Gesundheitsministerium erwartet zehntausend Hitzetote – Hitzeaktionspläne fehlen aber noch

Presseagentur Gesundheit (pag)

Interessenkonflikte

16. August 2021

Die zunehmende Wärmebelastung bringt neue Gesundheitsgefahren, dessen ist man sich im Bundesgesundheitsministerium (BMG) bewusst. Entsprechende Maßnahmen kommen jedoch nur langsam in Gang.

Während der extremen Hitzeperiode im vergangenen August sind 4.000 Menschen hitzeassoziiert gestorben. Die Bundesregierung erwartet, dass die Zahl der Hitzetoten am Ende des Jahrhunderts in der Größenordnung von 10.000 bis 20.000 Menschen pro Jahr liegen könnte. Das geht aus den Antworten des BMG auf Anfragen des Grünen-Abgeordneten Dr. Anton Hofreiter hervor.

Eine genaue Ermittlung der Hitzetoten der vergangenen Jahre sei bisher noch nicht möglich gewesen, da die entsprechenden Daten auf Bundesebene erst mit einer Verzögerung von 2 Jahren zur Verfügung stünden. Pandemiebedingt werden mittlerweile aber vorläufige Sterbezahlen durch das Statistische Bundesamt veröffentlicht. Auf deren Basis erstellt das Robert Koch-Institut (RKI) derzeit eine Schätzung der hitzebedingten Mortalität, die „in Kürze“ veröffentlicht werden soll.

Außerdem soll ab November eine Mortalitätssurveillance beim RKI starten. „Dadurch wird es zukünftig möglich sein, die Auswirkungen von Hitzewellen auf die Mortalität zeitnah zu ermitteln und eine regelmäßige Berichterstattung durchzuführen.“

Deutschland ist für Hitzewellen noch nicht gut gerüstet

In Hitzesommern müsse mit 5000 bis 10 000 zusätzlichen Sterbefällen in Deutschland gerechnet werden, sagt Dr. Martin Herrmann, Vorstand und Sprecher der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). „Hitzewellen bedeuten, dass Hunderttausende Patienten und Menschen in Risikogruppen massive Symptome aufweisen und Millionen von Menschen in ihrer Arbeitsfähigkeit und in ihrem Wohlbefinden deutlich beeinträchtigt sind“, fügt Herrmann hinzu.

KLUG sieht Deutschland für Hitzewellen noch nicht gut gerüstet. Mit dem unlängst organisierten Online-Symposium „Hitze – das unterschätzte Risiko“ weist die Initiative noch einmal nachdrücklich auf den dringenden Handlungsbedarf hin und informiert über wichtige Aspekte von Hitzewellen.

Wie stark schon eine Temperatur von 30 Grad C. die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, machte Prof. Dr. Hans-Christian Gunga vom Zentrum für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Berliner Charité deutlich: „Wenn man sich bei 30 Grad Celsius draußen bewegt und nur eine leichte körperliche Arbeit verrichtet, dann ist aufgrund der hohen Temperatur die Arbeitsfähigkeit bereits um 50% eingeschränkt”.

Gehe man von einem globalen Temperaturanstieg von 2 Grad C aus, „dann werden wir ganze Regionen auf der Erde haben, in denen die Menschen nicht mehr arbeiten können – aufgrund der Klimabedingungen. Das wird in vielen Bereichen zu gesellschaftlichen Veränderungen führen bis hin zu Migration aus diesen Gebieten”, stellte Gunga klar.

Dr. Uta Liebers vom Institut für Physiologie an der Charité erinnerte an die große Hitzewelle 2003, die vor allem in Frankreich viele Todesopfer gefordert hatte: „1000 Tote am Tag – das sind ähnliche Dimensionen, wie wir sie in der COVID-19-Pandemie hatten“. Liebers betonte, dass die Zahl der Menschen die hitzeexponiert sein werden, dramatisch zunehme.
 

Wobei es in den Städten mit dem Urban Heat Island-Effekt eine ganz besondere Gefährdung gibt. Die Innenstädte heizen sich deutlich mehr auf als das Umland, der Unterschied kann zwischen 5 und 10 Grad Celsius liegen. „Der Effekt ist abhängig von der Größe der Stadt, hinzu kommt die Konzentration von Luftschadstoffen im Stadtzentrum durch Abgase, auch durch die Klimatisierung der dortigen Gebäude.

In Berlin erwarten wir bis 2030 eine Verdopplung des Anteils von 80-Jährigen dh. die Vulnerabilität gegenüber Hitze steigt. Wer älter ist, kann an Hitze nicht mehr so gut adaptieren, hinzu kommen Vorerkrankungen und die Medikation”, erklärt Liebers.

Bereits 2013 hatten Berliner Forscher nachgewiesen, dass ca. 5% aller Todesfälle in Berlin in den Jahren von 2001 bis 2010 statistisch mit erhöhten Lufttemperaturen korreliert sind. Die betroffenen Personen sind meist 65 Jahre oder älter, während der Zusammenhang zwischen erhöhten Lufttemperaturen und Mortalität bei jüngeren Personen statistisch nur schwach ausgeprägt ist.

Hitzeaktionsplan in Köln – Blaupause für andere Städte?

PD Dr. Hans-Guido Mücke vom Umweltbundesamt wies darauf hin, dass in Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts mit 3 bis 4 Hitzewellen pro Jahr gerechnet werden müsse. Wie sich Städte darauf vorbereiten können führte Mücke am Beispiel Köln aus:

Basierend auf den 2018 veröffentlichten Bund/Länder-Handlungsempfehlungen für Hitzeaktionspläne ist in Köln am 1. Januar 2019 das Pilotprojekt Hitzeaktionsplan Köln gestartet. Befragungen von 258 selbständig lebenden Senioren ergaben, dass sich 75 bis 80% als mittelmäßig oder deutlich durch Hitze belastet einstufen.

Die wahrgenommene Hitzebelastung korrelierte dabei signifikant mit dem gesundheitlichen Zustand und den sozioökonomischen Parametern, nicht signifikant hingegen mit der thermischen Belastung des Stadtquartiers. Zu den selbstberichteten Hitzesymptomen gehörten vor allem Müdigkeit, Schlafprobleme, Schwitzen, Durst, Konzentrationsprobleme, Schwindel und Kopfschmerzen.

Die Hitzebelastung für Mitarbeiter und Bewohner von 33 in das Projekt aufgenommenen Seniorenheimen wird als mittelmäßig bis stark eingeschätzt. Längst nicht alle Einrichtungen, sondern nur 72% der Seniorenheime, erhalten Hitzewarnungen. 70% erhalten Warnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und 85% der Einrichtungen haben einen schriftlichen Handlungsplan für heiße Tage erstellt.

Die Heimleitungen gaben Lüften und Verschatten der Seniorenzimmer, Trinkprotokolle, Anpassung des Speiseplans,

Anpassung der Medikamente durch den Hausarzt (50%) als Maßnahmen gegen Hitzewellen an, 78% der Einrichtungen verfügen über keine klimatisierten Aufenthaltsräume.

Bislang gab es 3 Workshops mit Seniorenvertretungen, Sozialvertretungen und Gesundheitseinrichtungen, der Feuerwehr und den Verkehrsbetrieben, weitere Treffen mit Krankenkassen, Verbänden und Ärztevertretern werden folgen. Ein Maßnahmenkatalog – Grundlage dazu ist der Hitzeknigge des UBA - werde erarbeitet, auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Städten zum Aufbau eines Hitzeaktionsplans-Netzwerkes (HAP-Netzwerk) laufe. „Die Stadt Köln will jetzt einen Ratsbeschluss erwirken, der dazu führen soll, dass die Aktivitäten der 3 Projekt-Jahre verstetigt werden”, schloss Mücke.

 
Die durch den Klimawandel steigende Wärmebelastung für den Menschen und die in Dauer und Häufigkeit zunehmenden Hitzewellen können unterschiedliche Gesundheitsbelastungen hervorrufen. Bundesgesundheitsministerium
 

Im BMG weiß man: „Die durch den Klimawandel steigende Wärmebelastung für den Menschen und die in Dauer und Häufigkeit zunehmenden Hitzewellen können unterschiedliche Gesundheitsbelastungen hervorrufen.“

Insbesondere das Atemwegs- und Herzkreislaufsystem würden in Mitleidenschaft gezogen und könnten zu hitzebedingten Erkrankungen wie Hitzschlag führen.

„Vulnerable Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen über 65 Jahre, pflegebedürftige Personen, Menschen mit Vorerkrankungen oder Babys und Kleinkinder sind durch eine steigende Hitzebelastung besonders gefährdet.“

Die Zahl der Hitzetoten kann laut BMG durch Anpassungsmaßnahmen reduziert werden, zum Beispiel im Rahmen von Hitzeaktionsplänen. Diese sollen die Bundesländer innerhalb von 5 Jahren erstellen, das hat die Gesundheitsministerkonferenz im vergangenen September beschlossen. Als Grundlage sollen die Bund-Länder-Handlungsempfehlungen aus dem Jahr 2017 dienen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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