Über 900 EKGs in einem Jahr: Wie eine Frau mit ihrer Smartwatch zur Hypochonderin wurde

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

30. August 2021

Smartwatches und Fitness-Armbänder, mit denen unter anderem der Puls und der kardiale Rhythmus kontrolliert werden, mögen einige positive Effekte auf die Gesundheit ihrer Träger haben. Sie können aber auch schaden, wie die Krankengeschichte einer 70-jährigen Frau zeigt. Dr. Lindsey Rosman von der UNC School of Medicine, Chapel Hill, hat darüber zusammen mit Kollegen im Cardiovascular Digital Health Journalberichtet [1].

Patientin mit Vorhofflimmern entwickelt eine Hypochondrie

Bei der Patientin wurde 1 Jahr nach der Diagnose von paroxysmalem Vorhofflimmern eine Hypochondrie diagnostiziert. Diese sei in erster Linie durch extrem häufige EKG-Untersuchungen mit einer handelsüblichen Smartwatch ausgelöst worden, berichten Rosman und Kollegen. Hinweise auf eine frühere psychische Erkrankung seien in den Krankenunterlagen der Frau nicht gefunden worden. Dokumentiert waren Bluthochdruck und ein mäßiges Schlaganfall-Risiko mit einem CHA2DS2-VASc-Score 3 (Therapie: Antihypertensiva und orale Antikoagulation).

Hypochondrische „Kontrollsucht“

Die von der Patientin vorgelegten Smartwatch-Daten zeigten, dass sie innerhalb eines Jahres 916 Elektrokardiogramme durchgeführt hatte. Von diesen EKG-Aufzeichnungen zeigten 701 einen Sinusrhythmus; 55 wiesen auf ein mögliches Vorhofflimmern hin, 30 zeigten eine niedrige oder hohe Herzfrequenz; 130 EKG-Untersuchungen lieferten keine klaren Befunde oder Hinweise. 

Aus den Smartwatch-Daten ging zudem hervor, dass EKGs im Laufe des Jahres immer häufiger aufgenommen worden sind. Akute Eskalationen im EKG-Kontrollverhalten wurden häufig durch Benachrichtigungen der Smartwatch ausgelöst, die entweder harmlos (z. B. vorübergehende trainingsbedingte Frequenz-Zunahme) oder nicht schlüssig waren bzw. allenfalls auf mögliches Vorhofflimmern hinwiesen. Vor allem Meldungen über einen unregelmäßigen Rhythmus und Befunde von unklarer Bedeutung („nicht eindeutiges“ EKG) riefen nach Angaben der Kardiologen ein solches, relativ ähnliches Verhalten hervor; dies lasse vermuten, dass die Patientin unklare Smartwatch-Daten als tatsächliche Gesundheitsbedrohung fehlinterpretiert habe.

Angeblich kein seltenes Phänomen

Diese 70-jährige Patientin sei keine Ausnahme, sagt Rosman. Sie sei nur ein Beispiel für ein Phänomen, das zunehmend beobachtet werde. „Patienten mit Herzrhythmusstörungen, Herzklopfen oder unregelmäßigem Herzschlag kommen mit Stapeln von Papieren und Daten von ihren Smartwatches in die Klinik“, weiß sie zu berichten. 

Die Tools seien ein großartiges Hilfsmittel in der Kardiologie; sie könnten bei der Aufklärung der Patienten helfen, die Patienten stärker in die Therapie einbinden und zudem eine Fülle von Daten für die Forschung liefern. „Wearables sind fantastisch“, sagt Rosman. Dennoch würden sie einigen Patienten mehr schaden als nützen, indem sie Ängste auslösten und aufrechterhielten.

Ein Problem sei auch die große, von Ärzten kaum zu bewältigende Menge an Daten, die Patienten generierten, wenn sie ständig ihren Herzrhythmus überprüften. Auch die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten könne dadurch belastet werden: Denn manche Patienten könnten den Eindruck gewinnen, ihr Arzt kümmere sich nicht ausreichend oder ziehe keine Konsequenzen aus den vorgelegten Smartwatch-Daten.

Die Möglichkeit, dass jemand während der Nutzung von Wearables eine Hypochondrie entwickelt, schmälert allerdings nicht den potenziellen Nutzen. Es sei aber ein Problem, das Ärzte, Hersteller und andere Beteiligte berücksichtigen sollten, schreiben die Autoren. Notwendig sei eine gute Aufklärung der Patienten darüber, wie sie ihre Geräte verwenden und wie sie die Daten interpretieren sollten. 

Ein Ziel und ein Versprechen: Schlaganfall-Prävention

Smartwatches, mit denen vor allem Puls und Herzfrequenz-Variabilität bestimmt werden, gibt es schon seit Jahren. Genutzt werden sie vor allem von Sportlern, Hochleistungs- wie auch Freizeitsportlern. Inzwischen können manche dieser „intelligenten“ Uhren auch 1‑Kanal-Elektrokardiogramme aufzeichnen; am bekanntesten dürfte die iWatch des US-Unternehmens Apple sein. 

Solche Smartwatches mit EKG-Funktion könnten für das Screening auf asymptomatisches Vorhofflimmern genutzt werden. Ziel sei, solche Patienten frühzeitig mit einer dauerhaften oralen Antikoagulation vor einem Schlaganfall zu schützen, erläutert ein Autorenteam um den Berliner Kardiologen Prof. Dr. Wilhelm Haverkamp (Campus Virchow- Klinikum, Charité) in einem aktuellen Beitrag. Doch können diese Uhren dies tatsächlich leisten oder handelt es sich überwiegend um Marketing-Versprechen?

Was bringt die Technik wirklich? 

EKG-fähige Smartwatches seien, wie Haverkamp und Kollegen erklären, mit Apps ausgestattet, die es ermöglichten, Vorhofflimmern automatisch zu diagnostizieren. Andere Rhythmusstörungen würden nicht erkannt. Die bislang zur Validierung verfügbaren Daten reichen den Kardiologen zufolge jedoch für eine endgültige Bewertung der diagnostischen Wertigkeit unter Real-World-Bedingungen nicht aus.

Wilhelm Haverkamp und seine Kollegen haben daher „im Vorfeld zu erwartender Studienergebnisse“ die Algorithmen und Arbeitsweisen EKG-fähiger Smartwatches analysiert. Grundlage waren im Rahmen von Zulassungsverfahren und Marketing-Maßnahmen öffentlich gemachten Informationen zur EKG-Funktion von Smartwatches. An diese Daten heranzukommen habe sich allerdings als teilweise sehr aufwendig erwiesen, schreiben die Autoren. Sie fordern daher, „Standards zu schaffen, die es Ärzten erlauben, neue Techniken (die als Medizinprodukte zugelassen sind) unter medizinischen Gesichtspunkten realistisch bewerten zu können“.

Hohe Sensitivität und Spezifität – in Studien

Was können nun die verfügbaren Smartwatches leisten? Vorhofflimmern wird nach Angaben der Autoren von den EKG-fähigen Smartwatches mit einer Sensitivität und Spezifität von rund 95% erkannt. Hierbei sei allerdings zu beachten, dass die Untersuchungen zur diagnostischen Genauigkeit der Uhren unter „sehr standardisierten Bedingungen“ stattgefunden hätten. Außerdem seien 10 bis 20% der mit einer Smartwatch registrierten EKGs nicht auszuwerten. Im Alltag dürfte die diagnostische Genauigkeit der Uhren demnach geringer sein. Zudem werde Vorhofflimmern mit einer Kammerfrequenz unterhalb von 50/min von keiner der Smartwatches erkannt. Außerdem sei die Genauigkeit des Algorithmus bei Kammerfrequenzen von über 100/min deutlich niedriger als bei einer geringeren Kammerfrequenz (98,3% versus 83%), betonen Haverkamp und Kollegen.

Wie bei allen EKG-Verfahren gebe es, so ein Fazit der Autoren, auch bei den EKG-fähigen Smartwatches in der Diagnostik von Vorhofflimmern Lücken. Diese sollten dem Anwender und dem Auswerter von Smartwatch-EKGs bekannt sein. Eine Konsequenz sei zum Beispiel, dass bei EKG-Dokumentationen mit hohen Frequenzen vermehrt mit falsch-negativen Befunden gerechnet werden müsse. Die Kardiologen vermuten, dass die diagnostische Genauigkeit mit KI verbessert werden könne.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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