Gold für Prävention: Wie die Olympischen Spiele Sportmuffeln Beine machen könnten

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

3. August 2021

Seit Jahren rufen Ärzte, Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker gleichermaßen dazu auf, sich mehr zu bewegen, um Krankheiten vorzubeugen oder um deren Folgen zu lindern. Bislang hat sich aber wenig getan. Die Gesamtzahl aller Todesfälle in Zusammenhang mit wenig körperlicher Aktivität liege weiterhin bei mehr als 5 Millionen Menschen pro Jahr, kritisieren Wissenschaftler in einer Mitteilung von The Lancet [1]. Das Journal hat im Vorfeld der verschobenen Olympischen Spiele 2020 in Tokio eine 3-teilige Serie zum Thema veröffentlicht.

Einige Kritikpunkte der Autoren: 80% aller Jugendlichen erfüllen immer noch nicht die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hinsichtlich der notwendigen Bewegung. Darüber hinaus haben viele Menschen mit Behinderung nicht genügend Möglichkeiten, an körperlichen Aktivitäten teilzuhaben, obwohl der Nutzen für sie groß wäre. Deshalb fordern die Wissenschaftler politische Entscheidungsträger auf, das Recht von Menschen mit Behinderungen auf körperliche Aktivität auch praktisch umzusetzen.

Wenig Bewegung während der Corona-Pandemie

Zum Hintergrund: Körperliche Inaktivität wird mit einem erhöhten Risiko für nicht übertragbare Krankheiten (NCDs) wie Herzerkrankungen, Diabetes mellitus und einige Krebsarten in Verbindung gebracht. Der langsame Fortschritt im Kampf gegen Bewegungsmangel wurde durch die COVID-19-Pandemie noch verschärft. Darüber hinaus haben inaktive Menschen und Patienten mit NCDs ein viel höheres Risiko, ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder zu sterben, wenn sie an COVID-19 erkranken.

„Corona-Kilos“ infolge mangelnder Bewegung könnten die Adipositas-Epidemie weiter verstärken, wird befürchtet. Die Folgen von starkem Übergewicht sind hinlänglich bekannt. 

Dass Lockdown-Maßnahmen auch Folgen für das Körpergewicht haben, berichtet auch das Robert Koch-Institut (RKI). Das mittlere Körpergewicht habe zwischen April bis August 2019 bei 77,1 Kilogramm gelegen. Im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres seien es 78,2 Kilogramm gewesen, so das RKI. Der mittlere BMI sei von 25,9 (April bis August 2019) auf 26,4 (April bis August 2020) gestiegen, heißt es weiter.

Kinder und Jugendliche stark betroffen

Auch Kinder, insbesondere aus sozial schwachen Familien, sind infolge der Pandemie-bedingten Beschränkungen von mehr Pfunden betroffen, was kaum verwundert. Schul- und Vereinssport sind ausgefallen, der Schulweg ist auf die Strecke vom Bett zum heimischen Arbeitstisch reduziert und das Herumtoben beschränkte sich auf ein paar Quadratmeter Wohnfläche.

 
Virtueller Schulunterricht und soziale Distanzierung haben die körperliche Aktivität drastisch reduziert; die Folgen dieser Veränderungen könnten ein Leben lang anhalten. Dr. Esther van Sluijs
 

Die aktuelle weltweite Analyse zeigt, dass 80% aller schulpflichtigen Jugendlichen nicht die von der WHO empfohlenen 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag erreichen. 40% gehen nie zu Fuß zur Schule, und 25% sitzen mehr als 3 Stunden pro Tag zusätzlich zu den Stunden, die sie in der Schule und bei den Hausaufgaben verbringen. 

Die Auswertung von Daten aus 38 europäischen Ländern hat ergeben, dass 60% der Jungen und 56% der Mädchen 2 Stunden oder mehr pro Tag vor dem Fernseher sitzen. Darüber hinaus verbrachten 51% der Jungen und 33% der Mädchen 2 Stunden oder mehr pro Tag mit Videospielen. Welche Folgen ihr Verhalten für die kardiometabolische und psychische Gesundheit der Kinder habe, sei nicht ausreichend bekannt, heißt es in der Mitteilung.

Eine der Hauptautorinnen der Beitragsserie, Dr. Esther van Sluijs von der University of Cambridge, sagt: „Wir müssen dringend sowohl die kurz- als auch die langfristigen Folgen von körperlicher Inaktivität für Jugendliche erforschen und effektive Wege zur weiteren Förderung körperlicher Aktivität finden, insbesondere im Hinblick auf die COVID-19-Pandemie.“ Sie ergänzt: „Virtueller Schulunterricht und soziale Distanzierung haben die körperliche Aktivität drastisch reduziert; die Folgen dieser Veränderungen könnten ein Leben lang anhalten.“

Kaum Teilhabe von Menschen mit Behinderung an körperlicher Aktivität

Deutlich mehr müsse auch getan werden, um das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Teilnahme an körperlicher Aktivität zu stärken, heißt es zudem in der Mitteilung. Sport könne viele Vorteile für die körperliche und seelische Gesundheit aller 1,5 Milliarden Menschen weltweit bieten, die mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung lebten.

 
Die Olympischen Spiele und andere Massensportveranstaltungen sind eine verpasste Gelegenheit, die Gesundheit und die körperliche Aktivität auf der Ebene der Bevölkerung zu verändern (…). Prof. Dr. Adrian Bauman
 

Die Realität sieht anders aus. So liege in Ländern mit hohem Einkommen der Anteil der Erwachsenen mit Behinderungen, die die WHO-Empfehlungen für körperliche Aktivität erfüllten, zwischen 21% und 60%, schreiben die Autoren. Bei Erwachsenen ohne Behinderungen seien es 54% bis 91%, so die Autoren. Dabei sei zu beachten, dass die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen, nämlich rund 80%, in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen lebten. Wie es um die Teilhabe dieser Menschen an körperlicher Aktivität um Sinne der WHO stehe, sei unklar, da die verfügbaren Daten überwiegend aus Ländern mit hohem Einkommen stammten, heißt es weiter.

Sportliche Großereignisse und verpasste Gelegenheiten

Eine Möglichkeit, die körperliche Aktivität weltweit zu fördern, bieten laut Mitteilung des Lancet sportliche Großereignisse. „Die Olympischen Spiele und andere Massensportveranstaltungen sind eine verpasste Gelegenheit, die Gesundheit und die körperliche Aktivität auf der Ebene der Bevölkerung zu verändern, nicht nur in der Gastgeberstadt oder dem Gastgeberland, sondern auf der ganzen Welt“, sagt Studien-Autor Prof. Dr. Adrian Bauman von der Universität von Sydney. „Die Olympischen Spiele bieten eine globale Bühne, um Menschen für körperliche Aktivität zu interessieren und zu begeistern.“ Die Herausforderung bestehe darin, diesen Enthusiasmus in nachhaltige Gesundheitsprogramme zu übersetzen, die für alle Menschen erreichbar seien und Spaß machten.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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