Erneut über 1.000 Intensivpatienten; mehr Hospitalisierungen mit Delta; US-Geheimdienste zum Ursprung von SARS-CoV-2

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

30. August 2021

Update vom 30. August 2021

Erneut ist die 7-Tages-Inzidenz angestiegen. Wie das RKI heute früh berichtet hat, liegt der Wert aktuell bei 75,8 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Am Vortag nannte das Institut noch 74,1, und vor einer Woche 56,4. Gesundheitsämter haben innerhalb der letzten 24 Stunden 4.559 Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 gemeldet (Vorwoche: 3.668 Fälle). 10 Patienten sind aufgrund von COVID-19 gestorben (Vorwoche 4 Todesfälle).

  • Benötigen wir eine impfkorrigierte Inzidenz?

  • DIVI-Register: Mehr als 1.000 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen

  • Studie bestätigt: Delta-Variante mit mehr Hospitalisierungen assoziiert

  • China blockt, Experten unsicher: Woher kam SARS-Cov2 denn nun?

Benötigen wir eine impfkorrigierte Inzidenz?

Die Diskussion um neue Parameter zur Messung der Pandemie-Gefahr nimmt weiter Fahrt auf. Dr. Anselm K. Gitt, Vorstand am Institut für Herzinfarktforschung und Leiter des COVID-19-Registers in Rheinland-Pfalz, fordert nun neue Richtgrößen für politische Entscheidungen. „Die Beschreibung der Infektionslage durch die Parameter der 7-Tage-Inzidenz ist heute anders zu bewerten als vor einem Jahr, als keinerlei Anteile der Bevölkerung einen Impfschutz hatten“, erklärte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Zu berücksichtigen sei dabei, dass mittlerweile in Deutschland 60,3 % der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft sind, und 65,0 % haben mindestens eine Dosis erhalten.

Das Festhalten an der allgemeinen bevölkerungsweiten Inzidenz unterschätze die aktuell gefährliche Infektionslage, meint Gitt. Denn es seien ja vor allem die Ungeimpften, unter denen sich die Infektion weiter ausbreite. Die Geimpften fließen aber in die Berechnung der Inzidenz ebenso ein wie die Ungeimpften. Er schlägt einen impf-korrigierten Inzidenzwert vor. „Im Mittel wäre damit die 7-Tage-Inzidenz dann für die gesamte Bundesrepublik um mehr als den Faktor 2 höher“, sagt Gitt. Und dieser impfkorrigierte Wert liege derzeit in 11 von 16 Bundesländern weit über 100 und in Nordrhein-Westfalen sogar bei 277.

Gleichzeitig warnt der Experte davor, sich allzu stark auf die Hospitalisierungsquoten zu verlassen. Denn die Hospitalisierung bzw. die Behandlung auf Intensivstationen hinke der eigentlichen Pandemie-Entwicklung ja bekanntlich einige Zeit hinterher – und es vergehe wertvolle Zeit, die für Maßnahmen genutzt werden könne.

DIVI-Register: Mehr als 1.000 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen

Wo stehen wir derzeit tatsächlich bei den schweren Verläufen von COVID-19? Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat in ihrem Intensivregister am 29. August 2021 genau 1.008 COVID-19-Patienten erfasst, die intensivmedizinisch versorgt werden. Zuletzt war ein Wert von 1.000 am 18. Juni 2021 gemeldet worden. Von den aktuell gelisteten werden 485 (48%) invasiv beatmet; 7 mehr als am Vortag.

Im Low-Care-Bereich sind 12.513 Behandlungsplätze belegt und 1.049 frei. 5.791 Patienten werden in High-Care-Units versorgt; 2.718 Plätze stehen noch zur Verfügung. Weitere 242 Patienten benötigen eine extrakorporale Membranoxygenierung. Hier gibt es noch 426 vakante Einheiten.

Studie bestätigt: Delta-Variante mit mehr Hospitalisierungen assoziiert

Die steigenden Zahlen an Intensivpatienten haben möglicherweise auch mit der Ausbreitung der Delta-Variante zu tun. Denn Klinikeinweisungen sind bei Infektion mit Delta deutlich häufiger. Dies bestätigt nun eine Studie von britischen Forschern im Journal Lancet Infectious Diseases . Ihre Daten kamen aus einem Surveillance-System von Public Health England. In die Analyse flossen Informationen von 43.338 COVID-19-positiven Patienten (8.682 mit der Delta-Variante, 34 656 mit der Alpha-Variante) ein. Die Patienten waren im Median 31 Jahre alt.

  • 196 Patienten (2,3%) mit der Delta-Variante gegenüber 764 Patienten (2,2%) mit der Alpha-Variante wurden innerhalb von 14 Tagen nach der Probenentnahme stationär versorgt.

  • 498 Patienten (5,7%) mit der Delta-Variante im Vergleich zu 1.448 Patienten (4,2%) mit der Alpha-Variante wurden innerhalb von 14 Tagen ins Krankenhaus oder in die Notaufnahme gebracht.

  • Die meisten Patienten waren ungeimpft (32.078 [74,0%] in beiden Gruppen).

Das Risiko, innerhalb von 14 Tagen nach dem positiven Test eine Notaufnahme aufsuchen oder stationär aufgenommen werden zu müssen, sei bei Infektion mit der Delta-Variante 1,45-fach höher als bei Alpha, resümieren die Autoren.

China blockt, Experten unsicher: Woher kam SARS-Cov2 denn nun?

Bis heute rätseln Wissenschaftler, wo SARS-CoV-2 seinen Ursprung genommen hat. In China vorkommende Fledermausarten sind bekannte Träger unzähliger Viren, doch ließ sich die Grenze zum Menschen tatsächlich so leicht überspringen?

US-Präsident Joe Biden hatte im Mai US-amerikanische Geheimdienste damit beauftragt, der Sache nachzugehen und aufzuklären, wo SARS-CoV2 tatsächlich herkommt. Nun liegt der öffentliche Abschlussbericht vor. Darin werden jetzt mehrere – wie es heißt – „plausible Hypothesen“ zusammengefasst oder Vermutungen ausgeschlossen. In der Zusammenfassung:

  • SARS-CoV-2 wurde nicht als biologische Waffe entwickelt.

  • Chinesische Behörden wussten vor dem Ausbruch nichts über die Existenz des Virus.

  • Das neuartige Coronavirus könnte vom Tier auf den Menschen übertragen worden sein.

  • Die Geheimdienste halten aber auch – bei dürftiger Beweislage – einen Laborunfall zumindest für denkbar.

Update vom 27. August 2021

Heute Vormittag hat das RKI 12.029 Neuinfektionen gemeldet; vor einer Woche hatten sich 9.280 Menschen neu angesteckt. Die 7-Tage-Inzidenz ist ebenfalls angestiegen, auf 70,3 Fälle pro 100.000 Einwohner. In der Vorwoche lag der Wert noch bei 48,8. Und innerhalb der letzten 24 Stunden sind weitere 14 Patienten aufgrund von COVID-19 gestorben (Vorwoche: 13). 

  • Mehr Infektionen in mittleren Altersgruppen

  • Einschränkungen für nicht Geimpfte und nicht Genesene

  • No-COVID: Australien und Neuseelands Strategie ist gescheitert 

  • Weltärztebund fordert Impfpflicht

  • Legt Deutschland weitere Impfstoffvorräte an?

  • Jeder 2. COVID-19-Patient hat Langzeitfolgen 

Mehr Infektionen in mittleren Altersgruppen

Laut RKI-Wochenbericht vom 26. August 2021 infizieren sich derzeit vor allem mittlere Altersgruppen. Bei den 5- bis 34-Jährigen lag die 7-Tage-Inzizenz bei 115 Fällen pro 100.000 Einwohner. Das ist doppelt so viel wie in der Gesamtbevölkerung, nämlich 66 am Tag des Berichts. Unter den 35- bis 50-Jährigen rangierte sie bei bis zu 75. 

Einschränkungen für nicht geimpfte und nicht Genesene

Deutschland setzt für den Herbst verstärkt auf die „2G-Regel“. Hamburg hat sich beispielswiese entschlossen, Freizeitangebote nur noch für Genesene oder Geimpfte zu öffnen. Auch Baden-Württembergs Landesregierung verfolgt solche Pläne. Vorgesehen ist, dass nicht Geimpfte ohne überstandene Infektion beispielsweise keine Restaurants, Kinos oder Theater mehr besuchen dürfen. Gleichzeitig wird die „2G-Gruppe“ kaum noch eingeschränkt. Sie kann an kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen wieder teilnehmen. 

No-COVID: Australien und Neuseelands Strategie ist gescheitert 

Andere Nationen sind unter Zugzwang geraten, ihre Planungen zu ändern. Lange Zeit galten Australien und Neuseeland als Musterbeispiele bei Pandemie-Maßnahmen. Sie haben rasch ihre Grenzen geschlossen und dann – scheinbar – von niedrigen Fallzahlen profitiert. 

Doch jetzt steht die No-COVID-Strategie vor dem Aus. Lockdowns werden verlängert, trotzdem steigen die Fallzahlen an. Es kam bereits zu gewalttätigen Ausschreitzungen gegen die Maßnahmen. 

Experten erklären die Entwicklung sowohl mit niedrigen Impfquoten als auch mit der kontagiöseren Delta-Variante. Anfang Juli waren in Australien lediglich 6,7% und in Neuseeland 9,8% der Bevölkerung vollständig geimpft. Mittlereile sind es 25% bzw. 22%. 

Weltärztebund fordert Impfpflicht

Vakzine sind zumindest in westlichen Industrienationen verfügbar, doch die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sinkt. Ein neuer Vorstoß kommt von Dr. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes. Eine Impfpflicht hält er für „sinnvoll und vernünftig“, vor allem, „wenn sich Menschen im größeren Maße der Impfung entziehen“, wie es aktuell in Deutschland der Fall sei. 

An der Politik kritisiert er, sie scheue sich aus Angst vor lautstarken Minderheiten, solche Entscheidungen zu fällen. Die Regierung habe sich sehr frühzeitig festgelegt, dass es „in Deutschland um keinen Preis der Welt eine Impfpflicht geben soll“. 

Jörn Ipsen, ehemaliger Präsident des Niedersächsischen Staatsgerichtshofes, hat hinsichtlich einer Impfpflicht kaum juristische Bedenken. Er spricht von einem „verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gesundheitsschutz“ mit dem Infektionsschutzgesetz als Rechtsgrundlage. 

„Es bedarf deshalb keines neuen Gesetzes, sondern nur einer Rechtsverordnung, die der Bundesgesundheitsminister erlassen könnte“, sagt Ipsen. Erforderlich sei die Zustimmung des Bundesrates. Doch warum geht beim Thema nichts voran? Ipsen spekuliert, die Politik fürchte, Impfgegner könnten die Bundestagswahl beeinflussen und sträube sich deshalb gegen Maßnahmen. Das sei jedoch „unverantwortlich und verfassungswidrig“. 

Legt Deutschland weitere Impfstoffvorräte an?

Apropos Vakzine: Laut Recherchen des ARD-Magazins  Kontraste  soll das Bundesgesundheitsministerium planen, 80 Millionen Impfstoffdosen einzulagern. Dabei soll es sich um Impfstoff von BioNTech/Pfizer und Moderna handeln. 

Scharfe Kritik kam von der Opposition. Janosch Dahmen von den Grünen bezeichnet die vermeintlichen Planungen als Ausdruck einer „angstgetriebenen und wenig vorausschauenden Politik“. Hinzu kommt, dass bis Jahresende ohnehin 100 Millionen Dosen verfügbar sein werden. 

Ein Ministeriumssprecher dementierte den Kontraste-Bericht umgehend. „Richtig ist, dass die Bundesregierung genug Impfstoff vorhalten wird, um Auffrischungsimpfungen zu ermöglichen“, sagte er. „Impfstoffdosen, die nicht benötigt werden, sollen aber – wie bisher auch schon – an andere Länder abgegeben werden.“

Jeder 2. COVID-19-Patient hat Langzeitfolgen 

Impfungen sind – und bleiben – der beste Schutz gegen schweres COVID-19. Neue Daten aus Wuhan zeigen, dass Long-COVID bei nahezu jedem 2. Patienten auftritt. 

Insgesamt wurden 1.733 von 2.469 entlassenen Patienten mit COVID-19 in die Studie aufgenommen. Das Durchschnittsalter lag bei 57 Jahren, und 897 (52%) waren Männer. Die Follow-up-Studie wurde vom 16. Juni bis zum 3. September 2020 durchgeführt, und die mediane Nachbeobachtungszeit nach Auftreten der Symptome betrug 186 Tage. 

Müdigkeit oder Muskelschwäche (63%) beziehungsweise Schlafprobleme (26%) waren die häufigsten Symptome. Angstzustände oder Depressionen wurden von 23% genannt. 

Der Anteil aller Patienten mit einer medianen 6-minütigen Gehstrecke unterhalb der Grenze des Normalbereichs betrug 24% bei Schweregrad 3, 22% bei Schweregrad 4 und 29 % bei Schweregrad 5-6. 

Nach 6 Monaten lag der Anteil der Patienten mit mindestens einem bleibenden Symptom bei 68% und nach 12 Monaten bei 49%.

 

Kommentar

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