Gefahren für Gesundheit und Geldbeutel: Onkologen finden in 1 von 3 Social Media Posts zu Krebs wissenschaftliche Fehler

Nick Mulcahy

Interessenkonflikte

10. August 2021

1 von 3 der populärsten US-Nachrichten- und Feature-Artikel in sozialen Medien zur Behandlung der 4 wichtigsten Krebserkrankungen enthält Fehlinformation. Und: Die Mehrheit davon hat das Potenzial, Patienten zu schaden. Das zeigt eine Analyse von 200 populärsten Artikeln (je 50 zu Prostata-, Lungen-, Brust- und kolorektalem Krebs). Wissenschaftler fanden in 32,5% aller untersuchten Quellen falsche Angaben. 76,9% aller fehlerhaften Veröffentlichungen enthielten sogar gefährliche Falschaussagen [1].

Prof. Dr. Skyler Johnson

„Das Internet ist die führende Quelle gesundheitlicher Fehlinformation“, kommentieren die Studienautoren. Das gelte „besonders für soziale Medien, wo falsche Information sich schneller und weiter verbreitet als Information, die einem Faktencheck unterzogen wurde“, sagen sie unter Hinweise auf weitere Forschungsergebnisse.

 
Das Internet ist die führende Quelle gesundheitlicher Fehlinformation. Autoren der Studie
 

„Wir müssen die Problematik offensiv angehen“, so der Erstautor Prof. Dr. Skyler Johnson vom Huntsman Cancer Institute der University of Utah in Salt Lake City. Man könne das Problem der Fehlinformation über Krebs in sozialen Medien nicht ignorieren oder Patienten auffordern, es zu ignorieren. „Wir müssen uns in unsere Patienten hineinversetzen und ihnen helfen, wenn sie auf diese Art von Information stoßen“, sagte er in einer Stellungnahme. „Mein Ziel ist, ihre Fragen zu beantworten, und Krebspatienten mit genauer Information zu versorgen, die ihnen die größte Chance für den besten Ausgang gibt.“

Forscher untersuchen Texte bei Facebook, Reddit, Twitter und Pinterest

Die Studie lief von 2018 bis 2019 und schloss Artikel, die auf Facebook, Reddit, Twitter oder Pinterest gepostet wurden, ein. Die Popularität der Texte wurde anhand der Interaktionen mit den Lesern gemessen, also etwa nach positiven Bewertungen, Kommentaren und dem Teilen der Beiträge.

Einige der Texte kamen von etablierten Nachrichtenmedien wie CBS News, The New York Times oder medizinischen Zeitschriften, während andere von Crowdfunding-Webseiten und neuen, wenig bekannten Nachrichtenseiten stammten.

Ein Beispiel populärer und der Gesundheit abträglicher Fehlinformation, das Johnson gegenüber Medscape hervorhob, trug den Titel: „44 Jahre alte Mutter behauptet, CBD-Öl habe sie innerhalb von 5 Monaten von Brustkrebs geheilt“. Der Artikel wurde im Februar 2018 auf truththeory.com gepostet und war zuvor in der britischen Zeitung Daily Mail verlinkt.

„Solche Vorstellungen und Ideen können sehr viel Einfluss haben“, meint Prof. Dr. Jennifer Lycette, Onkologin in Seaside, Oregon, kürzlich in einem Blog-Post bei Medscape Oncology. „Nach 18 Jahren als Ärztin überrascht es mich leider nicht mehr, wenn ein Patient Behandlungsempfehlungen ablehnt und sich stattdessen für ‚alternative Therapien‘ entscheidet“, schreibt sie.

Präsentation und Wortwahl sprechen Patienten besonders an

„Mitunter sind Fehlinformationen gar nicht sensationell, aber aufgrund einer cleveren Wortwahl und Präsentation dennoch effektiv“, erklärt Prof. Dr. Brian Southwell von der Duke University in Durham in North Carolina. Der Kommunikationswissenschaftler forscht schon länger an diesem Thema. „Es ist nicht das Falsche an sich, das irgendeine magische Anziehungskraft besitzt, sondern die Art und Weise, wie die Fehlinformation oft eingeordnet wird, was sie attraktiv macht“, sagt er gegenüber Medscape.

Southwell rät Ärzten, proaktiv gegen medizinische Fehlinformation vorzugehen. „Besser als von Patienten zu erwarten, dass sie unaufgefordert Bedenken äußern, sollten die Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen Gespräche über mögliche Fehlinformation mit ihren Patienten anregen“, schrieb er kürzlich in einem Aufsatz im American Journal of Public Health.

 
Patienten wissen typischerweise nicht, dass die Fehlinformation, der sie begegnen, Fehlinformation ist. Prof. Dr. Brian Southwell
 

Ärzten rät er, Laien gezielt auf die Problematik anzusprechen. „Patienten wissen typischerweise nicht, dass die Fehlinformation, der sie begegnen, Fehlinformation ist“, sagt Southwell. „Patienten mit Mitgefühl und Empathie zu begegnen, ist ein guter erster Schritt.“

Experten begutachten Social-Media-Posts

Zu den Details: Für die Studie wurden 2 Kommissionsmitglieder des National Comprehensive Cancer Network ausgewählt, die als Experten für Krebserkrankungen gelten.

Sie hatten die Aufgabe, medizinische Behauptungen in jedem Artikel zu überprüfen. Dann mussten sie einen Satz Bewertungen formulieren, woraus schließlich der Anteil von Fehlinformation und das mögliche Schadenpotenzial jedes Artikels ermittelt wurde.

Von 200 Artikel stammten 41,5% aus rein digitalen Quellen, 37,5% waren traditionelle Nachrichten (Online-Versionen von Print- oder Fernseh- und Rundfunkmedien), 17% ließen sich medizinischen Zeitschriften zuordnen, 3% gingen auf Crowdfunding-Seiten und 1% auf persönliche Blogs zurück.

In ihrem Review kamen die Experten zu dem Schluss, dass nahezu jeder 3. Artikel Fehlinformation enthielt. Mitunter wurde die Überschrift nicht vom Text gestützt oder Daten bzw. Statistiken untermauerten nicht die Schlussfolgerung (28,8%). Auch die Evidenz wurde falsch dargestellt (27,7%). Andere News fokussierten sich auf nicht hinreichend erprobte Therapien (26,7%).

Artikel mit Fehlinformation erhielten mehr Likes als faktenbasierte Texte

Bemerkenswert war, dass die mediane Zahl der Interaktionen, etwa Likes auf Twitter, bei Artikeln mit Fehlinformationen größer war als bei Fakten-basierten Artikeln (2.300 versus 1.600, P=0,05).

Insgesamt enthielten 30,5% aller Artikel potenziell schädliche Information. So drohten entweder gefährliche Tatenlosigkeit (es konnte zu Verzögerungen kommen oder dazu, dass für eine behandel- oder heilbare Krankheit keine medizinische Hilfe in Anspruch genommen wurde, 31%), wirtschaftlicher Schaden (Kosten in Zusammenhang mit Behandlungen oder Reisen, 27,7%), riskante Handlungen (mögliche toxische Wirkungen vorgeschlagener Tests oder Behandlungen, 17%) sowie gefährliche Wechselwirkungen (bekannte/unbekannte Interaktionen mit kurativen Therapien, 16,2%).

Im Median war die Zahl der Leser-Interaktionen bei Artikeln mit gesundheitsgefährdender Information statistisch signifikant höher als bei Artikeln mit korrekter Information (2.300 versus 1.500, p = 0,007).

Eine Limitation der Studie ist, dass nur die populärsten englischsprachigen Krebs-Artikel eingeschlossen wurden.

Der Artikel wurde von Dr. Bianca Bach aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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