Neue Daten aus Israel: Warum Impfungen mit mRNA-Vakzinen trotz diverser Risiken immer noch der beste Weg sind

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. August 2021

Wie sicher ist die Impfung mit dem neuen mRNA-Impfstoff? Neue Daten aus Israel veröffentlicht im NEJM geben Entwarnung. Dr. Noam Barda von der Harvard Medical School, Boston, und Kollegen fanden bei der landesweiten Impfkampagne in den meisten Fällen keine Assoziationen des BioNTech/Pfizer-Vakzins mit erhöhten Risiken [1]. Allerdings wird der Impfstoff mit zusätzlichen Myokarditis-Fällen in Verbindung gebracht. „Das Risiko für diese potenziell schwerwiegende Nebenwirkung und für viele andere schwerwiegende unerwünschte Ereignisse durch SARS-CoV-2-Infektionen ist jedoch deutlich höher“, schreiben die Forscher aufgrund entsprechender Vergleiche.

In einem begleitenden Editorial kommentiert Dr. Grace M. Lee von der Stanford University School of Medicine, USA, die Studie [2]: „Diskussionen über das Nutzen-Risiko-Verhältnis von SARS-CoV-2-Vakzinen konzentrieren sich häufig auf symptomatische Erkrankungen, auf Krankenhausaufenthalte, auf den Tod durch COVID-19 oder auf schwerwiegende unerwünschte Ereignisse nach der Impfung.“ Gerade bei unerwünschten Ereignissen fehle häufig aber ein Kontext.

 
Noch überzeugender an diesen Daten ist die beträchtliche Schutzwirkung der Impfstoffe in Bezug auf unerwünschte Ereignisse wie akute Nierenschäden, intrakranielle Blutungen und Anämien. Dr. Grace M. Lee
 

„Obwohl Risikoschätzungen in den Impf- und SARS-CoV-2-Gruppen aufgrund der Unterschiede in den Populationen nicht direkt vergleichbar waren (d. h. die Ereignisse wurden pro 100.000 geimpfte Personen bzw. pro 100.000 infizierte Personen bewertet), wurden diese Risiken jetzt in einen Kontext gestellt“, so Lee. Besonders wichtig sei dies bei der Myokarditis – einem unerwünschten Ereignis, das in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erhalten habe, jedoch nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 deutlich häufiger beobachtet werde.

„Noch überzeugender an diesen Daten ist die beträchtliche Schutzwirkung der Impfstoffe in Bezug auf unerwünschte Ereignisse wie akute Nierenschäden, intrakranielle Blutungen und Anämien“, ergänzt die Editorialistin. „Darüber hinaus schienen Personen mit einer SARS-CoV-2-Infektion ein wesentlich höheres Risiko für Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte, tiefe Venenthrombosen, Lungenembolien, Herzbeutelentzündungen, intrazerebrale Blutungen und Thrombozytopenien zu haben als diejenigen, die den BNT162b2-Impfstoff erhalten hatten.“

Offene Fragen aus Zulassungsstudien

Zwar haben Studien, die vor Zulassung des BioNTech/Pfizer-Impfstoffs durchgeführt worden sind, gezeigt, dass das Vakzin ein gutes Sicherheitsprofil aufweist. Doch solche Aussagen waren aufgrund der der Zahl an Probanden und aufgrund der eingeschlossenen Population limitiert.

Zur Bewertung der Sicherheit des BNT162b2-mRNA-Impfstoffs haben Barda und Kollegen jetzt Daten der größten israelischen Gesundheitseinrichtung verwendet. Für jedes potenzielle unerwünschte Ereignis wurden geimpfte und ungeimpfte Personen anhand soziodemografischer und klinischer Variablen in einer Population von Personen ohne vorherige Diagnose des Ereignisses individuell verglichen. Die Risikoverhältnisse und Risikodifferenzen wurden 42 Tage nach der Impfung ermittelt.

Um diese Ergebnisse in einen Kontext zu stellen, führten die Wissenschaftler eine ähnliche Analyse mit SARS-CoV-2-Infizierten durch und verglichen ihre Resultate mit nicht infizierten Personen. In allen Gruppen wurden die gleichen unerwünschten Ereignisse untersucht.

Daten von knapp 900.000 Personen ausgewertet

Insgesamt kamen 1.736.832 Personen für die Aufnahme in die 1. Kohorte für Impfanalysen infrage. Das mediane Alter betrug 43 Jahre. Die endgültige Größe der Studienpopulation unterschied sich für jede untersuchte Fragestellung aufgrund der für ein unerwünschtes Ereignis definierten Ausschlusskriterien. Im Durchschnitt waren je 884.828 Personen in der Gruppe mit geimpften und ungeimpften Teilnehmern.

Bardas Team berichtet über folgende Ergebnisse:

  • Myokarditis: Risikoverhältnis 3,24 (95%-Konfidenzintervall: 1,55 bis 12,44); Risikodifferenz 2,7 Ereignisse pro 100.000 Personen (95%-KI: 1,0 bis 4,6)

  • Lymphadenopathie: Risikoverhältnis 2,43 (95%-KI: 2,05 bis 2,78); 78,4 Ereignisse pro 100.000 Personen (95%-KI: 64,1 bis 89,3)

  • Appendizitis: Risikoverhältnis 1,40 (95%-KI: 1,02 bis 2,01); Risikodifferenz 5,0 Ereignisse pro 100.000 Personen (95%-KI: 0,3 bis 9,9)

  • Herpes-Zoster-Infektion: Risikoverhältnis 1,43 (95%-KI: 1,20 bis 1,73); Risikodifferenz 15,8 Ereignisse pro 100.000 Personen (95%-KI: 8,2 bis 24,2).

In die Kohorte 2 zur SARS-CoV-2-Infektionsanalyse konnten 233.392 Personen (medianes Alter 36 Jahre) aufgenommen werden. Auch hier schlossen die Autoren je nach Fragestellung Personen mit unterschiedlichen Vorerkrankungen aus. Im Durchschnitt wurden Daten von 173.106 SARS-CoV-2-positiven Menschen herangezogen. Die Kontrollgruppe bestand aus Daten von 173.106 Personen ohne entsprechende Infektion.

Die wichtigsten Resultate:

  • Myokarditis: Risikoverhältnis 18,28 (95%-KI: 3,95 bis 25,12); Risikodifferenz 11,0 Ereignisse pro 100 000 Personen (95%-KI, 5,6 bis 15,8)

  • Akute Nierenschädigung: Risikoverhältnis 14,83 (95 %-KI 9,24 bis 28,75); Risikodifferenz 125,4 Ereignisse pro 100.000 Personen (95 % KI 107,0 bis 142,6)

  • Lungenembolie: Risikoverhältnis 12,14 (95%-KI: 6,89 bis 29,20); Risikodifferenz 61,7 Ereignisse pro 100.000 Personen (95%-KI: 48,5 bis 75,4)

  • Intrakranielle Blutungen: Risikoverhältnis 6,89 (95%-KI: 1,90 bis 19,16); Risikodifferenz 7,6 Ereignisse pro 100.000 Personen (95%-KI: 2,7 bis 12,6)

  • Perikarditis: Risikoverhältnis 5,39 (95 %-KI: 2,22 bis 23,58); Risikodifferenz 10,9 Ereignisse pro 100.000 Personen (95 %-KI: 4,9 bis 16,9)

Methodische Einschränkungen der Studie

Lee betont im Editorial, solche Studien könnten „dazu beitragen, die Entscheidungsfindung über den Einsatz von COVID-19-Impfstoffen zu unterstützen“. Sie gibt aber auch zu bedenken: „Eine wesentliche Einschränkung dieser Studie ist das Fehlen von Risikoschätzungen nach Altersgruppe und Geschlecht.“ Weitere Limitationen seien fehlende Daten über Kinder beziehungsweise Jugendliche unter 16 Jahren.

 
Eine wesentliche Einschränkung dieser Studie ist das Fehlen von Risikoschätzungen nach Altersgruppe und Geschlecht. Dr. Grace M. Lee
 

Beispielsweise finde man Thrombosen mit dem Thrombozytopenie-Syndrom vorwiegend bei jungen, erwachsenen Frauen, die adenovirale Vektorimpfstoffe erhalten hätten. Zu Myokarditiden hingegen komme es vorwiegend bei männlichen Teenagern und jungen Männern in Zusammenhang mit mRNA-Impfstoffen. Genau solche alters- und geschlechtsspezifischen Vergleiche seien aber wichtig, um das Verständnis der Öffentlichkeit zu verbessern.  

„Das Nutzen-Risiko-Verhältnis sollte neu bewertet, verfeinert und kommuniziert werden, wenn sich die Krankheitslast ändert, wenn neue Varianten und Sicherheitssignale auftauchen und die Wirksamkeit der Impfstoffe nachlässt“, schreibt Lee. „Der Kontext ist wichtig, was bedeutet, dass wir … bereit sein müssen, ständig zu lernen und uns zu verändern.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....