„Realität verheerend“ für schwangere Ärztinnen und Gesundheitsarbeiterinnen – DÄB fordert Umsetzung von Mutterschutzgesetz

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

28. Juli 2021

Endlich Taten beim Mutterschutz fordert der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB). „Mehr als 3 Jahre nach Einführung des novellierten Mutterschutzgesetzes ist die Realität verheerend“, zieht der DÄB in einer Pressemitteilung ein ernüchterndes Fazit [1].

Anfang 2018 war das Mutterschutzgesetz überarbeitet worden. Mit der Novellierung des bisher geltenden Mutterschutzgesetzes aus dem Jahr 1952 will der Gesetzgeber besser auf die Anliegen von schwangeren und stillenden Frauen eingehen. Nicht nur die individuelle Gefährdungsbeurteilung steht dabei im Mittelpunkt.

 
Mehr als drei Jahre nach Einführung des novellierten Mutterschutzgesetzes ist die Realität verheerend. Deutsche Ärztinnenbund
 

Werdende Mütter erhalten zudem mehr Mitsprache bei der Gestaltung ihres Arbeitsplatzes und der Arbeitszeit. So dürfen schwangere Ärztinnen beispielsweise unter abgesicherten Bedingungen weiterhin operieren und bis 22 Uhr arbeiten. Ein Beschäftigungsverbot für Schwangere kann nun nur noch bei „unverantwortbarer Gefährdung“ ausgesprochen werden, allein die Tätigkeit im OP-Saal ist kein Ausschlusskriterium mehr.

Umsetzung des Gesetzes findet nicht statt

Um die gesetzliche Umsetzung der Verbesserungen sollte sich der nach § 30 MuSchG gebildete Ausschuss für Mutterschutz kümmern. Bis heute aber liegen keine Ergebnisse vor. Das gehe massiv zu Lasten berufstätiger Frauen, kritisiert PD Dr. Barbara Puhahn-Schmeiser, Vizepräsidentin des DÄB: „Es behindert schwangere Ärztinnen, aber auch andere Beschäftigte im Gesundheitswesen, übermäßig in ihrer Berufsausübung – und mindert so ihre Karrierechancen.“

Die unbefriedigende Situation hat den DÄB jetzt veranlasst, sich in einem offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn, Bundesjustiz- und Familienministerin Christine Lambrecht und Arbeitsminister Hubertus Heil zu wenden.

Der DÄB fordert Lambrecht sowie alle weiteren mitwirkenden Bundesministerien und den Ausschuss zum Handeln auf: „Der Ausschuss für Mutterschutz muss die erforderlichen Regeln und Handlungshilfen für die Praxis zügig konkretisieren. Die zuständigen Bundesministerien sowie die Arbeitsschutzbehörden müssen ihrer Verantwortung für die Umsetzung gerecht werden“, heißt es in dem offenen Brief.

Dass sich die Optimierung der Umsetzung des Gesetzes so hinzieht hat auch mit der Struktur des Ausschusses zu tun. „Zielsetzung des Ausschusses war es, möglichst viele Gruppen einzubeziehen, um so die Interpretation des Gesetzes so breit wie möglich zu gestalten.

Hierdurch gibt es viele Unterausschüsse und Arbeitskreise- das ist einfach ein sehr komplexer Verwaltungsapparat“, erklärt Puhahn-Schmeiser gegenüber Medscape. Auch die Pandemie hat ihren Teil zu den Verzögerungen beigetragen.

Probleme bei der Weiterbildung: DÄB-Umfrage zeigt dringenden Handlungsbedarf

Häufig ist es bisher so, dass schwangere Medizinerinnen kein Blut abnehmen dürfen, Ärztinnen in Weiterbildung zur Fachärztin für Chirurgie an keiner Operation teilnehmen dürfen und auch keine Interventionen wie z.B. eine Bronchoskopie durchführen dürfen.

Stattdessen verbringen schwangere Ärztinnen ihre Weiterbildungszeit damit Arztbriefe zu schreiben. „Das ist aber keine weiterbildungsrelevante Tätigkeit, wird die Zeit fast ausschließlich damit verbracht ist sie aus beruflicher Sicht verloren“, sagt Puhahn-Schmeiser. Individuelle Arbeitsplatzanpassungen müssten konsequent durchgeführt werden, „um die Arbeitsbedingungen sicher zu gestalten und so eine weiterbildungsrelevante beziehungsweise tätigkeitsrelevante Weiterbeschäftigung zu ermöglichen, die Frauen beruflich weiterbringt“.

Die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage des DÄB Ende 2020/Anfang 2021 hatten gezeigt, dass es einen dringenden Handlungsbedarf gibt. An der Umfrage hatten sich 790 Ärztinnen und Medizinstudentinnen online beteiligt, darunter Mitglieder des DÄB, Mitglieder von Opids (Operieren in der Schwangerschaft), des Marburger Bundes, des Hartmannbundes und Chirurginnen. Das Gros der Befragten waren Ärztinnen in Weiterbildung.

43% der Befragten gaben an, Bedenken zu haben, ihre Schwangerschaft dem Arbeitgeber zu melden. Bei den Medizinstudentinnen waren es sogar 53%. 17% der Befragten mussten nach Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft ihre Tätigkeit beenden, nur 7% konnten unverändert weiterarbeiten. Die große Mehrheit, 63%, erlebte deutliche Einschränkungen und durfte nur bis zu 50% ihrer vorherigen Aufgaben ausüben.

Studentinnen noch stärker benachteiligt

Bei den Medizinstudentinnen waren die Nachteile noch eklatanter: Nur 2% der Schwangeren konnten uneingeschränkt weiterstudieren. Insgesamt fühlten sich 43% der Befragten durch die Umgestaltung ihres Aufgabenbereichs in ihrer Karriere behindert.

 
Wegen der drohenden Verzögerungen entscheiden sich viele Schwangere dafür, so lange wie möglich die Schwangerschaft nicht zu melden. Deutsche Ärztinnenbund
 

„Wegen der drohenden Verzögerungen entscheiden sich viele Schwangere dafür, so lange wie möglich die Schwangerschaft nicht zu melden. In dieser Zeit verlagert sich aber auch die Haftungsfrage ins Private: eine zusätzliche psychische Belastung der werdenden Mutter“, heißt es in dem offenen Brief.

Nachteile für Schwangere Studentinnen minimieren

Die Novellierung des Mutterschutzgesetzes soll gerade auch die Situation von Medizinstudentinnen deutlich verbessern. „Schwangere sind beispielsweise von Präparations- oder Pathologiekursen ausgeschlossen, die Kurse dürfen nicht besucht werden. Dadurch verliert man im Studium erheblich Zeit“, berichtet Puhahn-Schmeiser, denn die medizinischen Fakultäten geben die Kurswahl vor. Das heißt, nicht besuchte Kurse können nicht einfach im nächsten Semester nachgeholt werden.

Das sollte sich ändern: „Wir fordern mehr Flexibilität. Es muss für schwangere Medizinstudentinnen eine Möglichkeit geben einen versäumten Präp-Kurs schneller nachholen zu können“, sagt Puhahn-Schmeiser. Ein anderer Aspekt sind die Famulaturen: „Bislang dürfen Schwangere noch nicht einmal Blut abnehmen, da stellt sich schon die Frage wie sinnvoll eine Famulatur unter solchen Bedingungen ist.“ Puhahn-Schmeiser wünscht sich, dass auch dabei die individuelle Gefährdungsbeurteilung einfließt: „Ein gewisses Restrisiko gibt es ja immer, es geht aber darum, etwaige Risiken durch Anpassung des Arbeitsumfeldes zu minimieren.“

 
Wir brauchen jetzt klare Vorgaben, wenn es erst in ein paar Jahren Regelungen gibt, hilft das den jetzt Betroffenen nicht mehr. Deutsche Ärztinnenbund
 

Der DÄB hofft darauf, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen schneller angepasst werden: „Wir brauchen jetzt klare Vorgaben, wenn es erst in ein paar Jahren Regelungen gibt, hilft das den jetzt Betroffenen nicht mehr. Auch die Haftungsfrage muss endlich geklärt werden.“ Wichtig sei, dass jetzt schnell etwas geschehe: „Sonst drohen einer ganzen Generation von Ärztinnen berufliche Nachteile, die zeitlich in ihrer gesamten Laufbahn nachwirken.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....