsnachweises in mindestens einer randomisierten Studie. „Wesentlich für die Qualität einer Gesundheitsanwendung ist beispielsweise, ob sie von Fachexperten entwickelt wurde, ob der Datenschutz gesichert ist und ob weiterführende Hilfen angeboten werden“, schreibt Dr. Iris Hauth, Vorstandsmitglied der DGPPN und Leiterin der paritätischen Task Force „E-Mental-Health“ von DGPPN und DGPs.

Hauth verweist auf den Kriterienkatalog: „Wir würden uns wünschen, dass auch der Gesetzgeber ihn als Richtschnur verwendet.“ Die DGPPN selbst nennt das Online-Selbsthilfe-Programm moodgym und das Selbstmanagement-Programm iFightDepression Tool der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die wissenschaftlich fundiert und kostenlos zugänglich sind.

Kritik: Nur Angebote mit minimaler therapeutischer Unterstützung

„Kritisch zu sehen ist, dass im DiGA nur Angebote mit allenfalls minimaler therapeutischer Unterstützung aufgenommen werden, obwohl die Forschung zeigt, dass die Effektivität proportional zum Anteil dieser Betreuung steigt“, gibt Berking zu bedenken. Eine Meta-Review verschiedener Meta-Analysen aus 2020 ergab beispielsweise, dass Studien, in denen eigenständige Apps untersucht worden waren, geringere Effektstärken aufwiesen als Studien, in denen Apps mit Betreuung und Anleitung untersucht wurden.

 
Kritisch zu sehen ist, dass im DiGA nur Angebote mit allenfalls minimaler therapeutischer Unterstützung aufgenommen werden … Prof. Dr. Matthias Berking
 

„Es ist deshalb wichtig, sich auch auf anderen Wegen über entsprechende Angebote zu informieren. Beispielsweise über die Krankenkasse des jeweiligen Patienten, welche solche Angebote gegebenenfalls in Form von Selektivverträgen anbietet oder über die Kliniken, die entsprechende Angebote oft als Nachsorgemaßnahme anbieten“, so Berking.

Kein Ersatz für Therapeuten

Er stellt auch klar, dass Apps oder Pocket Coaches kein gleichwertiger Ersatz für eine ambulante oder stationäre Therapie seien. „Die Anleitung, Betreuung und nicht zuletzt die Motivation durch den Therapeuten ist notwendig. Mit Apps ohne persönliche Anleitung wird meist nicht intensiv genug an den Veränderungsprozessen gearbeitet“, sagt Berking.

In der Therapie selbst sei das anders, da wolle man auch den Erwartungen des Therapeuten entsprechen und bleibe deshalb „dran“. Seien Apps hingegen vollautomatisiert – also beispielsweise reine Stimmungstagebücher – würden Nutzer die Intervention auch schnell wieder abbrechen.

Mental Health Apps sollten immer mit einer Betreuung verbunden sein, sagt Berking. „Entweder über den persönlichen Kontakt mit dem Therapeuten oder mit einem I-Coach.“ Dabei sei auch denkbar, dass es sich dabei um einen Therapeuten in Ausbildung handele.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....