STIKO-Empfehlung: Corona-Impfung nun für alle ab 12 – das sind die neuen Argumente

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

16. August 2021

Endlich ist es soweit! Heute, Montag den 16. August 2021, hat die STIKO ihre lange erwartete neue Einschätzung zur Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen bekannt gegeben: Auch die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (RKI) spricht sich nun für die Impfung aller Kinder ab einem Alter von 12 Jahren aus. Zugelassen dafür sind die beiden mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna.

Trotz des Drängens aus der Politik hatte sich die Kommission mit ihrer Entscheidung Zeit gelassen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ohne weitere zusätzliche Risikofaktoren sei die Gefährdung durch eine Infektion mir SARS-CoV-2 selbst sehr gering, so die Begründung. Daher gelte es die möglichen Risiken einer Impfung für diese Altersgruppe besonders sorgsam abzuwägen.

Daten aus den USA von fast 10 Millionen Kindern und Jugendlichen

Diese Abwägung ist nun erfolgt – und zugunsten einer allgemeinen Empfehlung für die Impfung ausgefallen. Grundlage der Empfehlung seien insbesondere Daten aus dem US-amerikanischen Impfprogramm mit fast 10 Millionen geimpften Kindern und Jugendlichen, heißt es. Dies erlaube es, die möglichen Risiken der Impfung für diese Altersgruppe nun zuverlässiger zu beurteilen.

Die zögerliche Haltung der STIKO – sie hatte seit dem 10. Juni 2021 die Impfung nur für über 12-Jährige mit erhöhtem Krankheitsrisiko empfohlen – war vor allem bei Politikern auf Kritik gestoßen. In ihrer heutigen Begründung führt die STIKO nochmals die Gründe für die damalige Entscheidung auf:

  • Die geringe Rate an schweren COVID-Verläufen bei Kindern und Jugendlichen;

  • der begrenzte Kenntnisstand über seltene Nebenwirkungen der neuen mRNA-Impfstoffe in dieser Altersgruppe;

  • erste Berichte zu Herzmuskelentzündungen im zeitlichen Zusammenhang mit mRNA-Impfungen, vor allem bei Jungen und jungen Männern und

  • einer „zum damaligen Zeitpunkt laut Modellierung geringen Auswirkung der Impfung dieser Altersgruppe auf den weiteren Verlauf der Infektionsausbreitung in Deutschland“.

Zudem habe stets die Möglichkeit der Impfung nach individueller Aufklärung und Nutzen-Risiko-Abwägung bestanden, betont das Gremium.

Die beobachteten Fälle von Myokarditis vor allem bei männlichen Jugendlichen seien nach wie vor als mögliche Impf-Nebenwirkung zu werten, schreibt die STIKO nun. Allerdings: Die Patenten mit solchen Herzmuskelentzündungen seien zwar „in der Mehrzahl der Fälle“ hospitalisiert worden, doch habe sich „unter der entsprechenden medizinischen Versorgung“ meist ein unkomplizierter Verlauf ergeben. Und: Neue Studien wiesen darauf hin, dass es auch bei COVID-19-Erkrankungen zu Herzbeteiligungen kommen könne.

Bislang habe es darüber hinaus „keine Signale für weitere schwere Nebenwirkungen nach mRNA-Impfung …, insbesondere auch nicht bei Kindern und Jugendlichen“ gegeben.

Und schließlich zeigten aktuelle mathematische Modellierungen, dass die nun dominierende Delta-Variante für Kinder und Jugendliche ein deutlich höheres Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion in einer möglichen 4. Infektionswelle bedeute. Auch bleibe unsicher, ob und wie häufig Long-COVID bei Kindern und Jugendlichen auftrete.

Vorteile der Impfung überwiegen Risiko von sehr seltenen Impf-Nebenwirkungen

Die „sorgfältige Bewertung dieser neuen wissenschaftlichen Beobachtungen und Daten“ habe nun zur Einschätzung geführt, dass „nach gegenwärtigem Wissenstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impf-Nebenwirkungen überwiegen“. Daher hat die STIKO nun eine allgemeine COVID-19-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige ausgesprochen und betont zudem, dass diese Empfehlung „in erster Linie auf den direkten Schutz der geimpften Kinder und Jugendlichen vor COVID-19 und den damit assoziierten psychosozialen Folgeerscheinungen“ abzielt. Unverändert solle die Impfung nach ärztlicher Aufklärung zum Nutzen und Risiko erfolgen. Die STIKO spricht sich zudem „ausdrücklich dagegen aus, dass bei Kindern und Jugendlichen eine Impfung zur Voraussetzung sozialer Teilhabe gemacht wird“.

 
Eltern und Jugendliche haben damit eine klare Empfehlung, sich für die Impfung zu entscheiden. Jens Spahn
 

Der Beschlussentwurf mit dazugehöriger wissenschaftlicher Begründung ist nun im vorgeschriebenen Stellungnahme-Verfahren mit den Bundesländern und den beteiligten Fachkreisen – Änderungen sind daher noch möglich. Die endgültige Empfehlung der STIKO soll zeitnah im Epidemiologischen Bulletin des RKI erscheinen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigte sich erfreut über die „gute Nachricht“. „Eltern und Jugendliche haben damit eine klare Empfehlung, sich für die Impfung zu entscheiden“, sagte er laut tagesschau.de . „Die Fakten sprechen für die Impfung, ausreichend Impfstoff für alle Altersgruppen ist da.“ Die Impfungen könnten noch diese Woche beginnen.

Krankenkassen-Befragung zeigt: STIKO-Empfehlung für viele Eltern wichtig

Die STIKO-Empfehlung könnte der Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen tatsächlich nochmals deutlichen Auftrieb geben – kurz vor dem Ende der Schulferien in vielen Bundesländern. Eine Umfrage der pronova BKK, für die 1.000 Menschen mit mindestens einem Kind im Haushalt befragt worden waren, hatte ergeben, dass 43% der Eltern einer entsprechenden Empfehlung der Ständigen Impfkommission folgen würden. 17% gaben an, ihr Kind auch ohne eine solche ausdrückliche Empfehlung impfen lassen zu wollen, 28% lehnten eine solche Impfung für ihr Kind ab.

Die Befragung hatte allerdings auch eine gewisse Ambivalenz der befragten Eltern gezeigt: So hielten 6 von 10 Befragten die Impfung für sinnvoll zum Aufbau einer Herdenimmunität gegen SARS-CoV-2 sowie für einen sicheren Schulbetrieb. Zugleich befürchten aber ebenso viele eine versteckte Impfpflicht, wenn einzelne Aktivitäten dann vielleicht nur noch für geimpfte Kinder möglich sein sollten.

Bei 58% der Eltern überwogen die Sorgen vor Nebenwirkungen der Impfung die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus, einem schweren Krankheitsverlauf und auch vor Spätfolgen wie Long-COVID. Viele (70%) sprachen sich auch dafür aus, zunächst weltweit Alte und Kranke zu schützen, bevor Kinder in reicheren Ländern geimpft werden.

 

Kommentar

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