4% aller Schüler leiden nach SARS-CoV-2-Infektionen an Long-COVID – Daten reichen aber für Impfempfehlungen noch nicht aus

Dr. Bianca Bach

Interessenkonflikte

2. August 2021

Kinder und Jugendliche erkranken selten schwer an COVID-19. Ähnlich verhält es sich nach den Ergebnissen einer populationsbasierten Studie an Schweizer Schulen offenbar auch mit Long-COVID [1]. Das berichten Wissenschaftler der Universität Zürich jetzt in JAMA.

Long-COVID gibt es auch bei Kindern

Zu den Details: Über einen Nachbeobachtungszeitraum von 6 Monaten berichteten 4% aller 109 zuvor seropositiv getesteten Schüler von mindestens einem länger als 12 Wochen anhaltenden, mit Long-COVID assoziierten Symptom. Bei seronegativen Kindern und Jugendlichen waren es 2% von 1.246. Am häufigsten waren bei Infizierten Müdigkeit (3%), Konzentrationsschwierigkeiten und ein vermehrtes Schlafbedürfnis (je 2%).

Symptome über mehr als 4 Wochen hinweg gaben 9% der Seropositiven und 10% der Seronegativen an. Keines der seropositiven Kinder musste nach Studieneinschluss ins Krankenhaus. 41% und 53% mit durchgemachter Infektion und 41% und 55% ohne Infektion schätzten ihre Gesundheit als exzellent oder gut ein.

 
Die wichtigste Botschaft ist, dass es Long-COVID gibt, auch bei Kindern. Prof. Dr. Susi Kriemler
 

Zum Vergleich: Bei Erwachsen gehen Experten davon aus, dass auch bei mildem Verlauf etwa im Schnitt 10 bis 30% noch Monate später an mindestens einem Long-COVID-Symptom leiden. 

„Die wichtigste Botschaft ist, dass es Long-COVID gibt, auch bei Kindern“, sagte Prof. Dr. Susi Kriemler, Projektleiterin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich und Korrespondenzautorin der Studie, im Gespräch mit Medscape. Zwar sei dies relativ selten. Aber: „Wenn man das absolut nimmt, auf alle Kinder, die es gibt, ist das nicht ein unerheblicher Anteil – auch bei Kindern, die bei Corona-Infektionen meist wenige oder keine Symptome zeigen.“

Daten aus 55 Schulen analysiert

An 55 Schulen, die randomisiert im Verhältnis zur jeweiligen Einwohnerzahl aus den 12 Bezirken des Kantons Zürich ausgewählt wurden, wurden jeweils alle Schülerinnen und Schüler ebenfalls randomisiert ausgewählter Klassen zur Teilnahme eingeladen. Es erfolgten wiederholt Blutentnahmen zur serologischen Testung. Symptome wurden über Online-Fragebögen erfasst, die eine Liste prädefinierter Beschwerden und die Möglichkeit zur Freitext-Eingabe enthielten. Meist füllten diese die Eltern aus. „Wir haben natürlich betont, dass sie das unbedingt mit den Kindern zusammen ausfüllen sollten“, so Kriemler. Zugleich wies sie darauf hin, dass die Kinder teilweise erst im Grundschulalter waren.

 
Es ist wichtig, dass man die Long COVID-Symptome, die ja sehr unspezifisch sind, auch in einer Population misst, in der keine Infekte waren. Prof. Dr. Susi Kriemler
 

In die deskriptive Analyse wurden 1.355 von 2.503 Kindern und Jugendliche, von denen zu Studienbeginn Oktober-November 2020 ein serologischer Antikörpertest vorlag. Die Kinder waren 6-16, im Median 11 Jahre alt und zu 54% Mädchen. Initial Seronegative, die im Verlauf serokonvertierten, sowie Teilnehmer, die sich nicht erneut testen ließen oder die Fragebögen nicht ausfüllten, wurden ausgeschlossen.

Niedrige Prävalenz von Long-COVID

Insgesamt war die Prävalenz möglicher Long-COVID-Symptome in der Schweizer Untersuchung relativ niedrig. Die Angaben in der Literatur schwanken zwischen 0-27%. „Diese 27% rühren natürlich von klinischen Kohorten her, wo man Kinder, die wegen der Coronainfektion im Spital waren, nachuntersucht hat. Das sind schwerere Verläufe gewesen“, erläuterte Kriemler. „Es ist wichtig, dass man die Long COVID-Symptome, die ja sehr unspezifisch sind, auch in einer Population misst, in der keine Infekte waren.“ Hier punktet die aktuelle Studie, da sie auch das Hintergrundrauschen in einer seronegativen Kontrollgruppe in der Normalbevölkerung erfasst.

Angaben zur Ausprägung der Langzeitsymptome fehlen. Auch Information zum Zeitpunkt und zur Schwere der vorangegangenen Infektion wurden nicht eruiert. Kriemler: „Das macht auch nicht Sinn, weil ein Großteil der Kinder asymptomatisch war.“ Selbst bei anamnestischen Hinweisen ist die retrospektive Zuordnung wegen der meist unspezifischen Manifestation schwierig. „Dann weiß man nicht: Ist es jetzt wirklich das Corona-Virus gewesen oder eben ein anderer Infekt, der die akuten Symptome verursacht hat.“

Daten zu 17-18-Jährigen wurden nicht erfasst, da Schüler dieser Altersgruppe nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung der Kinder gewesen wären. Kriemler: „Die sind dann verteilt und sind zum Teil in der Lehre, zum Teil im Gymnasium.“

Wissenschaftler hoffen auf weitere Daten

Von einer statistischen Analyse sahen die Forscher ab, da der Anteil seropositiver Kinder mit möglichen Long-COVID-Symptomen so gering war. Kriemler: „Das bringt nichts. Das muss man jetzt sicher in einer nächsten Untersuchung noch anschauen. Wir sind aber nicht beunruhigt, da eine vergleichbare Studie aus England mit 4.500 Kindern zu vergleichbaren Ergebnissen kam.“

Eine Wiederholungsstudie ist bereits geplant: „Wir haben uns entschieden, dass wir im Herbst noch einmal eine Untersuchung machen, und wir werden auch vor dem Herbst, nach den Sommerferien, noch einmal einen Fragebogen schicken. Die Erhebung wird dann auf eine viel größere Gruppe von Kindern mit durchgemachter Corona-Infektion zurückblicken können, da im März und April 2021 insgesamt 16% der Studienteilnehmer seropositiv waren, während es im Herbst 2020 rund 6% waren. Da haben wir natürlich dann eine viel größere Zahl, die dann auf die 3 Monate zurückblicken kann.“

Noch keine Empfehlung für oder gegen Vakzine

Für die Abgabe einer sicheren Empfehlung für oder gegen die SARS-CoV-2-Impfung von Kindern und Jugendlichen ist es nach Kriemlers Einschätzung zu früh. Das müsse man ansehen, „wenn Studiendaten da sind, wo man sieht, dass die Nebenwirkungen der Impfungen vielleicht wirklich nicht dramatisch sind, und man es in Erwägung ziehen könnte, auch die kleineren Kinder zu impfen“.

Abgesehen von einem landesweiten Lock-Down vom 16. März bis 10. Mai 2020 waren die Schulen in der Schweiz durchgehend unter Sicherheitsvorkehrungen mit altersabgestufter Maskenpflicht geöffnet.

 

Kommentar

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