Wie überzeugt man Impfmuffel? Studie zeigt, dass Motivation durch positive Vorbilder wohl besser funktioniert als durch Appelle

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

30. Juli 2021

Entscheidend für das Verhalten der Menschen in der Corona-Pandemie sei, wie man das Verhalten nahestehender Personen wahrnehme, also soziale Normen – weniger die eigene Persönlichkeit oder die subjektive Bedrohung, sagen Wissenschaftler der Universitäten in Landau und Mannheim, die im Lockdown eine Befragung durchgeführt hatten. Wichtiger als Appelle an die Vernunft oder das Schüren von Ängsten seien wohl positive Vorbilder und der Austausch über gesellschaftlich erwünschtes Verhalten.

Eine uralte Frage der Menschen-Führung

Die Frage, wie man Menschen bewegt, etwas zu tun, was sie nur ungern tun oder auf keinen Fall tun wollen, beschäftigt seit Jahrzehnten Heerscharen von Motivations-Forschern, Psychologen, Gesundheitswissenschaftlern, Politikern und anderen klugen Leuten.

 
Unsere Ergebnisse zeigen, dass insbesondere soziale Normen vorhersagen, ob Menschen sich an die geltenden Vorschriften und Empfehlungen halten. Dr. Selma Rudert
 

Im Grund ist diese Kernfrage der Menschen-Führung so alt wie die Menschheit. Schon Alexander der Große musste sich hin und wieder Gedanken darüber machen, wie er erwachsene und zudem bewaffnete Männer dazu motivieren kann, nach erschöpfenden Tagesmärschen in Gluthitze noch weiter zu marschieren.

2 Strategien, die seit Beginn der Menschheit angewendet werden, sind Belohnung und Bestrafung. Also Zuckerbrot und Peitsche. Seit der Aufklärung versucht man auch verstärkt mit Appellen an die Vernunft zu motivieren – bekanntlich nicht mit überaus großem Erfolg.

Welche Bedeutung haben soziale Normen?

Eine seit Beginn der Corona-Pandemie allgegenwärtige „Motivations-Frage“ ist die, wie Menschen zum Einhalten der Schutzmaßnahmen und zu Impfungen bewegt werden können. 

Dieser Frage sind kürzlich Juniorprofessorin Dr. Selma Rudert von der Universität Koblenz-Landau und ihr Kollege Dr. Stefan Janke von der Universität Mannheim in einer Befragungsstudie nachgegangen. Untersucht haben sie in der Studie verschiedene Verhaltensweisen kurz nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr. Außer sozialen Normen haben sie Einflussfaktoren wie Persönlichkeit oder empfundene Bedrohung durch die Pandemie sowie früheres Handeln erfasst.

 
Tatsächlich zeigen unsere Daten, dass der Einfluss sozialer Normen am stärksten war für Verhaltensweisen, die nicht gesetzlich reguliert waren, etwa Hamsterkäufe und prosoziales Verhalten. Dr. Stefan Janke
 

Konkret untersucht haben Rudert und Janke, ob Menschen sich an die Abstandsregeln und das Vermeiden von direktem sozialem Kontakt halten und andere Menschen während der Krise unterstützen, beispielsweise durch Nachbarschaftshilfen oder das Nähen von Masken, ob sie zu Hamsterkäufen neigen oder die geltenden Regeln missachten. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass insbesondere soziale Normen vorhersagen, ob Menschen sich an die geltenden Vorschriften und Empfehlungen halten oder sogar noch andere während der Pandemie unterstützen, oder ob sie gegen die Regeln verstoßen“, fasst die Landauer Sozialpsychologin Rudert zusammen.

Soziale Normen entstehen hierbei insbesondere durch Verhaltensweisen, die Menschen bei Nahestehenden wahrnehmen, etwa in der Familie oder im Freundeskreis. Das bedeutet: Geht eine Person davon aus, dass ihre Familienmitglieder oder Freunde sich an die Abstandsregeln halten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Person sich künftig ebenso verhält.

Wichtiger Faktor: „social correctness“

Soziale Normen geben Menschen Sicherheit, insbesondere in Zeiten von Unsicherheit und Krise, und erfüllen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. „Die meisten Menschen sind bestrebt, sich korrekt und angebracht zu verhalten. Das Verhalten anderer ist typischerweise informativ dafür, was als ‚korrekt‘ gilt“, erklärt Janke laut einer Pressemitteilung. Der Einfluss der anderen untersuchten Faktoren Persönlichkeit und Bedrohung fiel im Vergleich zu den sozialen Normen relativ gering aus. 

Normen und Wertvorstellungen ändern sich, das ist nicht neu. Die Veränderungen im ersten Lockdown kamen allerdings quasi über Nacht. „Abrupte Veränderungen, wie es insbesondere zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall war, bringen ein verstärktes Maß an Unsicherheit mit sich“, so Rudert.

 
Wichtiger als an die Vernunft der Menschen zu appellieren oder die Bedrohung durch das Virus hervorzuheben, ist vermutlich, positive Rollenvorbilder in verschiedenen Gesellschaftsgruppen herauszustellen und Menschen dazu zu ermutigen, über gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu sprechen. Dr. Selma Rudert
 

Menschen blicken in einem solchen Fall noch stärker auf das Verhalten anderer, um Orientierung zu haben und mit der neuen Situation zurecht zu kommen. „Tatsächlich zeigen unsere Daten, dass der Einfluss sozialer Normen am stärksten war für Verhaltensweisen, die nicht gesetzlich reguliert waren, etwa Hamsterkäufe und prosoziales Verhalten“, ergänzt Janke. 

„Die Studienergebnisse betonen, wie stark unser Verhalten in der Pandemie davon abhängt, was wir denken was ‚die anderen‘ tun“, erklären die Forscher. Die Ergebnisse ließen sich auch auf die aktuellen Debatten im Hinblick auf das Für und Wider hinsichtlich Impfen oder Lockerungen übertragen und habe einen großen Einfluss für die weitere Steuerung der Pandemie: „Wichtiger als an die Vernunft der Menschen zu appellieren oder die Bedrohung durch das Virus hervorzuheben, ist vermutlich, positive Rollenvorbilder in verschiedenen Gesellschaftsgruppen herauszustellen und Menschen dazu zu ermutigen, über gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu sprechen“, so Rudert.

Die Impfpflaster-Selfies auf Instagram seien ein sehr gutes Beispiel, ebenso das Teilen eigener Erfahrungen im Freundes- und Bekanntenkreis. Will man die Akzeptanz von Corona-Maßnahmen und Impfungen erhöhen, sollte man sich solche Normprozesse zunutze machen – im Sinne von „Tue Gutes und rede darüber“.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
 

Kommentar

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