Ungeimpfte zur Kasse bitten: US-Versicherer beenden Schonfrist bei teuren COVID-Therapien. Bald höhere Beiträge?

Elisabeth Rosenthal, Glenn Kramon

Interessenkonflikte

11. August 2021

Im Jahr 2020, also vor Einführung der COVID-19-Impfstoffe, haben die meisten großen US-Privatversicherer auf eine Kostenübernahme durch die an COVID-19 erkrankten Patienten verzichtet. Sie mussten auch keine Selbstbehalte bezahlen.

Aber viele, wenn nicht sogar die meisten Versicherungen, lassen solche Regelungen auslaufen. Aetna zum Beispiel hat den Passus am 28. Februar widerrufen; UnitedHealthcare begann Ende letzten Jahres mit der Rücknahme seiner Befreiungen und beendete sie Ende März dann komplett.

Die aktuelle Situation zeigt: Mehr als 97 % der im letzten Monat US-weit stationär behandelten COVID-19-Patienten waren nicht geimpft. Vakzine verhindern zwar nicht unbedingt, dass Sie sich mit SARS-CoV-2 anstecken, aber sie sind hochwirksam, um sicherzustellen, dass Sie allenfalls mild erkranken und nicht ins Krankenhaus müssen.

Deshalb ist es logisch, dass Versicherungen den freiwilligen Verzicht jetzt revidieren. Warum sollten Patienten finanziell verschont werden, wenn es einen wirksamen Impfstoff gibt, den die Regierung kostenlos zur Verfügung stellt?

Vakzine sind auch in vielen Apotheken erhältlich. Impfmöglichkeiten gibt es selbst an Autobahnraststätten oder an Bushaltestellen, und Vakzine dürfen in einigen Teilen des Landes sogar zu Hause verabreicht werden.

Die COVID-19-Impfquote liegt in den USA bei etwa 60% für Einwohner ab 12 Jahren. Für Herdenimmunität reicht das nicht aus. In Bundesstaaten wie Missouri – wo einige Bezirke auf Impfraten unter 25% kommen – werden Krankenhäuser von Patienten mit der stärker übertragbaren Delta-Variante überrannt

Impfgegner führen alle möglichen Gründe an, um kostenlose Impfungen abzulehnen. Die Gruppe ignoriert alle Anstrengungen, sie zum Umdenken zu bewegen. Kampagnen, in denen Amerikaner aufgefordert werden, sich für ihre Gesundheit, für ihre Großeltern, für ihre Nachbarn, für kostenlose Donuts oder einen kostenlosen Joint impfen zu lassen, haben nichts gebracht. Manche Staaten haben sogar Lotterien veranstaltet, bei denen man Millionen US-Dollar oder ein College-Stipendium gewinnen konnte.

Impfgegner und Maskengegner demonstrieren vor der Indiana University. Die Hochschule schreibt für Studenten, Mitarbeiter und Lehrkräfte Impfungen gegen SARS-CoV-2 vor.

Regierungen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene sowie private Unternehmen vermeiden nach wie vor weitgehend eine Impfpflicht für ihre Mitarbeiter, weil sie befürchten, dass diese zu starken Protesten führen könnte.

Wie wäre es also mit einem wirtschaftlichen Argument? Lassen Sie sich impfen, um nicht nur sich und Ihre Mitmenschen, sondern auch Ihren Geldbeutel zu schützen.

Hohe Kosten durch COVID-19

Wenn man in den Vereinigten Staaten mit COVID-19 hospitalisiert wird, führt das zu hohen Kosten. Ein Beispiel: Im Rahmen des NPR-Kaiser Health News-Projekts „Rechnung des Monats“ konnten Patienten Quittungen für stationäre Therapien einreichen. Dazu gehörten…

  • eine Rechnung über 17.000 US-Dollar für einen kurzen Krankenhausaufenthalt in Marietta, Georgia (reduziert auf etwa 4.000 Dollar für einen nicht versicherten Patienten im Rahmen einer „Charity Care“-Maßnahme),

  • eine Rechnung über 104.000 US-Dollar für einen 14-tägigen Krankenhausaufenthalt in Miami für einen nicht versicherten Mann,

  • eine Rechnung über möglicherweise hunderttausende US-Dollar für einen 14-tägigen Krankenhausaufenthalt – zum Teil an einem Beatmungsgerät – für einen ausländischen Touristen auf Hawaii, dessen Reisekrankenversicherung eine Klausel zum „Pandemie-Ausschluss“ hatte.

Auch wenn US-amerikanische Versicherungsgesellschaften niedrigere Preise mit Kliniken aushandeln und einen Großteil der Behandlungskosten übernehmen, sollten Rechnungen von über 1.000 Dollar als Selbstbehalt – plus Kosten für Zuzahlungen und möglicherweise weitere Behandlungen – für Patienten ein deutliches Zeichen sein.

Ist das die Zukunft – finanzielle Nachteile für Risikoverhalten bei Corona?

Eine strengere Gesellschaft könnte harte Strafen gegen Menschen verhängen, die sich nicht impfen lassen und sich mit dem Virus infizieren. Kürzlich hat die US-amerikanische National Football League ein Spiel für ungültig erklärt, weil es bei den beteiligten Mannschaften zu einem COVID-19-Ausbruch gekommen war. Alle Spieler sind daraufhin nicht bezahlt worden.

Versicherer könnten versuchen, ähnlich zu handeln. Und es gibt Präzedenzfälle. Schon jetzt decken manche Policen in den USA keine Behandlungen ab, die durch ein von den Versicherern als riskant eingestuftes Verhalten erforderlich sind, wie z. B. Tauchen oder Klettern.

Der Affordable Care Act erlaubt es den Versicherungen, von Rauchern bis zu 50% mehr zu verlangen als von Nichtrauchern. In 4 von 5 Staaten ist dies möglich; bei den meisten Versicherungsprogrammen für Arbeitgeber wird dies aber nicht umgesetzt.

In 49 Staaten müssen Autofahrer, die ohne Versicherung erwischt werden, mit Geldstrafen, mit der Beschlagnahmung ihres Autos, mit dem Verlust ihres Führerscheins und sogar mit Gefängnisstrafen rechnen. Und rücksichtslose Fahrer zahlen mehr für ihre Versicherung.

Hohe Kosten für die Gemeinschaft auf Einzelne umlegen

Die Logik hinter solchen Maßnahmen besteht darin, dass das Verhalten von Straftätern im Straßenverkehr anderen schaden kann und die Gesellschaft viel Geld kostet: ein Gedanke, der auch für SARS-CoV-2 gilt. Wenn eine Person sich nicht impfen lässt und schwer an COVID-19 erkrankt, setzt sie nicht nur andere an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Nachbarschaft einer Gefahr aus. Die Allgemeinheit trägt die Kosten.

Zehntausende bis hunderttausende US-Dollar für eine Behandlung könnten im nächsten Jahr auch für andere höhere Prämien in ihren Versicherungsplänen bedeuten. Hinzu kommt, dass Ausbrüche in Regionen mit geringer Durchimpfung dazu beitragen könnten, weitere impfstoffresistente Varianten zu selektieren, was ebenfalls alle Menschen betrifft.

Ja, die Gesellschaft übernimmt oft Kosten für Menschen, deren Gewohnheiten zu ihrer Krankheit beigetragen haben, etwa bei der Drogen- und Alkoholentwöhnung sowie bei der Krebsbehandlung von Rauchern.

Viel Zuckerbrot – kommt jetzt die Peitsche?

Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass Versicherer bisher auf Zuckerbrot und nicht auf die Peitsche gesetzt haben, um Menschen zur Impfung zu bewegen. Einige private Versicherer bieten Menschen, die sich impfen lassen, Prämien oder Geschenkgutscheine an, beispielsweise America's Health Insurance Plans, eine Handelsvereinigung von Krankenversicherungsunternehmen.

Restriktive Maßnahmen könnten einfacher sein, wenn die US Food and Drug Administration (FDA) Impfstoffe regulär zulassen würde, statt sie nur für den Notfall zu genehmigen. Dennoch müssen vom Steuerzahler finanzierte Programme wie Medicaid und Medicare alle gleich behandeln, sagt Larry Levitt, Executive Vice President der Kaiser Family Foundatoin (KFF), einer gemeinnützigen Organisation, die sich auf Gesundheitsfragen konzentriert. Er rechne mit einem langwierigen Prozess, um bundesweite Ausnahmegenehmigungen für das Experimentieren mit Anreizen zu erhalten. Bislang können Anbieter solcher Programme nicht für verschiedene Patienten in einem Staat unterschiedliche Tarife einfordern.

Umfragen von KFF, das nicht zum Versicherer Kaiser Permanente gehört, zeigen, dass solche Anreize ohnehin nur von begrenztem Wert sind. Viele Impfgegner sagen, sie würden sich nur dazu entscheiden, falls sie ihr Arbeitgeber sie dazu auffordere.

Was aber, wenn die finanziellen Kosten einer Nichtimpfung einfach zu hoch wären? Wenn die Patienten über den Preis nachdächten, den sie für ihre eigene Versorgung zahlen müssten, würden sie es sich vielleicht noch einmal überlegen, ob sie auf den Schutz verzichten.

Der Beitrag wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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