Umfrage unter Kardiologen: Wie Burnout entsteht, was dagegen helfen könnte – und was sich am Arbeitsplatz ändern muss

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

1. September 2021

Eine Umfrage bei US-Kardiologen hat gezeigt, dass rund ein Viertel von ihnen unter Burnout und die Hälfte zumindest unter Stress leiden. Lediglich das verbleibende Viertel empfindet Freude an der Arbeitssituation [1].

Das sei in Deutschland ähnlich, meint Prof. Dr. Stephan Achenbach vom Universitätsklinikum Erlangen. Er ist Vorsitzender der European Society of Cardiology und Koautor eines Editorials im Global Heart Journal. Eine zunehmend empfundene Machtlosigkeit gegenüber der Arbeitssituation, die zu wenig Zeit für individuelle Therapie lasse, beeinträchtige die Behandlungsqualität und damit auch den Erfolg der klinischen Arbeit insgesamt, heißt es darin.

Belastung im Job: Das Problem ist bekannt

Zum Hintergrund: Verschiedene Umfragen kardiologischer Fachgesellschaften in den letzten Jahren haben nicht nur einen hohen Anteil von Burnout-Fällen unter Kardiologen zu Tage gefördert, sondern brachten auch Erkenntnisse über Hintergründe und Konsequenzen dieser Entwicklung. Beruflich bedingter Burnout wurde dabei als emotionale Erschöpfung, Verlust persönlicher Empfindungen und das Gefühl eines persönlichen Ausgeliefertseins innerhalb eines als unbeeinflussbar empfundenen Arbeitsumfeldes definiert.

 
Insgesamt empfinden … zahlreiche Kardiologen die Klinik als eine Maschinerie, in der die Zwänge der Fallpauschalen die Berücksichtigung der persönlichen Bedürfnisse einzelner Patientenfälle erschwert. Prof. Dr. Stephan Achenbach
 

„Insgesamt empfinden gemäß der Umfragen zahlreiche Kardiologen die Klinik als eine Maschinerie, in der die Zwänge der Fallpauschalen die Berücksichtigung der persönlichen Bedürfnisse einzelner Patientenfälle erschwert“, erläutert Achenbach. „Dadurch leiden nicht nur Ärzte, sondern gegebenenfalls auch Patienten, was letztlich auch zu einer Reduzierung der Behandlungsqualität führen kann.“

Burnout-Trigger durch Clinical Well-Being entschärfen

Er definiert Clinical Well-Being als „Befriedigung in der klinischen Arbeit“. Zu dem Begriff gehört nicht nur die Abwesenheit von Burnout oder negativem Stress, sondern auch eine subjektiv empfundene Befriedigung durch selbstbestimmtes ärztliches Tun, Anerkennung im beruflichen Umfeld und durch Patienten sowie ein adäquates Honorar und ein Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit.

Nur wenn dieses Gesamtpaket gegeben sei, könnten optimale therapeutische Ergebnisse für kardiologischen Patienten in einem existierenden Kostenrahmen erzielt werden, schreiben das American College of Cardiology (ACC), die American Heart Association (AHA), die European Society of Cardiology (ESC) und die World Heart Federation (WHF).

Zu dieser Thematik haben sowohl die US-amerikanischen als auch die europäischen kardiologischen Gesellschaften in letzter Zeit mehrere Befragungen durchgeführt. Insgesamt liegen Ergebnisse von über 6.000 ihrer Mitglieder vor, die 2020 bei der Professionalism and Ethics Conference der ACC/AHA diskutiert wurden – und jetzt Teil des Editorials geworden sind.

 
Gerade Kolleginnen und Kollegen aus der mittleren Ebene fühlen sich oft überfordert von dem hohen Patientendurchsatz und engen Fallpauschalen in der Kardiologie, die durch Zeit- und Kostenzwänge entstehen. Prof. Dr. Stephan Achenbach
 

Zu einem Burnout können demnach Arbeitsüberlastung und überhöhte Anforderungen, mangelnde Effizienz, Ressourcen und Anerkennung, fehlende Kontrolle über Arbeitsaufkommen und Freizeitausgleich, sowie Missachtung persönlicher Werte und Bedürfnisse bei der Behandlung von Patienten führen. Insbesondere bei Kardiologinnen kommen oft noch fehlende Karrierechancen dazu.

„Gerade Kolleginnen und Kollegen aus der mittleren Ebene fühlen sich oft überfordert von dem hohen Patientendurchsatz und engen Fallpauschalen in der Kardiologie, die durch Zeit- und Kostenzwänge entstehen“, bestätigt Achenbach. „Sie fühlen sich dadurch nicht mehr als kompetente Akteure mit Handlungsspielraum für die Patienten“.

Der medizinische Erfolg muss über dem finanziellen Benefit stehen

Eine hohe Arbeitsbelastung allein führt aber nicht zwangsläufig zum Burnout, solange andere Aspekte eines Clinician Well-Beings in genügendem Maß vorhanden sind. Somit gehe es bei allen anfallenden therapeutischen Herausforderungen darum, diese in Einklang mit den Bedürfnissen von Ärzten und Patienten zu organisieren.

Das Ziel wäre, ein mentales Well-Being der Beteiligten zu erreichen, das die hohe Arbeitsbelastung in positivem Sinne ausgleichen und somit einem Burnout entgegenwirken könne, fordern Vertreter aller 4 kardiologischen Gesellschaften in ihrem Editorial.

Ein möglicher Mehraufwand für diese veränderte Organisation in den kardiologischen Strukturen könnte ausgeglichen werden durch die Einsparung der mit Burnout verbundenen Mehrkosten, argumentieren die Autoren.

Fehler durch Burnout gehen zu Lasten des Therapieerfolgs

„Burnout führt zu Fehlern bei der Therapie oder zu personellen Fehlzeiten, die neben medizinischen Problemen auch finanzielle Probleme entstehen lassen“, führt Achenbach weiter aus. „Somit könnten durch Vermeidung von organisatorischen Praktiken, die erwiesenermaßen ein Burnout begünstigen können, andererseits auch Kosten eingespart werden. Insgesamt würden davon also sowohl die Behandlungen als auch die Zufriedenheit von Behandelnden, Pflegenden und den Patienten profitieren.“

Kardiologische Fachgesellschaften in Europa und USA nehmen diese Problematik sehr ernst. Sie wollen sich künftig für Maßnahmen zur Verbesserung der Situation einsetzen. Explizit beziehen sie sich in ihrem Editorial, das sie als Aufruf verstanden wissen wollen, auf eine Verringerung der administrativen und organisatorischen Aufgaben für Kardiologen sowie eine Entstigmatisierung der Burnout-Problematik. Dazu streben sie auch die Zusammenarbeit mit weiteren ärztlichen Fachrichtungen an.

 

Kommentar

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