Krankenkassen wollen Versorgung mit medizinischen Schuheinlagen auch online – Verbände warnen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

18. August 2021

Online liegt im Trend – offenbar auch bei medizinischen Schuheinlagen. In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisieren verschiedene Fachverbände und medizinische Fachgesellschaften, dass die beiden Krankenkassen TK und Barmer Verträge mit einem industriellen Anbieter von Einlagenversorgungen abgeschlossen haben, die online erstellt werden sollen [1]. Bei nicht fachgerechter Herstellung und Anwendung könne auch ein orthopädisches Hilfsmittel Gesundheitsschäden verursachen, warnen sie.

 
Online-Einlagen ohne die individuelle Druckabnahme, Herstellung, Anpassung und Abnahme durch Arzt und Orthopädie(schuh)-Techniker sind … nicht geeignet und gefährden den Behandlungserfolg. Autoren der Stellungnahme
 

„Die individuelle und fachlich versierte Betreuung durch Arzt und Orthopädie(schuh)-Techniker ist bei der Versorgung mit Hilfsmitteln zwingend erforderlich. Dies gilt auch und insbesondere bei der Versorgung von Fußproblemen mit Einlagen“, heißt es in der Stellungnahme.

„Online-Einlagen ohne die individuelle Druckabnahme, Herstellung, Anpassung und Abnahme durch Arzt und Orthopädie(schuh)-Techniker sind in dieser Hinsicht nicht geeignet und gefährden den Behandlungserfolg und den Patienten“, teilen der Beratungsausschuss der DGOOC für das Handwerk Ortopädieschuh-Technik, die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), die Deutsche Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung (DGIHV) und der Zentralverband für Orthopädieschuh-Technik (ZVOS) der Vereinigung Technische Orthopädie der DGOU mit.

Kassen berichten von steigendem Interesse an diesem Versorgungsweg

Seit dem 1. August läuft der Vertrag der Barmer mit der Firma craftsoles, bestätigt Thorsten Jakob, Sprecher der Krankenkasse, auf Nachfrage von Medscape. Die Zusammenarbeit ermögliche den Versicherten „alternativ zum traditionellen Weg eine innovative und digitale Versorgung mit hochwertigen, maßgefertigten orthopädischen Einlagen“, sagt Jakob. Das sei für viele interessant, weil sie ihre Einlagen zeitlich flexibel und bequem von zu Hause aus per Smartphone oder Computer bestellen können.

Die Einlagen würden von Orthopädie-Technikern von Hand in der hauseigenen Meisterwerkstatt des Innungsbetriebes „Sanitätshaus Meevo“ in Hamburg angefertigt. Es gelten alle im Hilfsmittelverzeichnis des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung festgelegten Qualitätsstandards, die Einlagen werden aus hochwertigem Material gefertigt und individuell abgestimmt. Unterschiede zu Einlagen, die im stationären Handel gefertigt und abgegeben werden, bestehen nicht, sagt Jakob.

Vor Vertragsabschluss habe die Barmer mit craftsoles ein Pilotprojekt mit Versicherten durchgeführt, die in der Vergangenheit bereits orthopädische Einlagen über die herkömmlichen Versorgungswege erhalten hatten. „Die Pilot-Teilnehmer waren durchweg zufrieden mit dem Ablauf der Versorgung und von der Qualität überzeugt“, berichtet Jakob.

Die Online-Bestellung läuft so, dass eine ärztliche Verordnung für Einlagen bei craftsoles hochgeladen werde, die Firma verschicke dann ein Vermessungsset an den Patienten. Damit könne ein entsprechender Maßabdruck abgegeben und gesendet werden. Die persönliche Beratung komme dabei nicht zu kurz, meint Jakob, die Mitarbeiter berieten die Patienten persönlich per Telefon, Live- oder Video-Chat.

„Die Kritik an unserem Vertrag seitens des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik überrascht umso mehr, da viele Betriebe im stationären Handel bereits ebenfalls ein Online-Bestellverfahren analog dem Verfahren von craftsoles anbieten“, sagt Jakob.

 
Die Kritik an unserem Vertrag seitens des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik überrascht umso mehr, da viele Betriebe im stationären Handel bereits ebenfalls ein Online-Bestellverfahren … anbieten. Thorsten Jakob
 

Einen vergleichbaren Vertrag gibt es mit der TK noch nicht. Wie TK-Sprecher M ichael Ihly erklärt, habe die TK im europaweiten Vergabeportal TED und der Fachzeitschrift mtd öffentlich bekannt gegeben, „dass wir Interesse an solchen online-basierten Versorgungen im Bereich der medizinischen Schuheinlagen haben. Sowohl potenzielle Vertragspartner als auch Verbände werden in der Veröffentlichung dazu aufgefordert, Angebote und Konzepte einzureichen“, berichtet Ihly.

Er sagt, dass man sowohl aus dem Kreis der TK-Versicherten als auch von Seiten der Leistungserbringer ein steigendes Interesse an diesem zusätzlichen Versorgungsweg verzeichne. Die Bekanntmachung diene dazu, „die Machbarkeit und Grenzen der neuen technischen Möglichkeiten auszuloten“.

Die vorgesehene Vereinbarung solle die bestehenden Versorgungsverträge nicht ersetzen, sondern einen zusätzlichen Versorgungsweg darstellen. Die eingereichten Konzepte würden sorgfältig geprüft. „Der Umfang und die Umsetzung des neuen Angebots sind derzeit noch offen“, sagt Ihly.

Von Patienten selbst durchgeführte Fußabdrücke sind hoch fehleranfällig

Die Verbände und Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass zur sachgerechten Hilfsmittelversorgung die genaue Anamnese und Untersuchung des Patienten durch den verordnenden Arzt und auch den Techniker notwendig sei. Auf Basis dieser Informationen erfolge die Festlegung des zu korrigierenden funktionellen Defizites, die Auswahl des geeigneten Maß- und Modellverfahrens, die handwerkliche Herstellung sowie Abgabe und Kontrolle des Hilfsmittels. „Nur so lassen sich die therapeutischen Möglichkeiten von Einlagen ausschöpfen und Gesundheitsschäden vermeiden“, schreiben die Autoren.

 
Der Umfang und die Umsetzung des neuen Angebots sind derzeit noch offen. Michael Ihly
 

Ein Versorgungsweg ohne die individuelle Anpassung und Kontrolle eines Orthopädie(schuh)-Technikers führe zu einem erheblichen Risiko für die Patientensicherheit. Das beginne schon bei der Erfassung der Fußdaten. Sämtliche in der PG 08 aufgeführten Verfahren zur Erfassung der Fußdaten seien in der Abnahme durch Laien hoch fehleranfällig; sie müssten von Fachleuten durchgeführt werden.

Teilweise sei es gar nicht möglich, dass ein Patient bei sich selbst die Messungen durchführe (z.B. Form-Abdrucknahme in korrigierter Fußstellung), teilweise bedürfe es elektronischer Geräte, die nur von Fachleuten bedient werden sollten, um verlässliche Ergebnisse daraus ableiten zu können.

 
Die Fehler, die bei der laienhaften Durchführung des Fußabdruckes entstehen, sind im Nachhinein meist nicht korrigierbar und führen dabei unweigerlich zu schlechten Versorgungen. Autoren der Stellungnahme
 

„Die Fehler, die bei der laienhaften Durchführung des Fußabdruckes entstehen, sind im Nachhinein aber meist nicht korrigierbar und führen dabei unweigerlich zu schlechten Versorgungen“, heißt es in der Stellungnahme. Das könne von ausbleibenden therapeutischen Effekten bis hin zu Verschlimmerungen der Beschwerden, sekundären Beschwerden und zu Rupturen führen.

Versorgung von Hochrisikopatienten ist „völlig inakzeptabel“

Neben den Inspektions-, Palpations- und Funktionstests durch den Orthopädietechniker sei die Abgabe des Hilfsmittels mit individueller Prüfung des Therapieerfolgs ein weiterer wichtiger Bestandteil der Versorgung. Die Überprüfung der korrekten Adressierung des Funktionsdefizites oder der Fehlform, die Kontrolle der Passform bei der Abgabe, das Einpassen in das Patienten-individuelle Schuhwerk, die Kontrolle von Passform und genügendem Platz für den Fuß im Schuh, einschließlich z.B. einer Gangbildkontrolle könne ein Laie nicht durchführen.

Bei der Online-Versorgung entfalle zudem die Möglichkeit einer direkten Korrektur des Hilfsmittels durch den Techniker, dies führe zu einer wesentlichen Verschlechterung der bisherigen Versorgungspraxis.

Als „völlig inakzeptabel und jeder nationalen und internationalen Leitlinie widersprechend“ bezeichnen die Autoren der Stellungnahme eine Versorgung bei Hochrisikopatienten, z.B. bei Diabetikern, ohne die Anwesenheit eines überwachenden Orthopädie(schuh)-Technikers. Denn dabei handele es sich immer um Patienten mit einem extrem hohen Risiko für eine Ulzeration bzw. ggf. folgende Amputation. Die Leistungsbeschreibungen für diese Versorgungsart in der PG 31 verböten zu Recht eine „Orthopädiehandwerker-lose“ Versorgung.

 

Kommentar

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